Donnerstag, 21. September 2017

Julio Cortázar - Erzählungen

Julio Cortázar war einer der Begründer dessen, was als Lateinamerikanischer Boom bekannt wurde. Ein Romanschriftsteller, Dichter, Dramatiker und Essayist war er, aber - und das ist das Wesentliche seiner Arbeit - vor allem ein fleißiger Erzähler von Kurzgeschichten. Er begann seine Arbeit unter dem Einfluß des Surrealismus. Seine phantastischen Erzählungen beginnen meistens mit einem gewöhnlichen Setting, in das unerwartet das Fremde, Seltsame einbricht. Seine Tätigkeit als Übersetzer, inklusive der Erzählungen Poes, beeinflussten sein Schaffen ebenfalls.
Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es scheint oft so, als stünden sie in Beziehung zueinander, wären verbrüdert und verbunden durch eine Röhre. Viele solcher Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H.P. Lovecraft, während andere unheimliche Elemente benutzen um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offenkundig, in anderen Fällen braucht es mehrmaliges Lesen, bevor sie verstanden werden. Das ist der Fall bei Julio Cortázar.
Nehmen wir das Beispiel 'Axolotl' und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:
"Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden in ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl."
Der Schlüssel an dieser Stelle ist nicht die ausgesprochene Transformation, sondern die Beobachtung und das andächtige  Schauen. Man kann die Geschichte als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische "uns" (Axolotl) mit dem menschlichen "ihn" (der Mensch) vertauscht.

Am Anfang der Geschichte geht der Erzähler angefangen von der Faszination dieser Amphibien im Larvenstadium dazu über, mehr und mehr Informationen über sie zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.
"Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte."
Hinter dem Gefühl der Obsession lauert etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremden. Im Laufe der Geschichte beginnt sie mit wiederholten Verweisen auf ihr Ursprungsland Mexiko, zurück zu den Azteken, die über das Land herrschten, bevor die Spanier kamen, Formen anzunehmen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Erzählung so deuten. Und doch könnte das alles auch eine Metapher sein für die Faszination für eine fremde Kultur, die soweit geht, komplett in sie eintauchen zu wollen, und zwar soweit, dass sie mit der ursprünglich eigenen Kultur getauscht wird. Dieses Gefühl fremder Akkulturation taucht in vielen Geschichten und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistsichen Geschichten, wie in seinem brillanten und epochemachenden Roman "Rayuela".

In seinen Geschichten verwendet Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu erforschen. In "Das besetzte Haus". Die alternden Geschwister, die in Abgeschiedenheit im Haus ihrer Großeltern leben, spüren, dass etwas in ihren abgeschlossenen Lebensraum eindringt und sie dazu zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das durch die Erzählung sickert.

"Südliche Autobahn" ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen Stau im kafkaesken Stil. Die im Stau steckenden versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich soweit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln "Axolotl", indem sie von eindeutiger Realität in seltsame, surreale Landschaften hineinrutschen. was real ist und was Ausgeburt der Phantasie, verschmilzt unentwirrbar miteinander, wird zu einer halluzinatorischen Einheit.

In den "Hüpf- und Sprungszenen" seines grandiosen Anti-Romans "Rayuela" zeichnet Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner einstigen Geliebten Maga. Auch hier kommt es zum Zusammenprall der Kulturen, zu einer verschwommenen Linie zwischen Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus "Axolotl". Sein Taumel durch Paris und Buenos Aires, auf der Suche nach Maga, kann ebenso für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Da gibt es Momente der stillen Bedrohung, ähnlich der des "besetzten Hauses"; und dann sind da die Momente, in denen Oliveiras Suche Quixotische Züge annimmt.

Im Laufe seiner 35 Jahre währenden Karriere als Schriftsteller hinterließ Cortázar eines der mächtigsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts unter Verwendung des Surrealismus, des Kulturkrachs, Selbstidentität und der Frage, wo Realität endet und Halluzination beginnt. Seine instabilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlaubten ihm, durch das Unerklärliche Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie es ein 'Realismus' niemals zu Wege bringen kann. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten und offenbart dadurch beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal wird das durch den Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit ausgedrückt wie in "Axolotl" oder "Das besetzte Haus".

Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist beinahe unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit bei einem ersten Lesedurchgang zu erfassen und er ist einer jener wenigen Autoren, die man wieder und wieder mit Genuss lesen wird.

Olga und der Ring



Olga öffnete die Tür und fand einen Ring. 'Natürlich', wird jetzt jeder sagen, 'natürlich fand sie einen Ring. Das ist ein Märchen, und da findet irgendjemand, der dann vielleicht auch noch die Hauptfigur ist (oder mit ihr in direktem Kontakt steht), ihr Gegenspieler sein mag, immer einen Ring oder ein anderes Artefakt.' Trotzdem hatte es etwas Besonderes mit diesem Ring auf sich: Er war nämlich gewöhnlich.


Mittwoch, 20. September 2017

Nymphentag 77

Die beiden Belegexemplare der Sonderausgabe IF sind heute angekommen, und ich muß sagen: das ist ein fettes, umfassendes Kompendium, das jetzt schon Kultfaktor besitzt. Tobias Reckermann, selbst Autor und kurzzeitig im Nymphenbad als Rumor zugange, hat hier hervorragende Arbeit geleistet. Natürlich unterscheidet sich das Nymphenbad von den Anforderungen des Magazins. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leser mit einer gehörigen Portion Unverständnis auf das reagieren, was sie im Weblog lesen, nur muß ich anmerken, daß ich, um mental dorthin zu gelangen, wo noch niemand gewesen ist, keine Grenzen der Sprache anerkenne. Überhaupt sind die Machenschaften einer Konsensliteratur für mich ein steter Quell des Zorns, der an Dummheit nicht mehr zu überbieten ist. Das phantastische Element, das wir in der gegenwärtigen Hochphilosophie vorfinden (wo es auch hingehört), darf nicht durch künstliche Grenzen des Sagbaren aufgehalten werden. Die Strukturen des Phantasmas begründen eine Wirklichkeit, die wesentlich ernster genommen werden muß als das grenzdebile Geschwätz von "Realität" oder "Realismus". Mensch lernt natürlich nichts im Laufe der Zeit, und Akademiker lernen in der Regel am wenigsten, sie gehören meist zu den "schlausten Deppen" des Planeten. Wir benutzen unsere Sprache falsch, wir benutzen eine falsche Sprache. Das ist der Ansatzpunkt. Unmögliches ist nicht zu beschreiben, dazu braucht es eine "unmögliche Sprache". Diesbezüglich bin ich natürlich ein Sprachpionier, ein notwendiger, geächteter Solitär der deutschen Sprache.
Aber ich habe hin und wieder auch etwas zu erzählen, und wenn das so ist, werde ich es mit Inbrunst tun. Jetzt aber werde ich mir die "Bibel des Horrors" durchlesen und mich daran erfreuen, etwas Wertschaffendes in Händen halten zu können, es kommt ja selten genug vor.

Kältekontainer



Sprecher: Michael Perkampus / Sarina Mira

Dienstag, 19. September 2017

Ball & Bällin

Ich wollte sprechen. Doch es kam nichts. Meine Stimme. Sie blieb mir einfach im Hals stecken. Ich versuchte es erneut, wollte dir doch unbedingt etwas sagen, wollte mich äußern. Doch wieder blieb sie stecken. So, als hätte sie ihren eigenen Willen. Ich spürte sie in meiner Kehle. Nicht einmal unangenehm. Weich sogar. Ich fasste an meinen Hals. Dorthin, wo ich sie spürte. Sie bewegte sich, fand den Weg nach oben in meinen Mund. Das war in keiner Weise unangenehm, eher salbig in meiner Kehle. Ich spürte sie auf meiner Zunge, gar nicht sehr konsistent, aber wie schon gesagt: irgendwie weich. Ich schaute dich an. Du wartetest. Wartetest, dass ich etwas sagte. Ich ließ sie auf die Innenfläche meiner linken Hand hinab. Sie sah aus wie ein kleiner Nebelball. Nebel, der sich bewegte. Du schautest erstaunt, wolltest auch etwas sagen, aber du konntest es ebenso nicht, dir passierte dasselbe. Auch du ließt dir deinen von deiner Zunge über deine Lippen auf deine linke Handinnenfläche gleiten. Betrachtetest ihn. Gabst ihn mir in die Innenfläche meiner anderen Hand. Meine Bällin fing zu vibrieren an, hüpfte leicht. Deiner tat es ihr nach. Wir schauten uns beide an, völlig verwundert. Ich nahm meine beiden Hände zu einer Schale zusammen. Sofort begann dein Nebelball meine Bällin zu umkreisen. Kreiste und kreiste um sie. Sie vibrierte wieder. Rempelte gegen deinen. Wollte ausbrechen, ihn auch zu umkreisen. Deiner rempelte zurück. Sie rempelten sich. Ein bisschen fest, wie ich fand. Und so standen sie dann nach einer kurzen Weile, ohne sich zu bewegen, voreinander. Atmeten. Zogen sich zusammen. Breiteten sich aus. Als würden sie sich tatsächlich anschauen und verschnaufen. Wir lächelten darüber. Waren zu alledem ja nackt. So nackt, wie zwei Menschen es nur sein können, wenn sie das erste Mal voreinander entblättert stehen. Wir legten uns. Ich gab dir meine Bällin in deinen Bauchnabel, behielt deinen bei mir. Er hüpfte wieder. Aber diesmal vor Vorfreude. Als wüsste er, was meine gleich tun würde.

Was tat sie dir? Gib es zu, sie leckte! 

Leckte sofort drauf los. Leckte deinen Bauch, leckte über deinen mons pubis, rollte wild auf dir umher. Saugte an deiner linken Brustwarze. Ich legte mich auf meinen Bauch. Du nahmst mir deinen aus der Hand, gabst ihn mir auf Steißhöhe in die Mulde meiner Wirbelsäule. Mein Nebelball stand dabei still auf dir. Glomm im Innern. Deiner rollte sich mehrmals meine Mulde hinauf und hinab, nahm Schwung auf, erklomm meinen Hintern. Biss mich.

Wie das denn? 

