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Es werden Posts vom August, 2017 angezeigt.

Die Gilde der pechschwarzen Liebe, Part 5

Gaia

Nymphentag 57

Nur die Lyrik ist dazu imstande, uns zu befreien. Daß wir überhaupt befreit werden müssen, daran ist ein Phänomen schuld, das wir "modern" nennen. In Wirklichkeit meinen wir jedes Mal, wenn wir dieses Wort benutzen "Entfremdung", und doch läßt sich mit dieser Entfremdung hervorragend arbeiten, vor allem, wenn wir akzeptieren, daß wir niemals irgendwohin zurückkehren können. Wir alle sind den Orten unserer Vergangenheit fremd. Indem wir über Vergangenes nachdenken, verfremden wir die Vergangenheit, bedienen uns eines Stilmittels, das im Gedicht sein Königreich erfährt. Das ist ein Vorgang der Evokation, unser Gedächtnis ist ein Schuttgedächtnis, und wir rufen uns in Erinnerung, was wir längst nicht mehr parat haben, das aber unsere Träume beeinflußt, die wiederum ein Gefühl in uns zurücklassen, als hätten wir etwas Bedeutsames vergessen. Wir erinnern uns an die Lücken des Gewesenen, treffen also mit der Gabel nie das Fleisch, das uns stets entwischt, obwohl der Tell…

Fleischsoße am Haken

Gäbe es eine Disziplin der Unmöglichkeiten, wäre Fleischsoße am Haken ein Dauerbrenner. Kempten hat noch sehr viele echte Fleischer, Haudegen am Hackebeil, am Viehschußgerät und am Rippenzieher. Die Auswahl fällt schwer, ein Qualitätsproblem gibt es hier nicht, die umgebundenen Schürzen der Metzger sehen besser aus als die im Klinikum, hygienischer auch, schließlich ist es beim Tier nicht egal, wie es verreckt. Natürlich gibt es auch hier Veganer, Modeerscheinungen machen auch vor den Toren des Südens nicht Halt. Aber diese eßgestörten Yuppies sind eher die Ausnahme, hüpfen in ihrer Lichtgestalt durch den Äther, schweben fast (zum Laufen sind sie zu schwach), die Mädels führen sich Mohrrüben ein, die Buben schauen neidisch zu;  wobei nicht gesagt werden soll, daß ein wenig Salat dem Tellerrand nicht ein angenehmes Flair verleiht und einem rosaroten Steak nicht erst zur vollen Blüte verhilft. In der Innenstadt gibt es einen Vinzenz Murr,
den ich häufig konsultiere, allein, um den Tre…

Nymphentag 56

Es ist ein diffuses Unverständnis in allen Bereichen der Kommunikation, als wären alle Chiffren nicht klar und deutlich, als wären alle Rätsel rätselhaft und als wären wir nicht selbst in der Dunkelheit willkommen, denn nur durch Licht vergeht sie nicht, und so druckte ich zwei Tage lang und war erstaunt, was Tinte bei denen heute kostet, wie raffgierig alle sind, wie Riff Raff ging auf Powerage, wie die Gesichter schmelzen vor Raffgier, wie sie stinken, die Raffgierigen, nach Öl und verdorbener Sahne, scheißen aus das Geld und schmieren es sich ins Gesicht, tragen ihre Scheiße in der Fresse, die Kinder alles Klone, unser Kastensystem greift gut.

Pastos von der Nachbarin

Vielleicht schafft einer ein Gedicht
in einem Jahr, schreibt es so nieder,
wie er sitzt, und hat dann Worte gemacht,

über die er nachdenken muß, früh und spät
(nur mittags ruht er sich aus),
nach zwei Wochen hat er bereits ein Wort verändert,

nichts, von dem er weiß, vielleicht
ist er nicht verantwortlich für sein Gedicht,
vielleicht sind seine Spuren nicht so wichtig,

seine Gestalten im Laternenlicht,
zum Gruß erhobne Hand, die Mittelstreifen
existieren noch, die Häuserschluchten,

die ihn verlachen, weil er
Buchstaben ohne Statik bildet,
wenn er zur U-Bahn wechselt,

