Mittwoch, 13. September 2017

Modellbau



aufgenommen in der klangschmiede süd februar 2011

text und regie: michael perkampus
aufnahmeleitung und mastering: fafnir fiedler
erschienen in der edition taberna kritika

sprecher: michael perkampus, stephanie petrussek, 
fafnir fiedler, claudia maulwurf

»Das sieht alles so roh und verletzlich aus …«
»Nunja, es ist ja auch frisch geschlachtet.« Ogreiner grinst sein fleischiges Mundwerk zur Kundin hin. Im Hintergrund die Poster mit den Hellebarden, eins mit dem Porträt des alten Perdix, Sägemotoren zu seinen Füßen. Im Öl schwimmen Rinderhüften, Haut, Horn. Auf einem großen abgeschabten Holztisch Schlachtschussapparate, eine Wanne voll Blut, auf der einige blau perlende Blasen wippen, zumindest sieht das so aus. Die Knochen … »wenn Sie die nicht zerhacken, können wir sie wieder zusammenbasteln. Die Kinder hätten ihre Freude daran, wollten schon immer ein Skelett. Klar, die Kuh ist ziemlich groß (oh ja), die paßt nicht in ein Kinderzimmer … Wissen Sie, wir haben ja beide Bankert in nur einem Zimmer unterbringen können (verstehe), andererseits wäre es doch mal was anderes …«
»Ich kann Ihnen aber auch ein Kalb von den Knochen schälen, wenn Sie das …«
Sie schürzt die Lippen, ihr Atem will raus. »Ich hätte da aber eine Bitte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
»Na sagen Sie schon!« Kauft seit Jahren ihr Fleisch in der Werkstatt, da will man nicht Nein sagen: Rinder, Lämmer, Hühner, die ganze Arche Noah; den Tranchierkurs besucht sie auch, auf dem Auto ein Aufkleber: ›Wir fressen Vieh‹.
T-Shirts, Taschen im Haut-Look, sogar die Marmelade im Schweinsdarm, Brot in der Pelle, Fleischreste im Hundetrog … »kochen wir immer ab, ich sag's Ihnen, roh würde der uns doch glatt selber anfallen, der Heini.« Heini der Molossoide. »Könnten Sie die Knochen nummerieren?«
Wie er also da kniet und die Knochen, auf dem Boden rutschend, die Zunge zwischen den Zähnen wie ein weggetretenes Kind, nummeriert, kommt Ameli rein und fragt, was er da treibe. »Ich nummeriere die Knochen eines Kalbes. Frau Ludwig hat mich drum gebeten.«
Ameli hat sowieso das Gefühl, daß er zu viel für die Kunden übrig habe … »aber sag mal, ist das nicht überhaupt eine gute Idee, das Schlachtvieh als Modellbausatz anzubieten? Besser als hier im blutigen Sibber rumzurobben.«
»Scheiße, das Gelenk ist hinüber!« Ogreiner wirft es in die Ecke. »Gib mir mal das andere.« Er deutet wurstig auf den Tisch.
»Das Schweinsding?«
»Ja.«


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