Meine Bällin hüpfte auf dir. Und wie sie es tat! Zerließ sich beim fünften Aufkommen auf deinem Bauch, rann wieder zusammen, floss zu deinem Mund hinauf. Das tat deiner meiner nach, floss aber in die Spalte meines Hinterns, langsam und nach vorn. Ich schloss die Augen, fasste nach dir. Du fasstest nach mir. Mein Stimme, sie tropfte von dir auf mich, tropfte als du über mich kamst. Ich hob meinen Oberkörper an. Sie sammelte sich auf mir, umlief meinen Rücken zu beiden Seiten, küsste meine Zitzen und tropfte herab. Ich hörte dich stöhnen. Ich hörte mich. Wir hörten uns.

Der Pionier



Da es ihm nun schon einmal passiert war, wollte er es natürlich auch
                                                                                        verschweigen.
Daß sich vor ihm Brücken bildeten, wenn er auf ein Hindernis
                                                                                              zusteuerte,
das kam erst später. Also saß er auf der Küchenbank, drückte
sein Gesicht in die Suppe und erinnerte sich an all seine Taten,
bei denen er die rechte Hand nicht eingesetzt hatte, verschluckte
sich an mehreren Wintern, trug diesmal jedoch nicht so dick auf.
"Ich sterbe", dachte er, was immer das zu bedeuten hatte.
"Ich sterbe im Saloon zu Memphis." Und damit war der Fall erledigt.


Montag, 18. September 2017

SSB - 4 - Nach dem Sturm, Einschub 1 (Der Böhmwind)




Die Augenbirnen in den Nußschalen, in regengebadeten Prismen, also ein künstliches Land. Ohne mich zu kennen, bin ich gerannt und schüttelte Hände im Sturm Alabasters, die Sagen vergessen das Land unbekannt. So stehen die Ritter bei Grabe und schmettern Gewölk vom Gesicht in die Tiefe aus den Höhlen der Mesmerei, dort hatten sie einst Schafe erschaffen mit Wolle durch silberne Lettern und Angst an der Wand stets in Blei. Es scheint mir alles zu sein und ich weiß nicht : es scheint eine Art Stille zu sein, die uns in ein Vakuum fließen läßt und ich weiß nicht : es scheint eine Art Verzweiflung zu sein, die uns einander näher bringt.

Empfinden und Loch

Das Empfinden wird in eine große Sache gegossen. Die große Sache ist demnach zur Hälfte voll geworden. Das Loch ist zu groß für das Empfinden. Die große Sache ist das Loch, das zu groß ist für das Empfinden, das zu klein ist für das Loch, die große Sache. Natürlich wurde falsch empfunden und dann bemessen – ebenfalls falsch, weil falsch empfunden wurde. Man mußte das Empfinden wieder herausnehmen aus der großen Sache und das Loch zur Hälfte zuschütten, aber das Loch fraß alles, die Erde und alles, und vorher das Empfinden und alles. Das alles.

Sonntag, 17. September 2017

Nymphentag 74

Die Erkenntnis wurde erfunden = sie ist kein Bestandteil der menschlichen Natur, nicht der älteste Trieb des Menschen; sie ist nicht keimhaft in ihrem Verhalten, ihrem Streben und Trieb. Die Erkenntnis ist das Ergebnis der Konfrontation und der Verbindung des Kampfes und des Kompromisses zwischen den Trieben. Weil die Triebe aufeinander stoßen, miteinander kämpfen und schließlich zu einem Kompromiß gelangen, entsteht etwas. Und dieses Etwas ist die Erkenntnis. Sie gleicht dem Funken zwischen zwei Schwertern, der ja auch selbst nicht aus Eisen ist. Es gibt keine vorgängige Übereinstimmung oder Affinität zwischen der Erkenntnis und den zu erkennenden Dingen. Das ist der große Bruch mit der Tradition der abendländischen Philosophie. Der Gesamtcharakter der Welt ist Chaos, nicht im Sinne einer fehlenden Notwendigkeit, sondern der fehlenden Ordnung, Gliederung, Form, Schönheit, Weisheit. Die Welt versucht keineswegs, den Menschen nachzuahmen; sie kennt keinerlei Gesetz. Die Erkenntnis hat mit dieser Welt zu kämpfen. Für die Natur ist es keineswegs natürlich, erkannt zu werden. Erkenntnis kann den zu erkennenden Dingen nur Gewalt antun.

Zeit ist der Träger der Qualität eines Ereignisses im Raum. Raum entsteht erst durch Zeit, und wenn man eines Tages ihre Dimensionen anerkennt, wird das Modell eines Raums nicht mehr benötigt. Synchronizität ist nicht durch Dimensionsausweichung des Raumes zu erklären, zumindest nicht befriedigend. Die Koexistenz von Raum und Zeit, ihre gegenseitige Bedingung (etwa durch eine Raumzeit) ist eine weitere Illusion. Ein zeitloser Raum ist undenkbar. Eine raumlose Zeit nicht.

Eins Zigarette & Eins Bier

Oh. Die Säfte sind traut. Oh. In den Pausen verstaut. Der Hafer des Balkons, die Sonne der Lenden, die güldhuschenden Finger=Fische fangen an einem Anfang an und zapp=happeln all over the great white north der Körperkuppeln, die sich ungestüm auftürmen und Lechzer fahren lassen über das Tal des Raumes (denn links in der Ecke fehlt die Erhebung des Lagers); aber bald wird Draht; und bald werden die Windungen der Ornamentik Einzug halten. Es war: die Magd die Körperkulisse ("Und wirst du ...?!" - "Ich werde ...!" - "Und ob du wohl ...!"), die Herrschaft die Grafschaft die Zeitverschiebung der Körpertau die Mitte der Draperie.
In den Pausen: Morgen bekommst du.
Eins Zigarette & Eins Bier.

SSB - 3 - Der Elvegust, Einschub 1 (Der Böhmwind)




Ich bin im Schloß gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flußrad, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, läßt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.
Die Novelle : hört es sagen von der abgerollten Rolle gelesen (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlaß (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin die unter dem Rhetor andere Rotuli enthält, Frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

Samstag, 16. September 2017

Komposita über das Sterben im Gemäuer

Ultima Thule
Die möglicherweise bekannteste Daguerreotypie von Edgar Poe ist die ›Ultima Thule‹ genannte vom 9. November 1848, entstanden vier Tage nach seinem Selbstmordversuch. Dieses Portrait wurde nach einem Zitat aus Poe’s Gedicht ›Traumland‹ (orig. ›Dream-Land‹) so bezeichnet, weil man in ihm einen Ausdruck trotziger Verzweiflung am Rande des Todes gesehen haben will. Für die meisten Poe-Liebhaber ist dies das Bildnis, das am ehesten zum Charakter des Werkes zu passen scheint.
Baudelaire bescheinigt dem Bildnis, dass Poe dort ein recht französisches Aussehen an den Tag lege, in Wahrheit war der Dichter vom Alkohol gezeichnet. Das ursprünglich recht feminine Gesicht weißt tiefe Furchen auf, die Augenpartien zeichnen sich unsymmetrisch ab.

Doch nun geschieht etwas Merkwürdiges in einem Leben voller Merkwürdigkeiten. Am 13. November, also vier Tage später, sieht Poe bereits wesentlich erholter aus. Zu sehen auf dem ›Whitman-Daguerreotypie‹ bezeichneten Portrait.

Whitman-Daguerreotypie
1849 wirkt Poe dann beinahe wieder hergestellt. Er sieht gesund aus, steckt voller Pläne für die Zukunft, beabsichtigt sich sogar neu zu verheiraten — und stirbt in Baltimore unter mysteriösen Umständen, unter deren Sternen sich sein ganzes düster-tragisches Leben entfaltet hatte.

Poe war, als ich ihm begegnete, etwas älter als ich. Er befand sich wohl, wenn auch die Schatten einer schweren Melancholie die tiefen Augen wie Vorhänge einrahmten. Es faszinierte mich nicht wenig, zu beobachten, wie er nahezu täglich sein Aussehen änderte, ohne jedoch seine charismatische Persönlichkeit einzubüßen. Für uns beide war die Zeit ein Instrument der Willkür, weswegen wir uns nicht an sie zu halten brauchten. Von ihm lernte ich zwei bedeutende Dinge, die er mir, jetzt, wo er auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen hatte, anvertraute. Das eine war das ›richtige Trinken‹ des Absinth. Er bemängelte, dass es sich in der heutigen Zeit allenthalben nur noch um ein Naschen handeln konnte. Er aber, der Künstler des Rausches, gab sich nicht mit den einfachen Genüssen ab. Er scheute sich zu keiner Zeit, in das Innerste eines jeden Tempels vorzudringen, auch wenn das bedeutete, die Kontrolle zu verlieren.

Das andere war das Konzept, sich durch die Geisteskraft immer tiefer in sich selbst hineinzubewegen. Er sprach in diesem Zusammenhang nicht selten von einem Labyrinth mit dem Minotaurus in der Mitte. Das gab er mir als Grund an, warum er niemals einen Roman geschrieben habe, auch wenn er, wie er zugab, oft daran denken musste.

»Die meisten Romane«, sagte er, »sind wie der Faden der Ariadne. Zum einen scheinen sich die Dichter auf sicherem Boden bewegen zu wollen, um den Weg in jedem Fall wieder zurückzufinden. Zum anderen hängt selbst alles an diesem Faden und jeder könnte ihm folgen, wie viel Verwicklungen und Abzweigungen es auch immer geben mag.«
Er selbst wolle jedoch jeden einzelnen Schritt so ausleuchten, dass man sich auf diesen Faden nicht erst konzentrieren müsse, sondern vielmehr den Ort und dessen Atmosphäre im Auge behalten könne. Neben dem Gedicht gäbe es nur eine einzige Vollendung innerhalb der Poesie. Und das wäre die kurze Erzählung. Diese allerdings nahm er in die Pflicht, das Arabeske und das Groteske so herauszustellen, dass sie dem Spiel einer flackernden Kerze ähnele, deren Licht über die Wände des Labyrinths irrlichtert.

»Es geht nichts über die Strategie einer analytischen Logik«, sagte er. »Nur so geschrieben kommt die Erzählung einer Komposition gleich.« »Die Erzählungen der Ratiocination nehmen – obwohl Sie doch jeder mit Ihrem Namen in Verbindung bringt, dann wohl doch den geringsten Teil Ihres Oeuvres ein. Im Gegenteil strapazieren Sie die Logik dort gehörig!« sagte ich, schon etwas trunken ob der späten Stunde.

»Was zerschmettert uns mehr als das Hinscheiden einer geliebten Frau? Was wäre poetischer als der Tod eines blassen Schwans, so dass unser Geist die wildesten – wohlgemerkt tief purpurnen – Blüten treibt?