die Straße unterquert, alle Warnungen
im Schutt der Stadt entdeckt, wie sie
Karten spielen, sich wie kleine Köter balgen,

wenn einer auftaucht, den sie vorher noch
nie gesehn. Am Abend berichtigt er das Wort,
um am nächsten Tag jene Dinge vorzufinden,

die er zum Leben benötigt, als da wären :
zwei Koteletts vom selben Schwein wie immer
und eine Kaffeepflanze, die ihren Samen Namen gibt,

so daß er sich über ein entgangene…

Balzacs Kaffee

"Sie müssen nicht so viel Kaffee trinken, Sie sind doch kein Balzac, der jeden Tag dreißig Tassen trank", sagte er und ich wunderte mich.
"Sie lesen Balzac?"
"Nein, ich kenne ihn nur vom Hörensagen", sagte er. "Ist es deshalb? "
"Nein", sagte ich, "ich kann Balzac nicht ausstehen, außerdem trank er bis zu achtzig Tassen am Tag. Auch war es kein ordinärer Kaffee, sondern ein persönliches Gemisch, bestehend aus Yellow Bourbon, recht fruchtig und süß, Blue Mountain, sozusagen der König aller Kaffeesorten, den man auch Martinique nennt, und Mokka – nicht das Getränk, sondern die Kaffeesorte Mokka, was ja nicht dasselbe ist. Wenn Sie das mal probiert haben, schnappen Sie über, denn schon Martinique oder Bourbon einzeln zubereitet sind ein Erlebnis. Das ist Balzacs Vermächtnis, von dem kaum einer etwas weiß."
"Und woher wissen Sie das?"
"Ich sage es Ihnen: von Léon Gozlan und seinem Buch Balzac en pantoufles."
&…

Nymphentag 55

„Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegendes auszudrücken. Es müßte ihm die Sprache der Geister zu Gebote stehen ...“ (Goethe)
Als ich ansetzen wollte zu einem Hohelied der Geistersprache, gerate ich an Heinz Schlaffers ebenso benanntes Buch, 2012 bei Hanser, gerate dann wieder in die Situation, erst einmal widersprechen zu wollen, mäßige mich aber, weil dem Lyriker bewußt sein muß, daß er sich einer archaischen und vollkommen autonomen Form anheimgibt, indem er auf Kommunikation mit seiner Umwelt pfeift und pfeifen muß, indem er davon profitiert, was ein jahrhundertelanger Kampf war, Herr (und Dame) über sein Kunstwerk zu sein, zum ersten Mal wirklich frei (nun jetzt schon etwas länger), aber auch nicht zu lang, wo messen wir schließlich, wir messen 1 am Kosmos, wir messen 2 dann erst am pille-palle-existiere…

Worauf du achten wirst

I,

Wenn wir wirklich sehr vorsichtig sind mit
Der Wahrheit, dürfen wir unsere Laster behalten,
Zumindest behaupten das die alten Bücher,

Die hinter der Kommode in der Küche
Deiner Mutter sitzen, ihre Flügel strecken, flattern.
Aufmerksam wurde ich durch ein knarzendes

Dielenbrett. Worauf spielt es an? Im
Universum geht Energie nur dann verloren,
Wenn wir nicht mehr sind.

II,

Der gespannte Gummi wäre lieber die Saite
Einer Konzertguitarre, erträgt das Spiel
Der hüpfenden Beine jedoch klaglos, denn

In der Vergangenheit gab es einige Vorkommnisse,
Von denen die Mädchen wußten. Wer in einem
Solchen Ausmaß Bescheid weiß, ist längst

Kein Gegner mehr, sondern jemand, der
Die weite Reise tun muß, und ahnt,
Daß er selbst viele künstliche Stoffe enthält.

III,

Ich springe nicht gern in dieses Wasser hinein,
Das vor Entengrütze steht; verloren
Geglaubt das Schmuckstück, eine Vermutung nur.

