Sonntag, 6. August 2017

Rumor XIII

das hier als Nymphenspende, gewissermaßen, denn ein Beweis dafür, dass ich derzeit nicht schreiben kann - ein verrecktes Stück Idee mit Brocken schwarzer Erde (oder getrockneten Bluts?) - ein Gespinst aus Wurzeln (oder Haar?) - ein im Raum trudelndes Fragment von Fiktion

Je länger Arno auf die Stelle starrte, desto mehr begann er dort etwas zu sehen, das nicht da war. Der Name, Katharina, der so wenig zu dem Brocken aus Knochensplittern, Haar und Gehirnmasse passen wollte, drängte in sein Bewusstsein. Er rieb sich die Stirn, setzte sich auf seinen Bürostuhl und drehte sich von dem Fenster fort, doch immer wieder zog es seinen Kopf in Richtung der Stelle, noch hundert Mal an diesem Tag. Ihre Verzweiflung war so erschütternd für ihn gewesen, selbst bevor sie aufstand und mit der Geschwindigkeit einer Wahnsinnigen Kopf voran auf das Fenster zu rannte. Das Knacken des Schädels schien noch immer im Raum zu sein. Die Scheibe hatte einen winzigen Sprung davon abbekommen. Es war Panzerglas. Ihre Absicht, sich aus dem Fenster zu stürzen, war daran gescheitert. Das Zucken ihres Körpers auf dem grauen Teppichboden, das in den Boden sickernde Blut. Der Stillstand und das Zeitlose ihres Todesmoments. So oft Arnos Blick den Sprung im Glas erfasste, daran einzuhaken versuchte, um seinem Geist, der sich in Gedanken drehte, Halt zu geben, sah er eine Strähne mit Blut verklebten Haars von derselben Farbe, die er an ihrem bewundert hatte. Jemanden wie sie so aus der Haut fahren zu sehen, wirkte erschütternd auf Arno, als habe seine Welt selbst einen Riss davongetragen. Tage vergingen, ohne dass seine Seele zur Ruhe kam. Immer wieder aufs neue ging er den Korridor seiner Erinnerung entlang, der zu dem furchtbaren Ereignis führte. Einer langjährigen Mitarbeiterin sollte er die Entscheidung des Vorstands mitteilen, einer Frau, die er als Kollegin beim Vornamen kannte, die er auf seine verschwiegene Weise für ihre Haltung und für ihre Schönheit verehrte. Sie, wie sie auf hohen Absätzen in sein Büro trat, im schwarzen Kostüm, die Haare aufgesteckt, sodass ihr Hals und der Ansatz der Schultern frei lagen und ihre Ohrringe tanzten. Der feine Lidstrich hob ihren Blick wie etwas Magisches aus dem Arbeitsalltag hervor. Immer lächelte sie, wenn sie sich begegneten, und Arno träumte, dies sei mehr als es in Wirklichkeit war. Katharina saß ihm gegenüber und er redete geschäftsmäßig, obwohl er ihr Wärme entgegenbringen wollte, in seine Rolle verstrickt und unfähig, vorherzusehen oder, als er dann sah, zu reagieren, wie er es hätte tun sollen. Nicht fähig, sie aufzuhalten, sich zwischen sie und ihr Ziel zu stellen, nachdem die bildhübsche Front ihres Gesichts zu Trümmern zerfallen und ihre Haltung wie ein Segel im Sturm in Fetzen gerissen waren. Inmitten ihrer Stirn schien sich etwas geöffnet zu haben, das er nun in dem Glas wiederfand und das ihm größer zu werden schien, als ob sich der Riss weiter öffne und hindurch mehr von dem sichtbar werde, was auch Kohle sein konnte oder schwarze Erde im Griff von Wurzelgeflecht oder Seegras, das ihre Flut hinterlassen hatte. Ohne wahrhaben zu wollen, was er tat, ging Arno auf den Riss im Glas zu. Dahinter öffnete sich der Ausblick auf die Tiefe von zwanzig Stockwerken und die Stadt aus Beton, Glas, Stahl, doch Arno sah nur den feinen Sprung an. Es war unmöglich, das die Strähne bei der Untersuchung durch die Polizei am Ort belassen wurde, doch sie war da. Sie war hinter dem Riss zu sehen, wie etwas, das durch eine feine Schicht aus Eis hindurch schimmerte. Nur der kleinste Teil davon saß auf seiner Seite der Scheibe fest. Arnos Zeigefinger bewegte sich aus eigenem Antrieb, berührte das Haar, sein Nagel kratzte an der Stelle und Glas bröckelte davon ab, legte mehr von der körnigen Masse frei. Etwas davon blieb unter dem Nagel haften, fein wie Eisenstaub. Mehr von dem Glas fiel zu Boden, Mehr Haar und Blut wurde sichtbar und wie eigenen Schorf von einer Verletzung musste Arno daran kratzen, was darunter