Ist die Komposition mit einem ästhetischen Gemäuer verknüpft, das wie im Zusammenspiel von Grundton, Terz und Quinte nur auf ein Ziel zusteuern kann: den Wahnsinn, aus Schmerz und tiefer Verzweiflung erlangt, dann ist sie nichts anderes als der Kontrapunkt. Denn der Wahnsinn und die Dekadenz, aus der die Empfindungen sprießen, die wir jenseits vermuten, sind gerade der Gipfel einer analytischen Logik, die sich darin gleich wieder selbst karikiert. Denn dass die Liebe über den Tod hinaus akut bleibt, ist keine Zutat der reinen schwärmenden Phantasie, sie ist das Monströse unserer eigentlichen Einsamkeit.«

Mr. Poe war oft sehr schwer betrunken, was man ihm nicht eindeutig ansah. In diesen Momenten trieben seine Dämonen ihm Blüten auf die Wangen und seine Augen zeugten von erhöhter Nervosität. Die Qual der Besessenheit indes wusste er nur zu mildern, indem er die Feder zur Hand nahm, was er aber nur vermochte, sobald die Wirkung des Alkohols im Abklingen begriffen war. Es galt ihm, den richtigen Moment zu erkennen, denn sobald der Zenit des Rausches überschritten war, kam sehr schnell der Kater über ihn, den er nur mit Opium zu lindern vermochte.

Wie alle Lebenselixiere, ist gerade das Feuerwasser das Gefährlichste. Es stärkt den Geist durch flüssig gewordenes Blut, das Leben rast durch die Adern und bringt alle Eindrücke, die der Körper kaum mehr zu archivieren weiß, in magische Aufruhr. Sie werden überdacht und neu zusammengesetzt.

Was also der Körper dort am Grabe von ihrem Geist empfing, hat weder das Auge bemerkt, noch vermochte das Gefühl durch die Kleidung zu dringen, so dass ich hätte seufzen mögen: »Virginia ist’s dort im Windhauch.« Und doch: es blieb dem bisschen Leben nichts anderes, als nur sie wahrzunehmen. Vielleicht hing die Erinnerung zuletzt gar nicht im Hirn, sondern außerhalb von uns.

Dok1 / to wait


Ein mit Propofol gefüllter milchweißer Kubus schwebt in der Mitte des Teilnehmerparkours. Wer ihn als erster erreicht und auf die richtige seiner sechs Flächen stellt, darf, nach 30 Jahren Abwesenheit, das, bei geführter Hand, selbst signierte Selbstportrait „Happy“ in einer eigenen Ausstellung betrachten, in der jeder vom Himmel geholte Black Hawk der protokollierten Kriegsgeschichte der Menschheit von der Decke herunter ragt. Die anderen entfallen. Das zu tragende Flügelhemd wird dem Sieger zuvor an der Garderobe ausgehändigt. 

Ist dies geschehen, wird zu seinen Füßen der Schatten eines Falken erscheinen, der ihn, begleitet von kräftigen Ovationen, zu seinem Empfang führt. Tief dort unten im Eise. Dort, wo es dunkel ist, sind die Empfänge heller.

Eruptogenius (Haltbarer Kristall)



Freitag, 15. September 2017

Die Rückläufigen Ängste der Konz



Tanze, Konz,
Tanze in der Milch menschlicher Kindheit!

Brosamen-Skizze, Katarakt-Design, Wildflächenstraße,
Reh-Hirsch kreuzt beim Rasieren das Waschbecken des
Grauens. Her mit der Hand, du Wildwuchs der
Posaune! An den Schunkel-Liedern erstickt die
Gefällige Masse, der Spasmen-Fanclub. Das
Blöde Licht spottet der Morgenwäsche, dem
Eingeölten After, der rasierten Zwetschge.

So ein Tag, so butterbroten wie heute. Im Porno
Kino : Minnie Maus mit Dildo.

Das Veloziped ronderte und rumpte über die
Schlank anzusehende
Straße ohne Kurve, ohne Gerade, ohne Teer, ohne Fuß
Gänger, überhaupt gab es keine Straße &
Das Veloziped war vielmehr ein Bein in Socken,
Oder zwei Beine, vom Rumpf getrennt, die über
Ein Waschbrett stompten & Geräusche machten,
Als würde Seifenlauge gemischt. Aber hinten
Krächzte ein Hahn, stellen Sie sich das vor!

Fand der Metzger seinen Dollar wieder, den er
In einer Schweine-Fud vor dem Finanzamt versteckt hatte?
Aber ja, Konz, aber ja! Gegrillt
Eines Tages & ganz speckig.

                      „Kettjupp!“

Worte der Freude, auch bei einem, der
Mit dem Messer tapeziert
Blutwände & Bänke, Tische, Spülbecken, Eimer,
Nußschalen, Girlanden, Nähnadeln, Zwirnkammern,
Büchsengemüse, mexikanische Hemden, Politikerfratzen,
Scharniere, Windeln, Tagträume & Wochenenden.

Setze dich nieder
Mit einer Dose Bier &
Quantisiere!

Die Klospülung betätigen, um das
Meer rauschen zu hören, eine Palme
Aus Scheiße modellieren. Das bist du,
Der aus der Ordnung für die Ordnung
Wieder in der Ordnung unterkam. Du

Befehligst eine Armee; die Soldateska besteigt
Dich königlich, spritzt das Fieber unter deine
Haut & wartet, bis du zum Transport bereit bist.

Gummistern in den Himmel,
Wenn kein Stern da ist, ein
Gummistern zu sein, oder
Wenn kein Himmel da ist, das
Licht ausknipsen.

Knipsen & schalten sind Geschwister,
Gummistern ist nur ein Wort wie
Jedes andere. Kennen Sie Hui Buhs
Gesammelte Werke? Dort steht der
Verwandlung nichts im Wege.


IF#666 - das Magazin für angewandte Fantastik


IF Magazin #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Philosophisch in den Herbst hinein geht es mit der Sondernummer des IF-Magazins, das just ab heute zu beziehen ist. Tobias R. hat sehr viel Mühe investiert, und ich kann noch nicht beurteilen, wie die anderen Beiträge sind, da es mir noch nicht vorliegt, aber über Alberas Essay: Die Erotik im literarischen Horror, oder das Zwiegespräch zwischen mir und Tobias: Horror denken, lässt sich sagen: Es sind Statements. Darüberhinaus gibt es neben vielen anderen und stilistisch abwechselnden Stories meine Dorothea zum ersten Mal in der Endfassung. Daß ich zudem das Vorwort beitragen durfte, ist mir eine besondere Ehre.

Nephele


Nicht der sein

Nicht der sein, mit dem man sich trifft, sondern der Getroffene, der dort schon steht, wohin der Weg die Schritte lenkt; hinausschreiten, ausschreiten: dann verwandelt sich alles in die Erlebniswelt dessen, was erinnert ist.

Wie es mich beruhigt, wenn sich die Schatten legen, wenn sich die Nacht klart und schließlich aufhellt, wenn die Sonne der Lustfaktor ist, wenn ich mich mit den Schatten versöhne, die den Weg frei geben zur Rose, wenn Schmetterlingsflügel Transformationen ankündigen. Die Rose, die dem Blut des Adonis entsprang, dem schönen Liebhaber der Aphrodite, blüht noch dort, wo der Eber Ares ihn tötete.

Hier ist es geschehen, hier überblickt man das Rosenbett, die Blüten, die sich zur Sonne hinwenden, weiblich, mit ihrem Duft erregenden Rosenduft zwischen den Schenkeln.

Donnerstag, 14. September 2017

Aiga und Hybris

Wie ich dann doch einmal komplett verzweifelte, war eine Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Vor langer Zeit. Näher gebracht hatte ich sie dir. So nahe, dass du eigentlich durch sie hindurchschauen konntest. Denn noch näher wäre nicht möglich gewesen. Unmöglich gar. Aber das Wunderbare am Unmöglichen ist ja, dass wir es wieder und wieder versuchen. Manchmal auch mit einer gewissen Hybris, egal ob beide Beine mitmachen oder nicht. Ob du einfach einen Fuß vor den anderen setzen kannst oder nicht. Bis es wieder in Ordnung ist und du über Schrittabfolgen nicht mehr nachdenken musst. So, wie zuvor.

H y b r i s. Allein das Wort legte sich manchmal wie ein Kranz um ihren Kopf. Als wär´s ihr Haar. Dann ist es, als wolle sie nackt, nur mit einem Rock bekleidet, diese Nordwand erklimmen. Und sie tat es. Während Aiga, die felsige Trollin, herzlich darüber lachte. Ihr Handy trug sie dabei in ihrer Rocktasche, um ihre Mutter sprechen zu können, sollte es möglich sein. Ihr zu sagen, dass sie, immer wenn sie mit ihr telefonierte, wenn diese in den Bergen weilte, jedes Mal empfand, sie höre einem Mädchen zu, das noch ganz leicht seine Träume träumt.

Oftmals, nach einem solchen Gespräch, stellte sie sich vor, dass sie irgendwann einmal ein Säugling war, den diese junge Frau gestillt hatte. Und so muss es ja auch gewesen sein. Nur kam ihr dieser Gedanke dermaßen seltsam vor. Sie. Ein Säugling? Denn tatsächlich war ihr jene hellklingende Stimme, die sie soeben auf der anderen Seite der Leitung gehört hatte, fern, irgendwo inmitten der Berge, derart real, dass es sie selbst - in diesem Moment - doch gar nicht geben dürfte. Eine Tatsache über die sie lächeln musste.

Lillebrök (Die Phantasiererin mit dem geisteskranken Shawl, oder: Brache Wasser, stille Spucke)



Sprecher: Michael Perkampus, Sarina Mira

Rauschhafte Zeremonien am Rande des Gartens

Vor einem Jahr

Der Einschlag geschieht in den richtigen Sektoren; die Woche hat ihren Mittwoch erreicht. Bereits jetzt schält sich aus gewissen Lichtungsergebnissen eine Reise in den neblichten Aspekt, anberaumt für das nächste Jahr, aus den Ereignissen heraus, die sich nicht nur mehr überschlagen, sondern, ganz famos, gleichzeitig sind. Ein Zustand also, den das Wort nicht erreicht, sobald es Raum betritt. Hier schichten sich Schichten zu neuen Schichten, verankern sich, bedingen sich und weben neues Sphärenmaterial.