Könnte man hineinsehen, hätte man
Überhaupt Augen, um Vergessenes zu betrachten,
Stünde ich nicht hier im R…

Montsegur (Fußnote)

Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfü­gung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüs­sig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Kör­per mit den nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten Resten des Pechs ein. Auch deshalb ging das Ge­rücht durch die Jahrhunderte, die Mohren hätten den Heiligen Gral entführt. Wahr ist hingegen, daß er an diesem denkwürdigen Tag, dem 16. März 1244, das Castrum Montsegur verließ und nie mehr gefunden werden konnte. Sechs von pechschwarzer Gestalt wagten sich hinaus in die Mördergrube aus Piken, Schwertern, Rammböcken, den Katapulten der königlichen Armee, entkame…

Nymphentag 54

Man müßte da sich konsequent/Zellen, müßte sich konsequent/sellen (Dort stellen/TortenStelen), dorthin wo dann alles abzuleiten/abzspreiten ist, was gemein man meint mitten in der Nacht, aber auch sonst, wenn. Es ist immerhin zweifuffzehn kaum zu denken an Schlaf. Es ist immerhin zwosechzehn, ich will aber morgen wieder ins WortGebürg stapfen,

Die Gespräche tummeln sich um viele Bretter zu bohren; nach wie vor: Die Sprache der Geister, wildes GrammaTau. Nymphenbad ein Literatratzensine? Das wäre denkbar in neuf.

Wenn zu dokumentieren ist, was man tut: um jetzt sechzehnfuffzich habe ich begonnen, mir die Hitze auszuziehen. Die matte Ratze (Nympenbad ein Literatraztensine?), die Arte-Atze.


Vor den Löchern muß die Maus ihren klitzekleinen Kopftod sterben.


Wer den Wahnsinn kennen lernen will, kommt.

Das Labyrinth

Das Labyrinth ist ein Zeichen, das viele verschiedene Zeichen in sich birgt. In einer Fülle komplexer Darstellungen und Deutungsmöglichkeiten führt es hin und her, biegt immer wieder ab und führt schließlich zur Mitte. Eine der Bedeutungen des Labyrinths ist, daß alles, was existiert, sich niemals schlußendlich festlegen läßt.

Das frühgeschichtliche Labyrinth, das man bei Ausgrabungen eines Palastes in Pylos in Griechenland fand, hat einen kreuzungsfreien und vorgegebenen Weg, der auf verschlungenen Pfaden sicher zum Ziel und wieder hinaus führt. Man kann durchaus davon ausgehen, daß das Labyrinth mit Initiationsriten, erotischen Hochzeitsspielen und Tod-Wiederkehr-Mysterien in engem Zusammenhang steht, denn die ältesten Zeichnungen sind nahe an Kultanlagen plaziert.

In der Ilias wird ein Pendeltanz im Zusammenhang mit einem Herbstritual beschrieben. Tanzvorstellungen sind auch auf alten Tonkrügen zu sehen, die hier einen Kranich- oder Jungferntanz abbilden.

Schlegel führte 1798 die A…

Montsegur

Vortex-Reise, hinaus aus schalen Wassern kriecht
Das bildhafte Reptil, das Lungen
Überall an seinem Körper verteilt, damit atmet,
Brennt, Kiemen wandelt. Auskeimend,
Bringend weiches Leder zu den Tälern ins Stroh,
Ins sonnenlose Gras,
Zahnrascheln, in den Nacken stürzen,
Tief ins Blut taucht ein Zahn,
Betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur.


Nymphentag 53

Das Epische interessiert mich nicht, weil es das Fragmentierte der kosmischen Umgebung gar nicht abbilden kann, in der ewigen Lüge verharrt (die hier nicht Spiel meint), in einer Lüge nämlich, die einen naiven Realismus hochhält. Das ist auch und gerade auf phantastische Literatur anwendbar, deren phantastischer Kern dadurch obsolet wird, indem der der Poetik des Realismus folgt. Eine ganze Generation versteht ihr Metier völlig falsch - und kann wohl auch gar nicht anders, als die völlig inakzeptablen Muster ständig zu wiederholen. Vor allem mangelt es an Sprache.

Wer sagt nun seinen Namen?

: und dann pfählen wir
die Nacht vielleicht
ihren Schmetterling. Laß

es fahren, wir wissen es doch
ohnehin niemals genau! Kannst
du dich erinnern?