lag von der Schicht befreien, doch da war noch mehr davon und mehr. Als ein Klirren ertönte, der Riss sich weitete, ließ Arno davon ab und sah nur, wie gleich einem Stück Putz eine Scherbe losbrach und noch mehr und noch mehr von dem Haar in sein Büro quoll. Sein Atem ging schnell und flach, sein Herz raste. Arno war ohne es zu bemerken einen Schritt zurück getreten, wollte die Augen verschließen und konnte nur anstarren, was eine eigene Dynamik entwickelte. Weitere Scherben lösten sich und legten ein Gespinst frei, dessen Ausmaß er nur erahnen konnte, das möglicherweise alles hinterlegte. Geruch von altem Blut drang in Arnos Nase. Oder von Erde und Wurzeln. Von etwas, das er nicht erkannte. Arno stürzte aus dem Büro, durch den angrenzenden Saal voller Schreibtische und Angestellter, durch das Treppenhaus und das Foyer, hinaus auf die Straße, wo er endlich wieder Luft bekam, wo Regen fiel und seine Panik von ihm ab rann, sich endlich von ihm löste. Während sein Herzschlag sich beruhigte, gingen Passanten an ihm vorüber, die den Regen nicht liebten. Ein Mann zeterte sogar mit ihm. Arno fühlte ein Lachen in sich aufsteigen, doch als der Mann seinen Blick auffing, schien er ihn als mögliches Ziel seines Ärgers abzuschätzen und Arno schluckte die Regung hinunter, wandte sein Gesicht ab. Kollegen liefen an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken, unter Regenschirmen. Es war Mittagspause. Arno kam auf das Gespinst seiner Vorstellung zurück, dass ihm solche Angst eingeflößt hatte. Etwas davon war in seinem Bauch die Treppen mit hinab gekommen und fühlte sich an, als ob es wüchse. Mit nach innen gerichteten Sinnen entging Arno der Moment, in dem die Menschen vor dem grauen Hintergrund der Stadt stehen blieben. Als er ihre Reglosigkeit bemerkte, wirkten sie wie erstarrt, wie Statuen auf ihn, mitten im Regen. Arnos Reaktion bestand darin, solange selbst zu erstarren, wie seine Augen brauchten, um die entstandene Szenerie in sich aufzunehmen. Als einziges bewegte sich das haltlos herabfallende Wasser. Die Menschen darin ließen ihn an einen Steingarten denken. Schon sahen sie aus, wie Stalagmiten, nicht mehr wie etwas aus sich selbst heraus Gewachsenes, auch nicht wie etwas mit einer Absicht Geschaffenes. Sie verloren bereits ihre Form oder Arnos Augen verloren die Fähigkeit, diese zu erkennen. Die Häuser, die Fahrzeuge, die Dinge der Stadt nahmen den Anschein einer Fassade an, wie eine Felswand im Hintergrund einer Brandung. Der Regen wusch eine Stelle frei, die sich inmitten der Luft befand, wie frei über den Steinhäuptern der Menschen schwebend, an der sich ein Gespinst feiner Wurzeln entfaltete. Es quoll aus dem winzigen Loch, wölbte schwarze Erde mit heraus, von wo es sich selbst ausdehnte. Es war dasselbe Haar und Blut, dasselbe Seegras, die Kohle, das Etwas, das im Angst machte, das keine wirkliche Form besaß und hinter der Oberfläche, die seine Sinne sonst wahrnahmen, hervorbrach, von dem er zu glauben begann, dass es sich hinter allem, in allem befand und etwas Wirkliches, vielleicht das einzige Wirkliche war. Formlos, grenzenlos, ein Einziges, das doch kein Eines war, wenn es keine Grenzen besaß. Dasselbe, das er in sich selbst spürte. Sein Blick fiel auf seine Hände und dort taten sich Risse auf, ebenso wie in der Luft, wie im Gehsteig, wie in den Fassaden der Stadt, wie in den Menschen der Stadt. An tausend Stellen brach es jetzt heraus. Ein altes Haus, aus dem der Putz rieselte, um zu offenbaren, dass es nur aus Sand und aus nichts wirklich Festem gebaut war. Arno schloss die Augen, so fest er nur konnte. Doch schon nach einem einzigen Herzschlag zerbrach die Dunkelheit hinter seinen Lidern und offenbarte dasselbe Gespinst. Auch sein Herzschlag brach und gab den Takt frei für das Geräusch sich entrollender Wurzeln, sich in sein Ich hinein wuchernden Haars, des Rieselns schwarzer Erde, getrockneten Bluts. Ein Rauschen füllte die Welt aus, die an sich selbst wie Papier zerbrach.

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