Frühstück auf dem Markt; im Künstlerhaus am Nachtmittag treffen wir Kokko. Das wir ist kein Zufall. Wie schnell man sich verdoppelt, wie schnell man sich wirklich verdoppelt und dann vierfach sieht. Ende für heute.

Mittwoch, 13. September 2017

Links ist da, wo der Daumen rechts ist

Gesagt : getan, die Wahl: steht noch aus. Trotz vier Beinen, die aus zweierlei Gründen den Erdball im Gummilauf nahmen, standen wir beide pünktlich um Zehn auf der roten Matte der Linken. Dass sich solch ein noch Farbe bekennendes Politzelt in Kempten aufschlägt, ist erstaunlich und gut, steht dem Rot in extremo doch allenfalls noch ein Braun gegenüber, das sich, folgt man der Logik der Verdauung, konsequenterweise einen Weg in die Welt bahnt, stellen wir den Hirntod des jeweils weiterhin wandelnden Wirtes fest, der seine Denkmuskeln abbaute, ohne es je mitbekommen zu haben, freilich: da er sie ja nie nutzte. Alle anderen Farben sind entweder abgewaschen oder stark gebleicht. O.k., ich räume ein: Kapitalschwarz gibt es noch. Und das in erster Linie. Und höchstwomöglich bis zum Schluss.

Wann ist das eigentlich: Schluss?

Die Apokalypse war ja schon. Scheint nur oft so, als hätte es niemand mitbekommen. (So allgemein gefühlt. Was sonst. Individuelle Ansprache und Antwort gebärdet sich ja doch. Wenigstens das.) Liegt an den Glocken in Aspik! Wo möglich wurden sie stillgelegt. Ja, seit wann sind wir denn Postapokalyptiker? Sind wir es seit der Einführung des Euro? Sind wir es seit der 68er Bewegung und ihren Folgen? Oder sollte ich nicht globaler denken und mich fragen: Sind wir es seit wir uns mit Pelz und Keule auf Wanderschaft begaben, uns hier und dort siedelnd niederzulassen?

Niederlassungen. Kniefälle. Herabkünfte: Worte, die poetisch wabern aber dunkel im Gehalt. Hiobs Scharen. Oder warten auf die Engel archai?

Der wirtschaftliche Anschluss ist ein dickes Kabel, das Deutschland in die Dose des Weltkapitalmarkts steckt. Humanfaserbündelung nenne ich das. Oder: Die Helix des Grauens.

So demokratisch, so kapitaldiktatorisch. Demokratie als perfideste Diktatur beurteilt, die ein Wählerabbild in Form gießt, das niemals als eine Repräsentative der Bedürfnisse eines einzelnen Bürgers oder einer Familie verstanden werden darf, dass sich den Einzelnen herausnimmt, ihn zu versklaven, da er, taub und seiner Sinne beraubt, ein Kreuz setzt, wo man es ihm / ihr eben anriet, indem man Meinung machte. Eine in dieser Weise ausgeführte Demokratie ist nichts als eine Diktatur, der ein Apparat einen Schleier nähte und überwarf, auf dass das Gros nicht erkennt, was uns geschieht, bis wir es merken. Was aber ist das Gros? Es gibt es nicht. Dieser Schleier ist wegzureißen. Und solange das so ist, ist die Wahlurne eine Urne. Eine, in die wir unsere Stimmen werfen, uns ein Grab auszuheben, in dem wir stimmlos liegen werden, werden auf diesem Weg Wähler zur Wahl bewegt. All das funktioniert von Weitem betrachtet sehr gut. Wirtschaftlich natürlich. Der Einzelne aber stöhnt vor Schmerz. Wettbewerb durch Arbeitslager. Einkommens- und Lebenserhaltungs-kostengefälle: Die Schere der Nornen ist weit gespreizt. Eingerastet, den Faden nicht mehr so einfach durchschneiden zu können. Der Film Soylent Green stellt eine Alternative vor.

Es sollte nicht jeder einfach so wählen dürfen, die Möglichkeit aber: sollte gegeben sein.

Frühe Vögel
Zum Markt haben wir es dann doch nicht mehr geschafft. Wir Zwei. Dafür aber mit jungem Gemüse gesprochen, das sich engagiert. Sich beauftragt fühlt. Nach und nach kamen immer mehr Zuhörer, Interessierte. Nicht viele, aber immerhin.

Zur Belohnung gab's Bier: Meckatzer Hell. Aus alter Flaschenform. Seit Monaten mal wieder. Eins Bier & Weißwurst zum Frühstück gen Mittag. Gleich nochmal losgehen, noch eins Bier kaufen. °

Joi, was will ich noch sagen ...: Ich bin süß und du bist Ente:


und ein Enthusiast:

Der dichtende Erpel beim Parteivorsitzenden Riexinger

PUNKT

Nymphentag 70

Von der Backfront : noch gestern (dunkel war's, kein Mond schien helle) in den Herbstduft gestiegen, mich hingetastet (obwohl ich doch ein Elektrokleingerät zum Kneten) an den perfekten Honigbatzen, von dreien zwei nach Rachen=Erkenntnis genuß=gut, für die nächsten hellen Tage : noch mehr Honig, noch mehr Zimmet, etwas weniger Nelkenpulver; ach : und Hirschhornsalz fehlte auch diesmal. (Ob ich da mal selbst im Wald?)

Honey Baby
Im Rachen kitzelt das KlingGlöckchen und ich lege mich ganz sicher jetzt schon ins Bett; im GrammaTau bis 20 hochgelesen, am Stand der Linken, man hat in dieser schwarzbraunen Kloake doch tatsächlich einen roten Lichtblick.

Modellbau



aufgenommen in der klangschmiede süd februar 2011

text und regie: michael perkampus
aufnahmeleitung und mastering: fafnir fiedler
erschienen in der edition taberna kritika

sprecher: michael perkampus, stephanie petrussek, 
fafnir fiedler, claudia maulwurf

»Das sieht alles so roh und verletzlich aus …«
»Nunja, es ist ja auch frisch geschlachtet.« Ogreiner grinst sein fleischiges Mundwerk zur Kundin hin. Im Hintergrund die Poster mit den Hellebarden, eins mit dem Porträt des alten Perdix, Sägemotoren zu seinen Füßen. Im Öl schwimmen Rinderhüften, Haut, Horn. Auf einem großen abgeschabten Holztisch Schlachtschussapparate, eine Wanne voll Blut, auf der einige blau perlende Blasen wippen, zumindest sieht das so aus. Die Knochen … »wenn Sie die nicht zerhacken, können wir sie wieder zusammenbasteln. Die Kinder hätten ihre Freude daran, wollten schon immer ein Skelett. Klar, die Kuh ist ziemlich groß (oh ja), die paßt nicht in ein Kinderzimmer … Wissen Sie, wir haben ja beide Bankert in nur einem Zimmer unterbringen können (verstehe), andererseits wäre es doch mal was anderes …«
»Ich kann Ihnen aber auch ein Kalb von den Knochen schälen, wenn Sie das …«
Sie schürzt die Lippen, ihr Atem will raus. »Ich hätte da aber eine Bitte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«
»Na sagen Sie schon!« Kauft seit Jahren ihr Fleisch in der Werkstatt, da will man nicht Nein sagen: Rinder, Lämmer, Hühner, die ganze Arche Noah; den Tranchierkurs besucht sie auch, auf dem Auto ein Aufkleber: ›Wir fressen Vieh‹.
T-Shirts, Taschen im Haut-Look, sogar die Marmelade im Schweinsdarm, Brot in der Pelle, Fleischreste im Hundetrog … »kochen wir immer ab, ich sag's Ihnen, roh würde der uns doch glatt selber anfallen, der Heini.« Heini der Molossoide. »Könnten Sie die Knochen nummerieren?«
Wie er also da kniet und die Knochen, auf dem Boden rutschend, die Zunge zwischen den Zähnen wie ein weggetretenes Kind, nummeriert, kommt Ameli rein und fragt, was er da treibe. »Ich nummeriere die Knochen eines Kalbes. Frau Ludwig hat mich drum gebeten.«
Ameli hat sowieso das Gefühl, daß er zu viel für die Kunden übrig habe … »aber sag mal, ist das nicht überhaupt eine gute Idee, das Schlachtvieh als Modellbausatz anzubieten? Besser als hier im blutigen Sibber rumzurobben.«
»Scheiße, das Gelenk ist hinüber!« Ogreiner wirft es in die Ecke. »Gib mir mal das andere.« Er deutet wurstig auf den Tisch.
»Das Schweinsding?«
»Ja.«


Dienstag, 12. September 2017

lull & lall

Ja: Einfach nur müde. Leicht in Watte gepackt, empfinde ich das als völlig angenehm. Frühes Zubettgehen gestern Nacht.

Vorher: noch die klamme Wäsche auf dem Wäscheständer befühlt, den Duft mit den Nüstern angehoben. Der Mund, sich schon zu einem Brunnen wandelnd, aus dem mehr & sehr floss, was wollte, plapperte noch: Bald schneit es! Du lachtest. Ich tat mir vor meinem inneren Auge einen Knoten ins Tuch, nicht zu vergessen, vor dem nächsten Holunderstrauch meinen Hut zu ziehen, ihr Tribut zu zollen, dass sie mich in der Weise an sich erinnert. Zeitbrot hatte A. Lausbub am großen Abendtisch mir als Wort angeboten, während alle außer ihm aßen.

Stell' die Worte um, Fischseele! 
Dann: Ruhe wahrgenommen: Die Brustkorbhebung. Die Brustkorbsenkung. Die Halbdunkelheit. Die Annahme der Geräusche der Welt. Den eigenen Talg auf dem Kopfkissenbezug riechen. Den Schlaf kommen lassen. Die Verstärkung der Wahrnehmung der Düfte. Keine Codes. Keine Sinne der Gewohnheit. Mich neben dich schlafen legen während du in Entenhausen bist. Mal müde sein. Ja. 

Morgen um Zehn geht´s zum Stand: Die Linke. Danach dann wieder Markt.

18:40 es duftet nach Teig. Du backst gerade Honigkuchen.