Das Feuer sang, es sang 
atonale Giguen
auf dem Rücken des Holzes,
die Glut eine Stadt im Fluge. Je

mand spielte die Grasflöte memorierend, tat
Klänge hinein, einer Flüssigkeit entnommen,
die durch Dachleisten nieselt. Sonderbare

Keimlinge, nabelfrei, trugen
Schlachtplatten durch ein
Gewirr tiefer Stimmen, lose,
majestätisch, kühn. Ach,

der Luftzug einer Seele, ein
fünfter Wind im Würfel einer Kluft. Die
Augenzahl wie die Tage unbekannt.


Wie ich eine fürdreißig bekam

Wie ich dann vor der Theke stehe, überkommt mich das Verlangen nach einer Kaisersemmel. Ich frage, wie viel sie kostet und sie kostet 36 Cent. Das ist ungeheuerlich genug, ich sage, daß ich eine für 30 nehme - und das wäre schon außerordentlich.

"Aber sie kostet 36", will mir das Backwarengör weismachen.

"Das habe ich vernommen, ich werde aber nur 30 Cent dafür bezahlen. Ich muß so eine Semmel haben, jetzt. Womöglich würde ich auf diesen Unsinn sogar eingehen, aber ich habe nur noch 30 Cent. Sie erkennen die Problematik?"

"Dann können Sie eben keine kaufen."

Ich sage ihr, wenn sie mir nicht umgehend eine dieser Semmeln reicht, werde ich mich an einen der Tische ketten. Natürlich lacht sie zunächst, humorlos, wie ich finde, fast schon theatralisch. Als ich in meiner Tasche krame und ihr ein Fahrradschloß zeige - aus der Zeit, als ich noch ein Fahrrad besaß, quasi bevor man es mir gestohlen hatte, und das, obwohl ich es stets mit dem Wasserschlauch bespritz…

radsfatz

Heute sind wir das erste Mal auf unseren Böcken den Berg hinunter zum Feneberg gezickelt. Um uns wasserlösliche Feennuggets zu kaufen, die so gut wie immer auf unseren Neonpostitz notiert sind, die wir uns in der Hoffnung eines in die Zukunft reichenden Weitblicks schreiben. Einer, der uns im Hier und Jetzt die Aura der Lebensmittel wahrzunehmen vermöge macht, die bald durch ihr Nichtmehrvorhandensein in unserer Kemenate glänzen werden. Klappt aber nicht immer. Hinzu kam noch ein Sack Kartoffln, zwei kleine ovale Bassins mit eingelegten Heringsfilets & ein O-Saft (o o). Wir waren schnell, radsfatz! Wie auch du es die letzten Wochen mit der SANDSTEINBURG warst. Wir haben nun über 800.000 Zeichen, wir sind jetzt bei Seite ..., vermeldest du immer am Ende der verrichteten Arbeit eines Tages (manchmal auch einer Nacht) an ihr. Wir ...: als ob ich sie mitgeschrieben hätte. Klammheimlich womöglich. Was ja feuchtversteckt bedeutet, denke ich über dieses Wort nach, das sowohl vom Wetter a…

Nymphentag 52

Sandsteinburg: Exakt 90 Kapitel in 13 Abteilungen. Es sind noch Abgleichungen zu machen mit älteren Ausdrucken, dann ist eine zwölfjährige Arbeit beendet. Begonnen wurde sie 2005 (wenn ich die ersten Fragmente und Notizen gelten lasse), in Zürich. Der Arbeitstitel lautete: Die Tafeln des Symbalousa. Seitdem habe ich etwa 9 Fassungen in unterschiedlichen Stilen entworfen, die mir alle das Labyrinth nicht angemessen wiederzugeben vermochten. Das Buch ist gar nicht so sehr kompliziert, erfordert aber naturgemäß eine gewisse Leseerfahrung und ein wenig Flexibilität im Umgang mit moderner Literatur. Was ich damit mache, wenn es denn wirklich beendet ist - was, wie ich vermute in den kommenden Tagen soweit sein wird - weiß ich nicht. Zumindest kenne ich augenblicklich keinen Verlag, der das leisten könnte, was das Buch erfordert und einfordert. Früher wäre für mich Suhrkamp interessant gewesen, aber das ist längst auch nicht mehr der Fall. Haffmanns ist noch zu nennen, den es nicht mehr gib…

