Mittwoch, 9. August 2017

Die Maschine

Das schöne Klischee (und gleichzeitig der Mythos) : Der Autor beugt sich über die Maschine, daneben der überfüllte Aschenbecher. Das Stakkato der angeschlagenen Typen erfüllt den Raum. Ein Korb mit zerknülltem Papier (manche Bällchen daneben, auf dem Boden) fehlt nicht. Der heutige Betrieb fordert geschwätzige Schnellschrift - und bekommt sie auch; doch das Schreibzeug arbeitet an unseren Gedanken mit! - bescheinigte einer unserer Lieblings-Irren, Friedrich Nietzsche (der sich an einer Mallig Hansen probierte, einer der ersten in Serie produzierten Maschinen der Welt). Dass jedoch jeder Dichter auf den Computer umgestiegen sei, ist ein Gerücht. Ganz im Gegenteil liegt der Prozentsatz jener, die das Kultobjekt Schreibmaschine nicht aufgeben (oder sogar zu ihr zurückkehren) bei geschätzten 30% der gedruckten Berufsgenossen. Dabei wird von vielen der angebliche Vorteil des Computers - das Kopieren und Verschieben, das bequeme Bearbeiten des Textes - als Nachteil betrachtet. Mit Technologiefeindlichkeit hat das aber nichts zu tun, denn bis auf wenige Ausnahmen dürften sich alle mal an ein Textverarbeitungsprogramme gesetzt haben. Ich erinnere mich daran, dass ich 1991 nur den 386er im Kopf hatte (ein Fossil, das heute kaum noch jemand kennt), und dass mich das "Word Perfect" ungemein faszinierte. Zwar schreibe ich immer noch die Erstfassungen mit der Hand - davon werde ich auch niemals abweichen, und gebe zu, dass es eine ungeheure Erleichterung ist, die Manuskripte, die bei mir mittlerweile in die Hunderte gehen, abgespeichert zu wissen -, aber der Prozess des Schreibens selbst ist mir wichtiger als seine industrielle Herstellung. Wo ein Text keine Arbeit mehr macht, wird nichts Gutes entstehen können. So hat sich der Betrieb auch der Computerliteratur angepasst und bleibt in erschreckender Masse unteres Mittelmaß. Dabei ist durchaus auch eingetreten, was Alfred Polgar 1922 sagte:
"Für die Literatur als Kunst wird die Schreibmaschine freilich erst dann was Rechtes bedeuten, bis ihre wunderbaren Kräfte ungeschwächt durch das trübe Medium des angehängten Schriftstellers zur Auswirkung kommen werden. Die Entwicklung muß hier, wie bei jeder Maschine, dahin streben, die notwendige menschliche Mitarbeit immer mehr und mehr einzuschränken. Der Tag, an dem es gelungen sein wird, den Schriftsteller ganz auszuschalten und die Schreibmaschine unmittelbar in Tätigkeit zu setzen, wird das große Zeitalter neuer Dichtkunst einleiten."
Ob man sich nun der Erika, Modell 20 verschreibt, der Hermes Baby, oder dem Kultobjekt unter den Schreibmaschinen schlechthin: der lettera 22 aus dem Hause Olivetti, 1950 von Marcello Nizzoli ersonnen und 1954 als Designerstück auch gekürt, ist - neben funktionellen Gesichtspunkten - eine eher philosophische Frage. Rühmkorf schrieb bevorzugt auf der Olympia Monica, während ich mit meinen beiden Modellen erhebliche Schwierigkeiten hatte. Natürlich sind die verschiedenen Modelle aus dem Hause Remington oder Underwood usf. nicht weniger erwähnenswert. Meist aber nur für Sammler. Die lettera 22 ist für mich deshalb so interessant, weil sie schnell, robust und leise (und weich) im Anschlag ist. Während man funktiontüchtige Maschinen, denen an sich anvertrauen muss, bereits um die 20 Euro bekommen kann, schlägt eine lettera 22, die man für das tägliche Schaffen benutzen möchte, zwischen 200 - 400 Euro zu Buche, manchmal auch mehr. Cortázar suchte auf seiner Olivetti den Garten Eden, heraus kam Rayuela. Meine mächtige Olympia wird die Sandsteinburg unter ihre Lettern nehmen. Das sind Wege, die zurückgelegt werden, Wege, die ich bis heute immer wieder abgebrochen hatte.

Noch etwas zu Schreibmaschinen als sprechende Agenten : Ein berühmtes Buch, aus dem David Cronenberg einen nicht weniger berühmten Film machte, ist "Naked Lunch" von William S. Burroughs; mit folgender Kritik konfrontiert, die allein schon dazu auffordert, ohne wenn und aber zu lesen und zu sehen:
"Ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum."
Fantastisch, nicht?

Keselground, gegenwärtige Arbeitssituation

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