Die Fahnen

der Mann, der so an der Theke krümmt und sagt : Sie schulden. Und ich schulde ja nicht, ich bin nur da und ich habe mir das alles nicht ausgedacht. Sie hatte die Idee, die A3=Fahnen vielleicht aufzuhängen; wie sie dann auf der Leine baumeln und bammeln : was wäre das für ein Leinen=Büchlein, für ein Bestimmungsort; ich stelle mir 200 flatternde Seiten vor, Tableaus allesamt, aber noch mehr wie sie wäschegleich wedeln und genausoviel zu sagen haben wie etwa Unterhosen, die irgendwo gewesen sind, verschreibe mich manchmal, schreibe „sie“ statt „sich“ und umgekehrt, tja – und dann noch das Weckblech, das nicht mehr will, weil vermutlich niemand hört

Vor belagerter Höhle



Montag, 11. September 2017

Der Wert liegt in der Absicht

Schriftsteller neigen - ähnlich wie Seefahrer - zu einem gewissen Aberglauben; nicht selten ritualisierten sie den Schreibprozeß selbst. Es ist natürlich nicht so, daß jene, die ein anderes Schreibgerät als die Schreibmaschine nutzen, nur Müll produzieren, aber es fällt ihnen leichter. Das scheint allerdings nicht wichtig zu sein, da sich ohnehin ein kultureller Paradigmenwechsel vollzogen hat, so daß man heute eher belächelt wird, wenn man schreibt, wie man schreiben muß, um wirklich zu schreiben: mit Hand und Maschine. Die Auflösung der Sprachfähigkeit ist nicht nur ein Phänomen, das den "normalen" Menschen betrifft, das nämlich ist nicht tragisch. Die Literatur aber kann Sprachunfähigkeit nur in geringem Maße ertragen. Dort aber tummeln sich jene, die sich kaum mehr mit Sprache beschäftigen, die nicht über Sprache nachdenken und Wortgewalt für schlechtes Wetter halten. Der Computer ist bequem, und er reizt zu unablässigem Durchfall. Fester Stuhl war gestern, so wie die Schreibmaschine. Da unsere heutige Welt ohnehin nur aus Durchfall besteht, fällt man natürlich auf, wenn man einer der wenigen ist, die vernünftig scheißen. Texte entstehen in Kooperation mit dem Medium, das man wählt. Es ist kaum wahrscheinlich, daß ein geschwätziger Roman von 1000 Seiten je in Stein gemeißelt werden wird. Es geht mehr um Konzentration als um Ausbreitung, auch wenn sich viele verdichtete Elemente in ihrer Summe ebenfalls ausbreiten. Der Wert liegt in der Absicht.

Ich bin aber auch ein Landschafter, ich kann ohne Wald und Erde nicht. So richtig ins Leben hinein kam ich deshalb auch nie. Ich hätte wieder und wieder ins Fichtelgebirge zurückkehren können und habe es nicht getan. Eine Großstadt wäre mir völliger Fuck. Als Wohnort wohlgemerkt. Denn eine Stadt ist nicht zum wohnen da, sondern ein Klo, daneben ein Würstchenstand, daneben der Strich, ein Ansammlung, ein Museum der Geisteskrankheit. Faszinierend wie ein Zoo, den man mit Fressi-Fressi in der Hand gerne mal besucht, eine Freak-Show, durch die man tappt, um die fette Frau mit dem Bart zu sehen, oder die siamesischen Zwillinge, die ein Liedchen singen. Zweistimmig. Prima. Abends aber wieder nach Hause, den Kopf schütteln: was es nicht alles gibt! Freilich ist es interessant, aus dem Fenster zu schauen, wie jemand kostenlos abgestochen wird. Man bekommt nur nicht ganz mit, was da gesprochen wird, soweit ist die Technik noch nicht. Und es passiert eben nicht jedes Mal was, man muß dauernd in Bewegung sein.

Viele Zeiten sind's, das muß gesagt werden. Oft war's, als bliebe die Zeit stecken; diesmal nicht, diesmal macht sie einen ihrer berühmten Quantensprünge. Das Weltgeschehen? Geht mir saftig am Arsch vorbei. Mich betrifft die Menschheit nur im Kleinen. In unserer kapitalistisch-faschistischen Gesellschaft ist nur Widerstand oder Flucht möglich. Im Widerstand komme ich zu nichts, in der Flucht fehlt das geeignete Territorium. Also anders: irgendwie überleben. Versuchen, nicht drauf zu gehen. (Und wenn man drauf ginge, wär's nun auch keine große Sache, weil es große Sachen kaum noch gibt, außer die eigenen, die wirklich groß sein können, dann größer sind als irgendwas außerhalb).

Der Geruch der Fontanelle




Es kam vor, daß die Strecke, die zurückgelegt wurde,
gar nicht die Strecke war, von der eine Skizze
existierte. Sie schlüpfte durch eine Ruinen-Lücke,
blieb in geisterhafter Manier verschwunden.

Ging sie noch einmal, auf Händen und Knien,
zurück, um all das, was sie versäumt hatte,
nachträglich zu daguerreotypieren? Oder legte sie sich
eine Hiobsbotschaft zu, die, einem kleineren
Hund gleich, auf Armen ausgeführt werden wollte?

Wir wissen es nicht, aber unter den Grübchen
einer beliebigen Amme steckt noch der Brief
mit Leporello-Faltung, der sich zwar in der
Adresse täuscht, aber ohne jeden Zweifel die
Stelle enthält, die aus deinem Bauchnabel tropft.

Niemand hatte dieses Loch bemerkt, was heißt,
das Loch hatte uns ebenfalls nicht bemerkt. Der Vorteil,
der sich daraus ergab, lag im Geheimnis der
Schaltung der Amphibie verborgen. Nehmen wir
einmal an, das Meer läßt sich zu früh sehen, oder
eine andere Pfütze, eine, die vor der Tür
wartet und wartet, eine,

die imstande ist, Geld zu verlangen, nur
um des Tausches Willen, nicht für eine
eventuelle Exhibition (11 W 53rd St.
Midtown West, New York 10019):

Frauen, die sich Ratten
umbinden –
                 Kanaldeckel, die ihr kreisförmiges Rund
preisgeben, ihr leckgeschlagenes Leben bedeckend,
die Meute vor Ort.

Dann nämlich – und nur dann – lassen die
zweigenden Wege sich sehen, aber auch das ist
                              keine Exhibition,

eher noch ein Reservat für Ideen, Konstrukte,
der Falle entronnen. Die Straßenmitte zeigt eine
wiedererstarkte Leiche im Hemd einer geschlossenen
Boutique. Sollte sie nicht hier sein? An diesem

Tisch sitzen und mit dem Revolver spielen?
Der letzte Schuß ging daneben, traf das Geschirr
mit den merkwürdigen Zeichen auf der Rückseite.


Sonntag, 10. September 2017

Die Liebesmüh

Gestern seit Weilen einmal wieder auf dem Markt gewesen. 3 Kilo Kartoffln gekauft. Kabeljau, um Ceviche zu machen. Büffelmozzarella, in den ich mich glatt hineinsetzen könnte, Limetten und Tomaten aus Sizilien. Einen Berg- und einen Höhlenkäse. Alle Käse hier sind fantastisch. Die vom Stich jedoch sind die Pralinen unter den Käsen. Im Anschluss 2 deiner Hosen zur Schneiderin gebracht.

Vor einem Jahr haben wir auch Ceviche gegessen. Du hast mich die Limetten auspressen lassen, mir dabei zugeschaut.

Diesbezüglich leben wir in einem kleinen Paradies, können uns auch darin als Adam und Eva erkennen. Allerdings, so ist es überliefert, gilt bis heute Eva als die Verführerin, die ihrem Adam den Apfel geradezu in den Mund gab, bevor dieser widersprechen konnte: Da, probiere! Noch nicht wissend, wie ihm geschah, schaute er überrascht, was sie ihm tat. Das mag in vielerlei Hinsicht auch bei diesen beiden, wie ich sie vor einem Jahr erinnere, stimmen, jedoch, was die kulinarischen Freuden und Erzeugnisse dieser Landschaft betrifft, war es Adam, der Eva vorschwärmte, beschwärmte und verführte, ihr Milch und Käse in den Mund gab, sie kosten ließ. Wie wunderbar, noch heute: da kein Alltag eingekehrt, stattdessen All:Tage, die Kraft und Substanz fordern.

Sich gegenseitig nähren, aus eigener gegebener Vorstellungs- und Liebeskraft, den Anderen durchs Leben zu bringen, mit allem, was es bedeutet, mag beim ersten Lesen einen stock- und steinlosen Boden der Leichtfüßigkeit evozieren. Statt eines Ackers eine immerblühende Wiese ins Bild setzen, auf der wir uns leichthändig handelnd betrachten können : Sittengemälde im Museum mit Sittichen. Auf denen sich alles wie von selbst für uns ergibt: Das Bett, in dem wir zu liegen kommen, das sich selbst aus dem Holz des Lebensbaumes schlägt, sich schleift und leimt, sich die Nägel ins Holz treibt, wie auch der Tisch: ein sich selbst deckender, an den uns Stühle tragen. Ein Hirsch, der sich selbst erlegt, sich auf- und ausweidet, uns zu sättigen. Eine Kuh mit Flügeln, die uns eine ihrer Zitzen in den Mund gibt, aus der ihre Milch fließt, ohne dass wir Hand anlegen müssten:

Und alle Schemel fliehen, scheuweiß geworden, ins dunkle Reich der unerfundenen Dinge. 

Das mag das Paradies von einem Schlaraffenland abgrenzen, das mir fern liegt. Ein waagerechter Zustand, lose der Schwerkraft, die uns schwer werden lässt. Schweiß und Blut sind zwei unserer Lebenssäfte, die das Tuch fordern, das sie aufnimmt. Angesichtertrunkene Gewebe. Und so sind wir eben nicht nackt, sind wir nur ledig dessen, was wir Kleider nennen. Die erste Egge, der erste Pflug und die, mit ihrer Benutzung einhergehende Nässe im Kleid weisen uns als jene aus, die eines Schlaraffenlandes verwiesen wurden, das man als Garten Eden ausgibt. Es beschreibt womöglich einen Zustand zweier Wesen, die, ohne sich zu berühren nebeneinanderlagen, von den Dingen gestopft und begattet wurden, ohne dass sich ihre Sinne je geöffnet hätten, hätte nicht Eines der beiden doch nach dem Anderen zu tasten begonnen, um sich selbst gewahr zu werden. So erfuhren wir unsere Leibränder, die jedoch, durch das Aufblühen der Sinne, nicht als Ränder, die der Wahrnehmung eine Grenze setzen, zu verstehen sind, da sich in jenem Moment das, was wir als Seele bezeichnen, in uns entfaltete.