Besorgungen um zehn

Ich gehe auf der Straße und gebe vor, ein Auto zu sein, was man mir scheinbar nicht abnimmt, sonst wäre kein Hupkonzert aufgekommen. Unbeeindruckt blinke ich (hat man kein recht auf Langsamfahrt?) nach alter Herren Sitte mit dem linken Arm. Ich muß gar nicht aussteigen, um den Laden zu betreten, bin bereits das Ausgestiegene höchstselbt. Heute bedient wieder die blonde, feiste Nachbarin, die nach ihrer Schwangerschaft vor über zehn Jahren nie wieder in eine gewisse Windschnittigkeit zurückfand. Außerdem gibt es ja noch das zweite, das jüngere Kind. Oft höre ich sie über den Hof plärren, ihre Kinder mit einer die Gehörmuschel zersetzenden Eifrigkeit zur Ordnung rufen. Als sie mich einmal zum Kaffee bei sich einladen wollte, bekam ich Panik, denn wie hätte ich ihr Dauergespräch ertragen können? Heute klagte sie über die schmerzhafte Unbeweglichkeit ihres Nackens, entstanden durch die Schlepperei des neues Schlafzimmers. Ich empfahl ihr in meiner stets hilfsbereiten Art eine Salbe, von d…

Der Tanner

Aus der Borke der Zeit, einer Ewigtanne, schnitzte sich vor vielen vielen Jahren und Abermyriaden von Blüten und Bienenstaaten, die vergingen, ein Herbergsvater. Der Tanner eines Hauses, das stets versank, sobald die Sonne den Mond ablöste. Er tat es mit jenem Messer, das bis dahin fortdauernd den Broten überlassen war, die die Bewohner dieses von Eulen bewachten Hauses, in dem sie das Licht der Welt erblickten, zu ihren Lebzeiten buken, doch niemals von ihnen aßen.

Er, der Wirt dieser Seelen, die an das Haus gebunden, ihrem Hunger ergeben waren, wie es Vogelküken im Nest der ersten Lichtstrahlen sind, die sie wachläuten, trug sie des Nachts, nachdem er sie durch seinen Mund in sich aufgenommen hatte, durch das Dorf, um Wirbellose für sie zu sammeln. Nacktschnecken und Würmer, die er ihnen in ihre Münder gab, die sich trotz des Schlafes, der sie barg, weit in seinem Holzrücken öffneten. Er selbst aß niemals etwas. Aß nichts außer ihnen. Und er tat es auch nur, sobald sie der Müdigkeit…

Im Stolperschritt durchs Elysium

Ich versuche der gescheckten Realitität aus dem Weg zu gehen, was mir vormittags, wenn mein Schritt noch beschwingt ist, nicht allzu schwer fällt. Sie stellt sich mir nur dort in den Weg, wo die Sonnenstrahlen feindselig durch die Baumkronen der Allee stechen. Ich umschiffe diese hell flimmernden Flecken geschickt. Melvin ist das egal. Er wandert einfach hindurch, immer die große Wiese vor den Augen, die für ihn das Elysium ist. Nicht, dass er zwischen hier und dort groß unterscheiden würde – zwischen dem Glück und dem Pfad dorthin. Er verliert seine Vorsätze diesbezüglich niemals aus den Augen. Wenn es also stimmt, dass der Weg das Ziel ist, dann ist er schon längst angekommen. Darum beneide ich ihn. Dafür liebe ich ihn.
Wie so häufig in letzer Zeit, kann ich schreiben, dass meine Tage voller Geschichten sind. So betrachtet ist dies eine glückliche Phase, die nicht zu vergehen scheint. Hin und wieder frage ich mich, womit ich das verdient habe. Aber es wird schon berechtig sein, ich w…

Nymphentag 51

Gestern und heute intensiv an der Sandsteinburg, die jetzt voraussichtlich 532MS ergeben wird, für ein "absolutes Buch" ist das passabel. Ich tröste mich bei der schweren Arbeit damit, daß dies ein einzigartiges Buch bleiben wird, denn ich werde das weder wiederholen können, noch wollen. Das Problem, wenn man sich aus dem Kosmos aller existierenden Schreiberlinge herausschreibt, ist offenbar. Zusätzlich erschwert wird das durch die Tatsache eines sprachlosen - oder spracharmen -Landes, in dem ich nun einmal zugange bin. Und daß ich die Sprache der Geister beherrsche, was im Grunde zu erläutern wäre. Nicht als Medium bin ich zugange, nicht als jemand, der Zaubersprüchlein aufsagt, sondern als jemand, der in Zungen spricht. Meine Winkel sind alle ungesehen.

