Samstag, 12. August 2017

Indianerweisheit

Der Spaten fährt hinab, verfehlt nur um Haaresbreite den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter der Erdscholle verkriechen konnte. Am Leben. Noch.

Die Tomaten an den Büschen faulen vor sich hin. Im Sommer waren sie süß, jetzt hängen nur noch Nachzügler an den Büschen. Grünbraun, Orange und gelblich Rot. Die Disteln in den Wiesen sind riesig, wie bedornte Kelche, die versuchen, vom Himmel zu trinken. Regen, tagelang Regen, Stunden wie Wasser, durch das man zu tauchen versucht. Nicht ein trockener Knochen mehr im Leib. Aber schön langsam, alles schön langsam. Wir wären wie Wolken dieser Tage, würden wir schweben, würden wir weinen. Still und grau und fern. Wir zerlaufen zu Schlamm, wie die Blätter am Boden, flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser, die Sonne der Feind, der uns hinterging, und wir, wir sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.

Der Erdhügel vor mir wächst und mit ihm mein Erregung. Ich teile den feuchten Grund mit dem Spaten, mit den Würmern, mit den Wurzeln, mit niemand anders als mir selbst. Ich denke an die bemooste Marie-Luise, die ich gesehen habe, als ich gerade mal acht war. Ich denke an ihre tiefen, schwarzen Augen, ihre fleischlosen Lippen und das breite Grinsen, das mit dem Tod gekommen ist. Die meisten der Cowboys sind weggelaufen, konnten den Anblick ihrer Zukunft nicht ertragen. Christian, Kurt und ich sind geblieben. Wir waren Indianer. Mit Taubenfedern im Haar und Kriegsbemalung aus überreifen Erdbeeren im Gesicht. Wir waren frei, an diesem Tag. Den ganzen Tag lang. Frei.

Marie-Luise lag im Wald, wo sie gefallen war, friedlich. Sie war der Wald. Oder bessergesagt, sie wurde Wald.  Über ihr rauschten die Blätter, neben ihr tummelten sich Käfer. Ein halber Hase verschwand hinter einer Kiefer, kam auf der anderen Seite nicht mehr hervor. Wir begrüßten Marie- Luise, und huldigten ihr mit offenstehenden Mündern und glänzenden Augen. Wir waren keine Kinder an diesem Tag, wir waren uralte Wesen, in unserem Verständnis um die Dinge, in unserem frei sein, mit unseren Stöcken, mit denen wir Marie-Luises Gliedern neues Leben schenkte, mit unserem Atem, der „Ah“ hieß, zuerst, und „Oh“. Wir waren was wir sein sollte, wozu wir bestimmt wären, wenn wir lange und tief genug in uns hinein hörten. Bis die Cowboys wiederkamen, mit  Männer mit Hunden und uns Marie-Luise nahmen. Sie zudeckten, als wäre sie furchtbar, als müsste sie sich schämen, für das, was sie war, wozu sie geworden ist. Wir waren traurig, traurige Indianer, als unsere Eltern uns holten.

Wenn der Wurm klug ist, sehnt er sich nach dem Spatenstich, sehnt sich nach dem kurzen Schmerz, der den langen ablöst, der der Einsamkeit ein Ende bereitet. Er wird mehr als die Summe seiner Teile, so wie Marie-Luise, mehr!

Den viereckigen Himmel betrachtend denke ich an Peter. Der Spaten, der in Marie Luise fuhr. Nur weil er es konnte, weil es in der Natur des Spaten liegt herabzufahren. Sonst wäre er zu nichts nütze. Während die Erde von den Kanten krümelt und ich knietief liege, warm und feucht, denke ich auch daran, wie Peter mich angesehen hat, als ich ihn letztlich sah. Nach all den Jahren, die ein Leben waren. Mit seinem Altmännergesicht und den stumpfen Augen. So ähnlich, wie ein Wurm gucken würde, wenn er Augen hätte. Wie er den Hals einzog, als er aus der Trafik kam und die Straße hinabwanderte. Als würde er auf Schläge warten. Als wenn es jeden Augenblick damit beginnen könnte, Steine zu regnen.

Der Himmel ist blau. An manchen Tagen lohnt es, solche Dinge festzustellen. Der Himmel ist blau und ich kralle meine Hände in die dunkle, klamme Erde, beobachte die Wolke, die zuerst nichts ist. Dann ein Berg, ein Baum, ein Haus mit Garten, ein Teich, eine ganze Stadt, ein Ballonfahrer auf dem Weg nach Westen. Und dann wieder nichts. Fetzen und Knäul, Nebel und Schwaden.

Peters gebeugter Rücken will mir nicht aus dem Kopf. Peter, der auch mein Spaten hätte sein können wenn ich damals nicht so schnell gewesen wäre, wenn ich die Lücke im Zaun nicht gekannt hätte, durch die ich mich geschlängelt habe, seine Hände hinter mir zurücklassend. Seine nikotingelben Finger nach mir grabschend, heischend, flehend. Ich floh mit meinem Herz in den Armen, und dann war alles vergessen, waren da wichtigere Dinge, als Peter, der vielleicht nur spielen wollte, weil er sonst keine Freunde hatte. Außerdem ist da noch immer Marie-Luise, die die Lücke im Zaun wahrscheinlich nicht gekannt hatte, Marie- Luise, die Heilige, die für einen kurzen Augenblick zu unserem Tempel geworden ist, zu unserem Schlachtfeld, auf dem wir glorreich siegten. Und wichtiger wurde als Pausenbrottausch und Sommerferien, bedeutender als die wahre Liebe zu finden und seine Träume leben. Schicksalsträchtiger, als sich zu verwirklichen, sich selber treu zu bleiben und niemals aufzugeben. Schwerwiegender als jede Schlacht. Endgültiger als jene Marie Luise, die sie gewesen ist, bevor sie zu dem wurde, was wir im Wald fanden.

Je unwichtiger die Dinge werden, die einem eigentlich immer so wichtig waren, desto klarer dämmert es mir. Das Wissen aus dem Wald kehrte irgendwann wieder, kämpft gegen die Langeweile, gegen die Abgestumpftheit und schlussendlich gegen diese ganzen anderen, verfeindeten Wichtigkeiten. Die Ahnung wandelte sich zu etwas Neuem. Zu altem Indianerwissen, das mich schon einmal verließ, nur um nun erstärkt wiederzukehren. Zur uralten Religion. Die Kenntnis darum, dass der Tomatenstrauch sich nicht darum sorgen muss, dass es keinen Sinn macht, jetzt noch Früchte zu treiben, die niemals reifen können. Es ist dem Strauch egal. Warum also sollte es mich kümmern?

Ich beginne zu singen, in dem Loch, in dem ich liege. Es klingt dumpf. Der Maulwurf, streckt überrascht seinen Kopf aus der Wand neben mir und stimmt ein, in das alte Lied, das keine Sprache kennt, das nicht nur mit dem Mund gesungen wird, sondern mit allem was man ist. Mit den Augen und den Ohren, mit Haut und Gliedmaßen und Eingeweiden. Sogar mit den Zähnen und dem Haar und den Nägeln. Das Lied, das von allem handelt. Von allem, was da ist. Und von mir. Selbstverständlich auch von mir.

(ERA 2009)

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