Die erste Berührung war eine Anrührung der Seele in einem Körper, die auch immer eines Körpers bedarf. Gezeigt wurde und wird uns diese Allegorie:

Doch ich spreche von Adam und Eva (Lilith wäre einen eigenen Beitrag wert, ist sie doch bis heute noch immer mit diversen Stempeln versehen, die sie auf dem Tisch unzähliger Sessions etlicher Genderdebatten liegend erhält und erhalten hat. Wie auch Adam und Eva. Arschbackensiegel eingefleischter Politextremisten. Politisch korrekte Pieces of Peace:

Skriptferne Saltcat 

Nackte Spalterfrist. 
Nacktpflasterstier. 

Kastratene PC-Flirts. 

Flickst Sterne apart. 
Staatsk(as)erne. Flirt: pc. 

Fackelstartsprinte! 

Sankt Flirt-Carpet: es 
alpe! Teststirn. Frack. 

Nacktes sparte Flirt. 

Flatterne Sparticks. 
Apfelne Starttricks.

Es ist erstaunlich, wie es mir wie Schuppen von den Augen fällt, da ich dies schreibe, und daran denke, wie oft du Ja, Anrührung! ausriefst, dich mir feilbotst und entgegenstrecktest als Kind, das keine Scheu kennt, das wahrgenommen und liebkost werden wollte, berührte ich dich in der Vergangenheit und tue ich es noch heute.

Wie du mir Mann bist, bist du mir auch Kind. Ich kann das Eine ohne das Andere nicht fühlen und denken. Nicht mehr jedenfalls. Edenfalls oder: Ich will mit deiner Pipi dusen. Will woruckeln, hab's gegießt …

… 2 Milchen, die sich in meinem Bauch, meinem Schmetterlingsmund vermisch(t)en.

Milch und Honig fließen im Liebesfleiß. Im All:Tag, der von Hand verwobenen Sterne. Der Müh, auch im Dunkeln Leben durchs Leben zu bringen.

Das Allgäu war, wie du mir erzählt hast, einmal eine sehr arme Region. Dass das heute anders ist, hat es wohl vor allem Carl Hirnbein zu verdanken und auch sich selbst.

15:44 du schälst die Kartoffln: "Es ist unglaublich, wie sehr sie nach Erde riechen!"

Briefstyl

Heute schrieb ich einem alten Freund:

Hochverehrter, lieber Freund!

vorgestern kehrte ich aus B*** zurück, und es erwartete mich Dein voluminöser Band in dezent=bürgerlichem Grau. Abermals gratuliere ich zum Erscheinen und zolle dem Umfang Deiner Studie samt Edition meinen Respekt. Sollten es am Anfang nicht um die 250 Seiten werden? … Aber so geht es eben.
(Ich bestreite übrigens ausdrücklich, dass meine angebliche Vorbildfunktion damit irgendetwas zu tun haben soll und weise jedes Fluchwort dezidiert zurück!)
Nun werde ich das opus magnum allenthalben empfehlen und für Rezensionen werben, damit das Ende dieses Lebensabschnitts auch in der respublica litteraria ihren Wiederhall finden möge.

In der Hoffnung, dass Du Deinen alten Freund auch im nächsten Lebens=Abschnitt nicht ganz vergisst; dass sich vielmehr noch in diesem Jahr ein Wiedersehen mit der wachsenden Familie von S*** einrichten lässt,

verneigt sich vor der Eminenz und zwinkert dabei dem alten Kämpen zu

Dein Schwarzertd

Ist das nun verschrobene Idiosynkrasie eines Überlesenen (gibt es so etwas wie einen "Überlesenen")? Abgeschmackter Altersstil (=styl)?
Ich würde sagen: Es ist ein notwendiges Gegengift gegen das alltäglich begegnende Sprach-Gemetzel aus Eingangspostkästen und Lautsprechern. Lebenserhaltend.

Nymphentag 67

denn die Poetik der Sprache, eine Poetik der Sprache, eine Dichtung der Sprache bricht mit den Annahmen der Mainstream-Dichtung. Statt die Poesie als Bühne für Schöpfung und den Ausdruck einer authentischen Stimme und Persönlichkeit zu betrachten, entsteht die Sprach-Dichtung aus einem explodierenden Selbst, verändert und verschiebt Genregrenzen und sucht kollaborative Beziehungen zwischen Leser und Dichter. Kein Obersatz, kein Untersatz darf in erster Linie zu einer Konklusion führen. Wiederholung von Symbolen und Parallelstrukturen, vielfältige Zeitformen (Zeit ist ein Spielplatz), die Kapazität von Leerzeichen sind zu erforschen. Kammern allesamt, umschwebt von Brüchen des Bildmaterials. Das Ich ist eine Konstruktion, Kulturen sind eine Konstruktion, eine Trennung von Subjekt und Objekt ist nicht haltbar, es gibt keine natürliche, sondern ausschließlich eine artifizielle Sprechweise, es gibt

Das Rosenkind



Nächster Halt

Vor einem Jahr:

Wer ist sie? Sie ist ich in Weib. 

Auf dem Markt zunächst zur Stich-Käsehütte, Milch, Käse, Obatzter; dann zum Münchner Fischräucherer, Aal war aus, aber ich wollte ja eh den frischen Kabeljau, den ich für ein Ceviche benötige (hätte den Aal aber natürlich mitgenommen), den Marktschreier - "Will deine Frau Kirschen?"- ließ ich diesmal aus, weiter zum Armenier an der Freitreppe, Schwarzkümmelaufstrich, Oliven, französischer Knoblauch, fette, rote Zwiebeln. Heim, Wäsche im Waschkeller, Guatemala Grande im Rinnsal aufbrühen, Coltrane, Sonne, still. Heute das Telefonat mit Albera erst am Abend. Ich könnte erzählen, aber das will ich nicht. Sie im Tabula Rasa-Sturm, ich im Erwarten. Rollenverteilung, sie in der phallischen Tat, ich im yonischen Empfang.

Samstag, 9. September 2017

Nymphentag 66

als ich dann anfing zu singen, dachte ich, daß ich singe, um Sänger zu werden, daß ich auf die Uhr fünf nach acht sah, das Morgenlied in der dritten Klasse, ein hohes Gezwitscher, fast wie Farinelli, der Kastrat, die Glocken noch nicht in Betrieb, aber dann sackte mir der Kehlkopf eine halbe Oktave ab, die Stimmlippen gedehnt & ich sang nicht mehr, ich gurgelte nur noch, bis ich meinen Bariton fand, natürlich den hohen Bariton. Man könnte doch Geisterhymnen singen, sang ich Geisterhymnen. Man könnte doch Moorleichen besingen, besang ich Moorleichen, denen man die Brustwarzen in Scheiben geschnitten hatte, auf daß sie keine Könige mehr seien, aber tanzten.
Zwar bekam ich das nicht, um ihnen die Prozession der toten Clowns zu singen, aber weit von der Vokation war ich nicht entfernt.

Der Phänomenbereich: Sprache als Struktur, nicht als Äußerung einer kommunikativen Handlung. Um die écriture nicht körperlos zu lassen, muß ich sprechen vor allem dann, wenn ich die kommunikative Sprache hinter mir lasse; da winde ich mich aus dem Wandler - das ist wie Geistsein, neue Substanz ohne mich, die Quelle, neuer Körper allüberall, Ton ist Berührung, Händeschütteln, mehr

Gestern die Milch, heute der Keller



Wir bleiben uns vor allem wahr. Und wenn du liegst, so beuge
ich mich stochastisch über dein weißes Rauschen, vermute nur,
und irre nicht. Du bist mir alle Erde dann, und alle Wärme dann.
Gestern hast du gesagt, du hast gesagt: Milch. Die ich von dir nahm,
die ich in dich leerte, die sich mit dir verband, die roch wie später dein Kleid.
Dein Fassen eine Zierart des weißen Trunks aus allen offenbarten Öffnungen.
Doch die Annahme des Gemolkenen. Der Lohensteinsche Himmelschlüssel,
und heute der Keller, in dem ich dich offenbarte, in dem du mir
zugeneigt zuneigtest dein Haupt, dein Haar, dein Angesicht. Und
in deiner Augen Glanz war's mir, als sähe ich Erkennen strahlen,
durch allerlei Brimborium das Püppchen geknetet und zugerichtet,
doch sah ich's nur und fühlte anders, denn fühlte -
und ich fühlte wie gestern die Milch, dich.



Tote Stunden

Ich will – und wenn man nur lange genug still ist, kann man es hören – sprechen von Dingen, denen man mit Sprache kaum näher kommt. Aber das Schweigen ist so schwer. Die Welt würde sich im Schweigen auflösen, unförmig werden (und Form ist keineswegs als Ordnung zu verstehen), sie dringt durchaus dort hin, wo es zu schweigen lohnt. Aber man kommt stets wieder hervor, heraus und will sich versichern. Habe ich das sicher so erlebt? So sprachlos nämlich. Wie wenig das alles nützt, wenn man immer nur an Nutzen denkt. Ich finde indes mein nutzloses Leben ganz hervorragend; der Prototyp eines Lebens sollte als nutzlos zu bezeichnen sein.

Wenn man solitär ist, bringt man finstere Zeiten hinter sich und hat finstere Zeiten vor sich. Manchmal allerdings bemerkt man das nicht. Stellt man sich dann morgens (man muß vorher herausfinden, wann die Stadt ihre tote Stunde nimmt) um halb drei in einen weiß gekachelten Tunnel, der zum Bahnhof führt (Bahnhöfe sind die sehnsüchtigsten Gebäude, die es gibt), unter eine Neonröhre, so daß man auf die gegenüberliegende Kachelwand starren kann, wird man sich der ganzen Häßlichkeit des Augenblicks bewußt. Anschließend schlendere man noch etwas durch stille, finstere Häuserschluchten. Mitten auf der Straße ist gut, oder man sucht jene verrammelten Orte auf, die tagsüber äußerst belebt sind. Das sind Übungen, die dazu eignen, die eigene Fremdheit auf die Spitze zu treiben, die Sinne werden scharf wie Rasierklingen.