Die Geschwister Grimm in Kempten

"Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. DAS ist doch merkwürdig!" (Zitat von "Die-mit-dem-Dichter-spricht")

Das Allgäu ist übervoll mit Menschen, an denen der Nonsense der heutigen Zeit zwar nicht abprallt, aber hier und da dann doch für das genommen wird, was er ist: eine vorübergehende Erscheinung. Gerade in den Bergen und in den Randbezirken gibt es noch eine Menge Zauber.

Naturheilkundige finden hier ihr Mekka. 1775 wurde die letzte Hexe in Kempten zum Tode verurteilt, aber nicht verbrannt. Sie starb eines natürlichen Todes. Vielleicht geht es Kempten deshalb so gut. Wer im schöpferischen Element tätig ist, der weiß, daß diese Kraft weiblich ist, auch wenn es Männer gibt, die das leugnen. Ich selbst wäre ohne die weibliche Urkraft seelisch wie körperlich bankrott. Deshalb die Große Mutter, deshalb Hexen. Aber mir geht es hier nicht um Elementarkräfte und deren Herkunft. Es ist ziemlich erstaunlich, daß sich Kräuterfrauen und solche, die sich selbst …

Gegen Klärung und Reinheit

Das Bewußtsein um die Aspekte des Nächtlichen, Abseitigen und Unheimlichen reicht weit ins 18. und 19. Jahrhundert hinein und wurde in der Epoche der Romantik, man möchte fast sagen, geboren als eine antiaufklärerische und schwärmerische Suche. Soweit die Klischees. In Wahrheit formulierte diese literarische Bewegung aber keinen radikalen Bruch mit der Aufklärung, sondern bereicherte diese noch um den Zusatz produktiver Zweifel an einer vollständig rationalen-diskursiven Durchdringung der Welt.

Der Allwissenheitsanspruch der Aufklärung verwandelte sich in der Romantik in eine fragmentierte Realität gegenüber des sinnvollen Ganzen. Mit einer umfassenden Ästhetisierung der porös gewordenen Welt begegnet das romantische Ich der so entstandenen Kluft zwischen Wirklichkeit und Subjekt, das im Kunstwerk nicht zu einer bruchlosen Einheit zurückfindet, sondern in der Sehnsucht nach Einswerdung von den nicht rückgängig zu machenden Rissen im fragil gewordenen Gesellschaftsgefüge kündet. Die I…

Dorn Kischote

Du wirst mit deinen Mühlen besser beschienen, Kischote,
Wenn du dich von Mittag näherst.
Dann zeugen die Lupinen von deinen Taten
Und die Brunnen haben Heimweh.
Dann wird sich der Boden erheben
Und Berge auf den Gesang lauschen,
Der hinter einem einsamen Duschvorhang ertönt.
Auf einem geschnitzten Abfallhaufen landet deine Lanze, Kischote,
Wenn du dich von Abend näherst
Auf einem nur gemalten Gaul, die Rotoren,
Angetrieben von Mückenflug und Atemfluch,
Den Zehnt zermalmen, den Müller gleich mit,
Und seine Schurze hängt da noch
Wenn du dich von Morgen näherst,
Der Mill den Hintern zu versohlen, aufgetuntet
Mit Rost und Federhelm und reichlich Irrglaube.
Du wirst mit deinen Mühlen besser beschienen, Kischote,
Wenn du dich von Mittag näherst.

