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Delokation

Dies sind die Tage der großen Korrektur. Ich muss zugeben, ich fühle mich derzeit hin und wieder etwas verloren. Daher tut es gut, mich selber in den Worten zu suchen. Und meistens auch zu finden. Es ist nicht zu unterschätzen, welcher Balsam die Überarbeitung seiner Geschichten auf die geschundene Autoren-Seele sein kann, die so knapp vor der anstehenden Veröffentlichung natürlich regelmäßig von Selbstzweifeln heimgesucht wird. Die Arbeit am Werk hilft dagegen definitiv. Auch wenn nach den langen, intensiven Sitzungen die Finger steif, der Rücken krumm und die Augen entzündet sind. Hauptsache die Seele jubiliert.

Es sind stille Tage, an denen ich es genieße, in den wenigen Minuten, die ich nicht dem Monitor entgegengebeugt verbringe, zu schweigen und für kurze Zeit nicht nach Worten suchen zu müssen. Vielleicht ist es auch gerade das, was man als Schreibender an seiner Arbeit so unheimlich zu schätzen lernt. Das alles, was man zu sagen hat, seine Zeit und seinen Ort hat. Der ausdruckslose Frieden dazwischen ist redlich verdient.

Der Sommer ist heute gebrochen. Wieder einmal. Der Regen fiel ab Mittag im seltsamen Stakkato. Er schien sich nicht richtig mit den Wolken abgesprochen zu haben. Zumindest ließ sich für mich die meiste Zeit über aus den Himmelsformationen keine genauen Rückschlüsse über sein Kommen und Gehen herbeiführen. Ich habe einen Regenbogen dabei beobachtet, wie er sich zwischendurch über die teilnahmslosen Köpfe der Passanten auf der Einkaufstrasse aufschwang. Sogar er selbst wirkte vom Timing etwas irritiert. So, als hätte er eigentlich gar nicht damit gerechnet, und dadurch prompt seinen Auftritt verpasst. Aber so fühle ich mich derzeit auch, wenn ich über die Straße wandere. Als wäre jede Häuserecke, jeder Straßenzug, jeder geschotterte Weg durch den Park, eine kleine, abgekapselte Welt für sich selbst, die es separat zu durchqueren gilt. Ich habe sogar sicherheitshalber meinen Pass eingesteckt, falls ich unterwegs in eine Kontrolle geraten sollte.

Irgendetwas ist ganz klar erkennbar in Bewegung. Ich fühle deutlich, wie sich das Bild um mich herum verschiebt und erwarte gespannt und auch ein bisschen entkräftet das Endresultat.

„…Oft begreifen wir das letzte Mal im jungen Alter, vor allem weil wir da noch über genügend Ruhe verfügen, dass die essentiellen Dinge meist im entsprechenden Licht betrachtet werden wollen. Die Jahreszeiten, zum Beispiel, sind nicht nur Begleiterscheinungen unseres, später einmal viel zu rasch vorbeiwehenden, Lebens. Nein, tatsächlich sind sie vielmehr große Portale, die uns alle gemeinsam durch eng aneinanderliegende Welten tragen. Es sind ja auch sämtliche Anzeichen dafür vorhanden, wenn man weiß, worauf man achten muss. Jede Menge Wasser zum Beispiel, in Form von Regen und Schnee, das uns durch die Übergänge zwischen den einzelnen, saisonalen Ebenen trägt. Oder auch unser Erstaunen, wenn wir erst einmal dort angekommen sind. Man denke nur daran, in welche trostlose Ebene uns immerwährende Dürre im Gegensatz dazu verbannen würde. Ein weiteres Indiz für eine allgemeine Delokation durch den Jahreszeitenwechsel ist auch die Verwirrung, die ein allzu schneller Übergang mit sich bringen kann. Alleine dadurch, dass wir diese unterschiedlich beschaffenen Abschnitte der Zeit durchlaufen, werden wir so zu Reisenden zwischen den verschiedenen Dimensionen der Erde, auch wenn wir das als Erwachsene oft belächeln und gerne als unsinnig abtun würden. Das Wetter, ein stetes Zusammenspiel der Elemente, ist und bleibt zeitlebens einer unserer wichtigsten Anker in der allgemein gültigen Gemeinschaftsrealität. Ob wir das nun wollen und glauben, oder eben auch nicht. Aber wehe denen, die beim Übergang ihren Weg verlieren….”

Aus meinen Phasen der Furcht, über die ich eigentlich nur schreiben kann, weil ich sie meistens bereits abgelegt habe. Wenn man älter wird, gewinnt ja oft ein gewisser Phlegmatismus die Oberhand.

Der Abend lockt mich heute bereits frühzeitig mit seinem Sonnenuntergang. Die Tage werden kürzer. Das ist ein Geschenk. Ich suche mein Tor nach morgen nun mit einem Buch auf dem Schoß und Melvin selig zusammengerollt an meiner Seite.

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