Freitag, 8. September 2017

Nymphentag 65

im Vordergrund bin ich mit dem Ton GrammaTaus beschäftigt, diesem Hineintasten in die große Dunkelheit menschlicher Wahrnehmung, überhaupt geht es mir um diese Wahrnehmung, die so unklar gestaltet ist, dringe in Bereiche vor, wo noch nie ein Dichter gewesen ist, bleibe hier aber am Rand stehen und bröckle, doch nur oberflächlich; innerflächlich datiere ich die Ewigkeit, ich gehe fremd=chronologisch vor, bearbeite eine Vielzahl an Einschlägen, in die ich dann steigen muß, um Proben zu nehmen, ob noch eine strukturelle Semantik vorhanden sei, ob noch eine Prototypensemantik im Gestein liegt, und ob beide unter den neuen Bedingungen gehalten werden können. Mein Wort lautet deshalb diffus. Diffusion, um im Nebel zu existieren, um eine Bildstörung zu beheben, die überall ersichtlich ist. Wo man winkt, verschwindet die Hand hinter einer Wankelbewegung, diesen Ton

Die Gilde der pechschwarzen Liebe, Part 8


Die Gildendamen


Strongyli


Aurora

Donnerstag, 7. September 2017

Nymphentag 64

Das Ignorante dieses Landes hat seinen Ursprung in seinem Unvermögen. Oft habe ich mich beklagt über dieses sprachlose Land, über dieses unsinnliche Land mit seiner pseudo=Kultur, mit seiner geistigen Schäbigkeit, mit seiner erstaunlichen Dummheit, aber es ist nun einmal da und ich lebe in ihm (auch wenn ich versucht habe, andernorts zu leben), doch die Dummheit und die Ignoranz ist ein Zentralorgan der Massen, über die man nicht Klagen kann, sind sie doch die Mulis der Herrenmenschen, die sich in ihren Konzernen von ihren Lakaien die Zehen lecken lassen (sie empfinden nur etwas, wenn sie einem aus der unteren Kaste ins Gesicht treten können). Die BRD bleibt selbstverständlich asozial.

Wäscheboden

Manchmal setze ich mich auf dem Dachboden in den Sessel, der in der Wohnung seinen Platz für ein freies Teppichfeld räumen mußte. Die Geruchsmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und der gewaltigen Enzyklopädie mit vergoldeten Schnittkanten, die ebenfalls vorerst aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil sie einen ungemein bibliothekaren Duft verströmt, oder besser und wahrer gesprochen, weil ich in diesem Zimmer sonst nicht mehr treten kann, verleitet mich dann dazu, eine Pfeife anzustecken. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Wie wäre es, wenn ich unter dem Dach leben würde? Das ginge nicht ohne Hut. Ich gehe also hinunter in die Wohnung und wähle einen, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Tableau, das ich mit mir darin selbst nicht sehen kann, perfekt. Vielleicht aber habe ich die falschen Schuhe an, weil man das, was ich anhabe, nicht Schuhe nennen kann. Morgen aber, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.

Ma-Ma




1 - 2 - 3 - 4 komm so spuckeln, hab's gegießt, 2 - 4 - 3 halten halten halten
wi-hil mit deiner pippi dusen, 4 - 2 - 3 : und hab's gegießt
und hab's und hab's und hab's gegießt, pau-pauder wonn wonn
pauder brrri 4 - 7 - 8, pheromo-schuh, o bombykol
willwill woruckeln, hab's gegießt, gezuzel zuzel bombykol

und spuckel komm komm spuckel mi oh piep piep dusen hab's gegießt
von 7 - 8 pau-pauder wonn pau-pauder brrri ovarium
4siebtel 8 kehrum herum von anders rum o bombykol
willwill woruckeln pauder brrri und hab's und hab's und hab's gegießt
belipp gelipp pau-pauder brrri o bombykol ovarium

Mittwoch, 6. September 2017

Nymphentag 63

dabei wird es erforderlich sein, notwendig und wichtig, die Sprache von jedem Zweck fernzuhalten, von jeder Vereinnahmung, von jedem Ziel, von jeder Gesellschaftsfähigkeit; Sprache nämlich ist nichts über ihren Zauber hinaus, nichts außer die Magie unserer Existenz (wenn wir diese annehmen, was nicht ganz klar ist); wenn kein Körper mehr ist (wie auf einer Fotografie ist der Körper nur simuliert), bleibt eine Form bestehen, die "rein" ist, vollkommen ungeometrisch zwar; in GrammaTau bringe ich Kunde von der Wirklichkeit, die verschwiegen wird (teils und häufig sogar aus Unkenntnis), weil sonst kein System sich mehr Sklaven generieren könnte. Es gibt durchaus einen Kampf, der hauptsächlich aus der Säuberung all dessen besteht, was unverständlich scheint, weil es nicht dem Dogma des Informationsgehalts dient, weil es dieses Dogma nicht nur umgehen will, sondern die völlige Vernichtung dieser Maschine anstrebt, weil

Die Gilde der pechschwarzen Liebe, Part 07



Schlingt sich aus häufig feuchten Orten / Circumgyratorische Bewegung


Dienstag, 5. September 2017

Doppelter Genuß

Die Zigarette fiel mir aus der Zigarettenspitze und verfing sich eine Etage tiefer im Blumengesteck der Nachbarn unter mir, die sich gerade in Spanien aufhalten, was dazu führte, daß es ganz und gar unmöglich war, sie wiederzubekommen. Dort hing sie im Grün und qualmte vor sich hin. Ich steckte eine neue auf und beobachtete diejenige, die als verloren gelten mußte. So rauchten wir gemeinsam, der Blumenkasten und ich. Daß wir dabei schwiegen, war mir ein doppelter Genuß.

Der olfaktorische Handkuß

Sinne schwinden (schwindet, Sinne!); so ein Lied der Früchte, so ein Lied der Frucht; aus deinem Füllhorn fließt stets und stets des Lebens Energie, der Boden säumt die ausbedungnen Schuh‘. Ein Schritt nur, und es wird die Späte richten, wie der Tag sich aus dem Tage schält. Das B des Bibberns, B des Bangens, B des Badens in olfaktorischen Genüssen. Auratisch schwebst in Windeseile, durcheilst den Luftraum windgeschwind und hebst dich in die offnen Arme, die Hände fächeln Tau herbei, und Kosung dreht sich zum Gerank, zum Wimperg über unsren Köpfen. Die Hand wird nur geküßt im Viert der Räume, auf den Steigen der Zeitenbahn. Uns ist das Fließen angedacht. Ich könnte, käme an, ich konnte, kam ich an, ich kann nicht von dir lassen, den Brautstein auf den Lippen tragend, der den Gesang des deinen Körpers in den Trichter des Gesagten, der Verheißung überführt.

Eine Lanze brechen für künftige Skandale

Vor einem Jahr:

Es ist heute ein Montag des Danach; gleichzeitig einer des Davor. Nichts Außergewöhnliches an diesem Montag. Trotzdem alles anders. Wie man sich erschließt, wäre eine Überschrift, die in ihrer sachlichen und unauffälligen Art die enthaltene Tiefe nur Ahnen läßt. Das Rätselhafte ist an sich aufregend. Gleichzeitig aber will der Verstand, so man hat, seine Arbeit verrichten.

Ob ein Bekenntnis auch immer gleich ein Skandal ist? Ob Bekenntnisliteratur eine Notwendigkeit darstellt? Und ob die Brieffolge der bessere Roman ist? Freier allemal, rücksichtslos, schonungslos gegen sich und seine Nächsten, aber ohne das in seiner Entstehung berücksichtigt zu haben. Soll man seiner eigenen Bekenntnis gegenüber demütig sein, den Wunsch, puterrot anzulaufen, unterdrücken? Fragen.
„El & Asherah“ (picture-alliance / akg-images)

Seit wir Adama, Staub und Blut, und Chawah, die Lebenspendende, kennen, ahnen wir die Falschauslegung des Mythos um das erste Menschenpaar, weil die Kompilatoren der Bibel angetreten sind, sich die Erzählungen aus aller Welt Untertan zu machen und damit zu verfremden oder/und sie ihrer Bedeutung zu entledigen. Mit dem Monotheismus legte sich große Dunkelheit auf den menschlichen Geist wie ein ewig währendes Geschwür. Die Befreiung der Urform dieser Erzählung gelang 2014 aus dem Ugaritischen. Der Zinnober ist bekannt. Doch das Symbol Adam & Eva ist kaum zu retten, dabei handelt es sich um eine gnostische Syzygie, eine Vereinigung und Erlangung der göttlichen Kräfte durch die Weigerung, bei sexuellen Riten an Fortpflanzung zu denken. Diese Weigerung schließlich verbot ihnen das Paradies.

In Progress: Ein Liebesroman in Briefen. Zweite Erwähnung des Romans in Briefen. Hallo, hier erwähne ich zum zweiten Mal den Roman in Briefen, der in seiner Schlüsselfunktion überdacht werden muß. Weitere Erwähnungen werden folgen. Weitere Gedanken werden in dieser Erwähnung ausgebreitet werden. Alle Ausbreitungen werden Vorbereitungen sein.

Montag, 4. September 2017

John Ashbery

Zum Tod von John Ashbery

Der Dichter hat seine Pflicht zu tun, mehr noch als jeder andere Künstler repräsentiert er die Menschheit. John Ashbery hat diese Pflicht erfüllt. Er starb im Alter von 90 Jahren und kann in seinem Einfluß nicht überschätzt werden. Seine Sprache ist Mammutgestein, seine Hinterlassenschaft ein immenser Markstein, an dem sich künftige Generationen abarbeiten werden.

Ashbery stand eben nicht tief beeindruckt und als Dichter machtlos vor der Wand des radikalen Expressionismus, sondern nahm die Herausforderung an, die aus dem unaufhaltsamen Fortschritt der Kunst gegenüber der Literatur resultiert. Seine Dichtung hat alle Dichtung befreit.

GrammaTau




Wanderer, der Du eintrittst, laß alle Hoffnung fahren!

Umschmeichelt Dich auch der Dirnensaum
noch trunken der girlandenverhangenen Kammer -
es ist gewesen, es ist vorbei,
Du bezahlst, bist frei,
trittst hinaus in Not und Nebel,
verhangen nur vom Blech der Reklamen.

Auf Deinem Grabstein steht geschrieben,
daß Du suchtest die Stadt GrammaTau,
daß Du verschwandst in ihren Bauten,
daß Du umschmeichelt warst vom Dirnensaum,
von Abraum auf mächtigen Straßen,
lagst im Winde der Türen,
in Ecken der Tritte Echos.