Nymphentag 49

Weil wir uns aus zwei Kammern speisen (wobei die andere nur durch einen öffentlichen 800m-Flur zu erreichen ist), mussten wir heute - ich nenne das einen Großputztag, justamente als ich die ersten Teile von "Mumpenzimmer" einsprechen wollte - gerade genannten einleiten, weil es um jeden Quadratzentimeter zwischen Büchern, Pflanzen und Heidschnucken geht. Da trabten wir erneut maultierisch bepackt gen Bergrunter (Albera verschwindet meist hinter den Utensilien, ich glaube, wir sehen aus wie mittelalterliche Narren.). Nüchtern betrachtet planen wir, unsere Dokumentation auszubauen, indem wir auch Gespräche mitschneiden.



Schmetterding

Die Cartoon-FotoGrafen wollen wir natürlich ebenfalls erweitern, aber auch dazu kamen wir heute nicht

Das Zementfaß der Hieroglyphenbeine

Die ganze Nacht polterte das Kettengespinst
Auf den ausgedehnten Treppenstufen, ging auf, flog
Mit Stufenberührung ab, harrte -
Ob sich etwas außer ihm bewegte - (Atem
Wie ein Unimogmotor bei Seilwinde in Betrieb) -
Und begann von vorne bei einer violetten Stunde.
Es wollte eine Ruhe nicht ohne sein Gesäß an einer Tafel,
Die ausgeschmückt zur winterlichen Zeit
Mit Kuchen um Kuchen aus der Küche schellte.
Da dies nicht infrage kam, besann es sich auf seine Nachttöpfe -
In der richtigen Reihenfolge aufgestellt
Ergaben sie die Skyline einer Blechstadt,
In der die Fassaden die einzigen Fluchten waren,
Die es sich entlangzuflanieren lohnte.
So einen schönen Glühbirnenaufgang am Abend,
Eingewickelte Bonbons in den Backentaschen,
Rotz am Ärmel, die Gemeinheiten einer Schlagzeile
In den vorgeblichen Schaufenstern einer Besserungsanstalt:
Herr Mutter erschlägt Frau Vater; da überkam den Flaneur
Der eigene Brechreiz von oben, der sich rotmeerisch spreizte,
Um die Ziehwägen zu locken und mit Bro…

Rumor alle Jahre wieder

bundesfuckwahl

 Hier geht es um anerkennung
 Was ist das für eine wahl
Wenn ich wählen muss
 Warum wählen müssen
Anstatt wählen zu wollen
 Warum arbeiten müssen
Anstatt arbeiten zu wollen
 (für) etwas wofür es sich lohnt
 Warum sprechen wir nicht mehr von obrigkeit
Als ob es sie nicht mehr gäbe
 Warum sprechen wir nicht mehr über untertanen
Als ob es sie nicht mehr gäbe
 Warum nennen wir es recht und nicht gewalt
Was es eigentlich ist
 Jeder freie ist ein f9ind des staates
 Spongebob lebt die wahre anarchie vor
Weil er einfach gerne arbeitet
 So würde unser system nicht funktionieren
 Was muss geschehen
Damit wir gerne teil haben
 Ohne andere auszubeuten
Und ohne manipuliert zu werden
 Was ist da für ein unterschied zwischen eurem realismus und opportunismus
 Natürlich kann man in einem einzelnen ein bedürfnis wecken
 Natürlich kann man einzelne inhaftieren
 Man kann das auch mit vielen einzelnen tun
 Aber kontrollieren im großen kann keiner
Warum also weiter so tun
 Geben wir doch ei…

Rumor: Poetik

eine etwas ältere poetik - immer noch gültig


 Brevitas: keine silbe zu viel aber auch keine zu wenig

 Rhythmus: prosa wie lyrik immer entlang der bassline

 Metapher: tropen nicht nur herum stehen lassen sondern in bewegung setzen - das literarische kommt zum eigenen sein 

 Wendung: worte wenden - ausloten wozu die worte noch gut sein können

 Performanz: in den text stürzen - ihn durch mich sprechen lassen

 Obskuranz: es muss nicht alles verständlich sein - das verständliche soll aus sich selbst verstanden werden


schwarzaufweißmagie

Phantastische elemente sollen kein zeichenhaftes werkzeug eines textwesentlichen literarischen willens sein. Literarizität soll, um der verflachung zu entgehen, mit phantastischen elementen amalgamieren zu einem hyperwesen, darin keine gerichtete absicht, sondern eine traum- und schicksalhafte folgerichtigkeit den takt der ereignisse schlagen  (c)meta4/rumor/venom&claw/...

