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Leibspeisen

Du im Schleimkokon, mit schmerzschlappen Gliedern. Ich im mäßig angeschlagenen Modus, nur leicht vergrippt, jedoch mit einer schmerzenden rechten Ohrmuschel. Offenbar neuralgischen Ursprungs. Da der Schmerz kommt und geht und nur die Muschel betroffen ist. Gestern Schnitz gekocht und bis heute davon gelöffelt. Schnitz. Das ist eine Gemüse-Fleisch-Suppe, wie ich sie das ganze Jahr in mich hineingießen könnte, dörrte mich die Sonne nicht, wie sie es die letzten Monate immer mal wieder tat. Und begriffe ich sie nicht auch als Lebensspenderin, würde ich mich vielleicht wie eine Hänselin im Suppentopf der alten Blenderin fühlen. Dann gäbe es: Suppe Blond mit Weißfleisch und blauen Augen. Wie würde das schmecken? Wie, diese Frage stelle ich mir gerade ernsthaft, würde ich schmecken, äße ich mein eigenes Fleisch? Und denke gerade wieder an meinen sirenenroten Gesundheitspass aus Kindertagen, den meine Mutter mit einem Abziehbild von Gretel versah, die einen Lebkuchen isst und dabei krümelt. Was wiederum einen Raben zu ihr lockt, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. Über Stock und Stein, Gebein und Gebälk von Jahrtausenden. Lebkuchen. Dieses mir heute wunderbare Wort hatte mich als Kind geschockt. Darin war mir ein Horror verborgen, der mir, je älter ich wurde, einem Verständnis wich, von dem ich noch heute zehre.
Jedenfalls: Lebendigen Kuchen soll(t)e ich essen. Das erinnere ich noch. Es war mir grausam. Grausam, Lebendiges zu essen. Doch tun wir es. Tagtäglich. Entwickeln gar Vorlieben und Abneigungen. Kulturspezifische. Wir züchten, greifen ins Erbgut ein, halten, mästen, schlachten. Produzieren Rieseneuter, die vor Milchmengen schier platzen. Ein Horror ein Schmerzleben lang so auf Hufen zu stehen. Denke wieder an das Schwein, von dem ich träumte, dem man die eigene Haut ab- und überzog, es darin vernähte.

Sie riskieren. Tatsächlich und buchstäblich. Die eigene Haut. Wer tut das schon auf eine aktive, entschiedene Weise?! Wenige. Manchmal Künstler. Solche, die man daher auch als Marsyaner bezeichnen könnte.

Sich gegenseitig ansonsten Verzehrende sind entweder Kannibalen oder Liebende. Oder es sind Katatzen:

“Dann reit’ halt auf mir!” sagte die Katatze missmutig. Der Treklin hatte sie nämlich mit einem Gedicht betört und wer etwas über Katatzen wissen wollte, der müsste schon ein Dichter sein. Daher traf es sich gut, dass bei den Treklinen der Gesang neben den Festereien als eine sehr geachtete Kunst galt, die noch über dem Bäumeschütteln rangierte. Die Katatzen waren alles andere als zahm, ganz dem zugegen waren es wilde Geschöpfe und auch so verrückt in ihrem Liebesspiel, das ihnen als die höchste Freude galt, die es auf dieser Welt nur zu finden gab, dass sie sich einander aufaßen, was ihnen dann nachher leid tat, denn etwas, das man gerade aufgegessen hatte, konnte man nun nicht mehr weiterlieben. So setzte regelmäßig der Liebesschmerz ein und so voller Trauer glitten die schmerzvollsten Töne durch die Nacht, dass einem selbst ganz blümerant zu Mute wurde. Nach etwa zwei Wochen aber war der größte Kummer abgeklungen und man fand die Katatzen wieder beim gegenseitigen Betören, bevor einer der beiden Kandidaten dann erneut geliebt und selbst liebend, im Magen des anderen verschwand. Liebe hieß den Katatzen essen. (von Michael Perkampus)

Denn wirklich gefressen sind wir erst dann:

Kein Märchen heute, nur die Neige Nacht

Überrumpelt, die Hex',
ihr Körper taubengrau,
liegt unter einer Eibe.

Der Hahn ist tot,
das Gras ist schwarz,
rückst keinem mehr zu Leibe,
jubelte Hänsel, jubelte Gretel.

Da war es dann ganz still im Walde,
so tranken beide bang noch Nacht.
Ihre Bürde war die Neige.

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