Aus schwimmenden Fenstern gebeugt,
tranig, mit gefluteten Augen die Gespenster,
die ihre Schatten über die Gassen spannen.
Mögen sie im Mondlicht flattern zum Klang
der Ziegenkehlen=Lieder,zum falschen Schrei
des Gockel=Tiers zur Unzeit.

Jetzt tritt ein und tritt jetzt ein,
laß alle Hoffnung fahren!
Jetzt tritt ein und tritt jetzt ein,
es müht Dich doch sonst nicht,
Deinen Schritten zu begegnen!

Klamm mögen sie sein
und in ihrem Rhythmus fehlerhaft,
sie aber gehen vor Dir her,
Deine Schritte also sind Dir voraus,
sind Gefangene in Deinem Ohr.

Du schläfst und kannst nicht schlafen.
In GrammaTau erfindest Du ein Wort.
Und erwachst, hast nie geschlafen.
Und es fällt Dir nicht mehr ein.


Landbäckerei Sinz

Ich laufe die Goethestraße entlang, kreuze Lessing am Haubenschloß bis ich wieder unten im Westend bin. Ein großer Auftritt ist für mich immer das Betreten einer Landbäckerei; ich stehe da und betrachte die Auslage, alles andere stört mich, das Erwarten einer Bestellung der Verkäuferin stört mich, wie sie da steht und mich ansieht, vor sich all das, was man heutzutage überall findet, als wären es Klone, alles geklont heutzutage, kein Eigenleben, keine Besonderheit, vom Automobil bis zum Ikea-Schrank.

Es liegt jetzt an mir, Ihnen zu sagen, was ich möchte, sage ich. Sie sagt, Ja. Sie warten förmlich auf das, was ich Ihnen sage, damit Sie aus Ihrer Lethargie erwachen dürfen, geschäftig werden können, sage ich. Sie sagt nichts, sie sieht mich an, ich weiß, sie begreift diesen einfachen Satz bereits nicht, wird nicht darüber nachdenken, wird aber auch nicht nachfragen, um doch noch, und sei es am Abend, darauf zu kommen, was das bedeutet haben könnte. Sie ist klein und ich sehe ihr an, daß sie sich mit dem Zeug, das sie da völlig überteuert verkauft, nicht identifizieren kann. Würden es Pralinen sein, wäre es ihr genauso egal, als würden da Holzpuppen liegen. Sie macht einen Job. Irgendetwas mit Verkauf. Würde sie gern Taxi fahren? Würde sie lieber nichts tun, verheiratet sein, Kinder werfen? Tut sie das sogar und ändert das auch nichts?

Ich betrachte weiter die Backwaren, deren Zucker, vom Licht der Lampe scharf gemacht, schmilzt und an unterschiedlichen Stellen aussieht wie Sperma. Wissen Sie, wie das aussieht?, sage ich und deute auf den Zuckerguß. Sie denkt, jetzt geht es los, jetzt geht es endlich los, der Verrückte sagt endlich, was er will, ich packe es ihm ein, er zahlt und verschwindet. Mir ist das nicht Geheuer, ES IST MIR NICHT GEHEUER. Jemand betritt den Laden, bevor ich ihr meine Analyse unterbreiten kann. Vielleicht morgen, sage ich und verlasse den Laden.

Sonntag, 3. September 2017

Der Welt 2 Rücken

„Lass uns schön zueinander sein“, tönte die Seele aus dem Schnabel der Putte, die sich im Liebesvogelspiel ernster Angelegenheit verriet, mit dem Finger einen Bogen zeichnend, mit dem es mein sich ihr zeigendes Angesicht zur eigenen liebenden Brust hin lotste, durch die es auf sich deutete und somit auf sich verwies, mich nahm auf diesem Amorbogen, mal keckernd, mal verletzlich ängstlich, aber immer bedürftig. Mich darin tauchte und taufte.

 „Du siehst aus wie die Liebe. Ja, lass uns schön zueinander sein!“ Ein Ja-ich-will:

Mit Federaugen mit dir in den Tag blicken,
mit Flederaugen in die Nacht,
und immer wieder mit meinem Muttermund dein Blut küssen, 
dich umfangen mit der Flughaut einer Umarmung, die dich trägt und wärmt,
im Uterussamt mit dir zu zwillingen, 
dir in ihr auch mein mh-Mädchen zu geben.

Das Boleite-Treppchen

Boleite ist einer der merkwürdigen Straßennamen, die an der Tierzuchtsraße und der Alpenrosenstraße vorbei durchs Boleitestäffele ins Freudental hinunterführt. Manche erkundigen sich bei ihrem Arzt nach ihrem körperlichen Befinden, hier aber befragt man das Boleite-Treppchen, das zum täglichen Hinaufeilen wie geschaffen ist. Jede Stunde, die man zu wenig geschlafen hat, wird dort vermerkt. Im Grunde ist das ein Privatweg, und ich fühle mich dann stets so privat wie irgend möglich, geschäftlich laufe ich dort nie auf und ab. Kempten ist die Stadt der kurzen Wege, es gibt in ganz Deutschland keine Stadt wie diese; als Spaziergänger hat man eine völlig eigenständige Infrastruktur. Anderswo müßte man, um ähnliches zu erreichen, durch die Kanalisation tappen, hier kann man Treppen, Passagen, Gassen, Pfade und sonderbare Wege nutzen. Der Begriff „Boleite“ leitet sich ab von Buchleite, und dieser Begriff wiederum hat nichts mit einem Buch, sondern mit Bildern zu tun, die hier einst an einer Tafel angebracht waren und die Wallfahrer davon abhielten, ins Dickicht zu purzeln, bevor sie auch nur eine einzige Kuh haben sehen dürfen. Wallfahrer also, die ins Gesäß des Tieres einstiegen, waren’s, denn es war nicht selten Nacht. Und eine Kuh so duldsam, eine Kuh, so nächtlich euteral. Ihr juckts am Arsche, während die Wallfahrer einfahren. Und ihr Euter milcht und milcht, gibt aber noch nichts her; das dann am Morgen; aber wie soll man von innen?

Die geheimnisvollen Blütenstühle

[... UND ICH SAUSE HINAB IN DEN TIEFEN SCHLAF, MEIN BLUT, MEIN REGENBOGEN-STREBEN; ICH ERKENNE ALL DIE BUNTEN HORTE DORT - UND BIN DOCH NICHT WENIGER ALS FINST'RE NACHT, AUS NACHT GEBOREN, GEZEUGT VON FINSTERNIS ...]




Uns wurde Kunde von der Fähigkeit bestimmter Pflanzen, zu träumen, wie der Mensch es tut. Wir bezeugen dies für den Alant, der aus den Tränen der Helena entstanden ist und für das Gewitterkraut. Noch einmal müssen wir uns in den Bienenstock begeben, denn es dürfte klar erscheinen, dass wir noch einige Kammern ausgelassen haben, die ebenfalls beherbergt und gepflegt wurden, wie man es noch nirgendwo gehört. Die rätselhaften Dinge sind es, die uns auf Pfade führen, die das Leben als das große Mysterium des Schlafs offenbaren, umgeben von Wänden, bestehend aus einer nachgiebigen Substanz, wie Titanwurz in die Höhe reckend, aber von Fäulnisgeruch umgeben.

Die Wabengemächer im Bienenstock boten dem Betrachter einen Saal, dessen Wachswände wie feuchte, zusammengenähte Gesichter eine Kathedrale bildeten, die sich über Blütenstühle wölbte, deren Vorbild nirgends zu entdecken wäre, würde man es suchen. Auch hier gab es, wie wir es von den Brutzimmern des Stock bereits berichteten, eingelassene Wannen im Boden, in denen die Nachtflüssigkeit der dort lagernden Frauen gesammelt wurde. Diese Ströme des ruhenden Körpers jedoch wurden, anders wie die Nährflüssigkeit der Drohnen, für ein Elixier gebraucht, das den Ehemännern der Arbeiterinnen zur Verfügung stand. Zu ihrer Aufgabe der Zeugung gehörte nämlich das Kompostieren der klamm gewordenen Erde in den Talniederungen des Umlands. Die Gefahr für die schweigsamen Samenlasser war außerhalb des Bienenstocks gewaltig zu nennen, denn dort wurden sie weder von den Ratten noch von ihren Ehefrauen beschützt, sollte sich das sogenannte "unheimliche Zögern" nähern, das man nur durch sein Flirren erkennen konnte, wenn die Sonne einen niederen Puls schlug und gleichzeitig der Nebel günstig über den Äckern stand.

Im Folgenden eine Anmerkung: Das "unheimliche Zögern" wollen wir in unserem nächsten Bericht erst erwähnen, denn es enthält eine animalische und vegetative Besonderheit, die unserer jetzigen Absicht, die Blütensäle in Augenschein zu nehmen, zu sehr in eine visuelle Bedrängnis brächte.

Das Elixier wurde verabreicht, um den Drohnen eine stille Genugtuung zu gewährleisten, die in alter Zeit dem Alkohol vorbehalten war. Das Nachtsaftelixier gab es in verschiedenen Dosierungen, die auch "Geschwindigkeiten" genannt wurden; diese waren wichtig, um den Zeitausgleich der zerstörten linearen Funktion derselben zu gewährleisten. Die Arbeiterinnen hatten zu diesem Zweck ihre Blütenstühle; umflankt von Staub- und Kronblättern bildeten sie das Pistill, in dem sie lagen und unser Reich aufsuchten, so dass wir überhaupt auf sie aufmerksam wurden.

Jedoch können wir jetzt davon sprechen, dass es sich bei unserer Protagonistin, die den Saal betrat, um das gleiche lilienweiße Mädchen handelte (die wir Pasithea nennen wollen, weil sie in ihrer grazilen Gestalt meiner halluzinatorischen Gefährtin gleicht), das bereits in unserem ersten Bericht erschienen ist.

Es war bekannt, dass die Blütenstühle an Empfindlichkeit kaum zu überbieten waren. Nie durfte auch nur ein Ohm zu wenig oder zu viel des Wassers in die Töpfe sickern, nie durfte auch nur eine Kotule zu viel oder zu wenig Erde die satten Wurzeln bedecken.

Aber Pasithea sah mit Schrecken ein Häufchen Erde neben einem der Auffangbecken liegen und sprach die halbdämmernde Arbeiterin an: "Du hast die Erde verwühlt, du Unglückselige! Denkst du denn kein bisschen an deinen Mann?"