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Die grauen Flusen der Zeit

Es ist ein höllisch heißer Tag. Ich habe beschlossen, ihn stoisch zu ertragen. Ich durschiffe ihn auf den sanften Wellen der Zeit, die ich heute in den kleinen Pausen zwischendurch ausgestreckt auf meinem Sofa durchkreuze. Die Minuten und Stunden sind treue Begleiter, die mich verlässlich vorwärtstragen. Melvin hält unterdessen friedlich Siesta im Halbdunkel unter mir. Zwischendurch begleitet er mich fröhlich auf unseren kleinen Streifzügen in den gnädigen Schatten der Stadt.

Wenn ich heute nicht gerade die bedächtig wogenden Silhouetten beobachtet habe, die der Baum vor meinem Fenster an die Zimmerdecke wirft, dann habe ich mich erhoben, um meine Geschichte über die Zugfahrt nach Carcosa ein letztes Mal korrekturzulesen, bevor sich sie in die Ablage verschiebe, wo sie bis zur Veröffentlichung liegen wird, meine letzte Antwort über die Horror/Terror-Dualität an Tobias Reckermann formuliert und mit meinem Herausgeber und Lektor über die anstehende Veröffentlichung von „Nachtspiel und Morgengrauen“ korrespondiert.

So sehr ich mich darauf freue, dieses Debüt drückt mir auch ein bisschen aufs Gemüt. Wir haben heute über meine Schwächen als Autor gesprochen. Darüber, wo mir die Waage noch fehlt. Wo ich zum substanzlosen Palavern neige. Was gut ist. Also nicht das Palavern, sondern der Hinweis darauf. Denn von nichts kommt nichts, wie es so schön heißt. Ich weiß, dass ich noch am Anfang stehe und viel zu lernen habe. Aber gleichzeitig war ich mir im Leben noch niemals über etwas sicherer: ich will Geschichten erzählen.

Ich bin unterwegs. Die Richtung ist nicht mehr ungewiss. Aber die Furcht, die mich dabei begleitet ist, ob man mich aus einem mangelhaften Debüt heraus (das zu bewerten fällt schließlich der Leserschaft zu) weiter begleiten will, um zu schauen, wieviel ich zu lernen bereit und imstande bin. Es wird schon schief gehen, denke ich jetzt. Nach einem Buch kommt das nächste, dann noch eins und noch eins. Wie ich schon sagte: die Zeit ist ein verlässlicher Begleiter, die uns vorwärtsträgt. Es gibt keinen Zweifel daran.

Die schläfrigen Lidschläge zwischen meinen Gedanken werden bespielt von den grauen Flusen der Wolldecke auf meiner Couch, über die träge mein Atem streicht. Immerhin. Ein Debüt. Das ist doch schon was.

Kommentare

  1. Ein Debüt ist sogar sehr viel. Neben dem Hauptwerk da wohl wichtigste Buch, das man je schreiben wird. Sei aber nicht allzu devot deinen Lektoren gegenüber, denn wahrscheinlich ist es umgekehrt genauso: sie haben noch viel zu lernen.

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  2. Ja, ein Anfang wird gemacht. In diesem Falle sehe ich, wo er recht hat. Wenn ich mir sicher genug bin, werde ich sagen, was ich will. Bis dahin lerne ich. Wir alle haben viel zu lernen und sollten niemals damit aufhören.

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  3. Das ist übrigens der zehnte Roman, den ich geschrieben habe, aber der erste mit professioneller Unterstützung.

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  4. Der zehnte Roman? Hast du denn gleich mit Romanen begonnen? Ich muss sagen, ich traue dem Medium "Roman" immer noch nicht über den Weg.

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  5. Ja, ich habe erst vor ein paar Jahren Kurzgeschichten entdeckt. Gedichte habe ich auch schon immer nebenbei geschrieben. Aber vor allem wollte ich immer Romane schreiben. Das ist nach wie vor mein Medium der Wahl. Da ist genügend Platz um mich auszubreiten. Meinen ersten mit 28. Seither fast jedes Jahr einen. Zwei davon sind unvollendet btw. Und zwei sind wohl eher lange Novellen. Wenn man es genau nimmt.

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  6. Ich weiß ja nicht mehr wers gesagt hat, aber angeblich gilt: nur die besten Autoren und Autorinnen schreiben Gedichte, Kurzgeschichten dann noch immer die Creme de la Creme, und nur wer das beides nicht kann, schreibt Romane. (Hemingway evtl., oder Mailer?)

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  7. Stimmt, der Roman ist, da er ja niemals definiert werden kann, frei -und zwar so sehr, dass man sich bei manchen Romanen zu Recht fragen kann, ob sie überhaupt noch "Roman" zu nennen sind. Ich würde gern behaupten, diese Frage gäbe es im Unterhaltungssektor nicht, aber das wäre nicht wahr.... House of Leaves von Danielewski ist so ein Fall.
    Nun, du scheinst zumindest einiges "Baumaterial" angesammelt zu haben. So einen Steinbruch braucht man ja meist.

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  8. Aberrationen in der Unterhaltungs- und Semiunterhaltungsliteratur gibt es viele, das stimmt. Wobei es letztlich weniger werden, kommt mir vor. Ja, ich plündere meinen Haufen täglich. Vieles davon ist aber bereits ausrangiert und überholt.

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  9. Wobei der Unterhaltungswert meines Erachtens von dem ausgeht, ob es einen betrifft; das muss ich dazu sagen, weil im deutschsprachigen ja immer noch literarische "Reichsgrenzen" gelten. Dabei ist alles, was Klasse hat, unterhaltsam. Das hat ja nichts mit leichter Kost zu tun.

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  10. Unterhaltung ist per definitionem sowieso etwas, das man zutiefst subjektiv erfährt.

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