Originalpost auf >schwarzweißliteratur<

Tschu Tschu

Vor einem Jahr

Kempten leuchtet heute wie von einer Zweitsonne beschienen. 1023 meter bis zum Bahnhof (wenn man den Ring anders kreuzt, kann man die Distanz sogar unter 1000 drücken). Im Biergarten daneben und davor starren mich die Leute an. Was ist denn jetzt schon wieder? Ich bin mit dem Rad da, Herrschaften, völlig unauffällig. Also, entweder stimmt mit mir wirklich etwas nicht oder ich werde meiner Paranoia nicht mehr Herr. Daß ich meinen Regenschirm, ich weiß nicht wo in einem Café, habe liegen lassen, könnte mir durchaus eine Aura des höchsten Kummers verpasst haben - es war ein englischer, ein Regenschirm nach alter Sitte, nicht nur, um den Regen abzuhalten - überhaupt nutze ich einen Schirm eher bei Sonne; er war ein Accessoire von unschätzbarem Wert. Wieder einmal bin ich nicht komplett, aber wann bin ich das schon? Nächsten Montag versuche ich mich wieder einmal mit der Eisenbahn, die Dame im Reisezentrum erklärt mir ganz Geduldig den ganzen Preis-Wust, ob ich umsteigen wol…

Nymphentag 47

Was wollte ich heute nicht alles Löcher in die Wand bohren. Was wollte ich heute nicht alles einkaufen, wegwerfen eh teh zeh, bis die Tür aufging und Albera zur Freude meiner Nerven hereinspaziert kam und ich einen ZehnstundenTextTag hinter mir fühlte. Ich konnte nichts anderes tun als zu sitzen und an der Sandsteinburg zu arbeiten, denn mein Gegripp hat sich wieder etwas erholt und führt wie Wallenstein eine gestaffelte Flanke.

Ich würde an dieser Stelle gerne behaupten, dass alle 84 Figuren erfunden sind, aber das entspräche nicht der Wahrheit, auch wenn ich mir sämtliche Freiheiten gestattet habe,was ihr Tun und Denken betrifft. Über ihre Motivation lässt sich kaum etwas sagen, und selbstverständlich sind sie literarisch verfremdet. Man müsste das nicht eigens erwähnen, aber es hält sich auch heute noch der Aberglaube, Literatur sei in manchen Fällen etwas anderes als ein Sprachkkunstwerk, in dem es nur einen einzigen Helden gibt: die Sprache selbst, möglichst in all ihren Formen. …

Steve Earle - Meet Me in The Alleyway

Vor einem Jahr

Ich habe gestern in mir herumgestochert und herumgeforscht, aber nichts gefunden. Der Bahnhof, an den ich dachte, ist mir oft ein flüchtiges Thema, in meiner Erzählung Martraum (Sandsteinburg) sogar ein großes Symbol, das mir aber auch keine andere Wahl lässt. Mit einem Bahnhof beginnt die Geschichte, die sich nicht schließen lässt, mit einem Bahnhof beginnt die Geschichte in der Mitte.
Die Furcht, so lange schon gewesen zu sein, ein Gleichnis zu finden, ein Gleiches, ein Entsetzen dieser Ferne, die näher rückt, oder die Nähe, die hinaus führt, fragil über die Weichen schleicht, über donnerndes Eisen. Ein anderes Ankommen ist kein Ritual. Sarina Mira erinnerte mich gestern indirekt an das große Feuerwerk der Lärmenden Akademie vor zehn Jahren. Es ist kaum fasslich, aber vielleicht war mir gestern so greinerlich zu Mute, weil sich etwas längst Vergessenes gejährt hat. Ich vermute, dass ich mich vor zehn Jahren hier habe sitzen sehen, ein erbärmliches Schauspiel, und mein…

Ohne Schrank(en)

Wer der Zeit will widerstehen ...

Bei Dichters

M: Liebholdeste, würde es dir etwas Unmögliches bedeuten, mir Hinweise darauf zu geben, wo ich meine Schtrumfhose hingetan habe? Du weißt, meine Nächte. Du weißt, meine Tage ...

A: War es nicht meine Bubenblaue, die du dir tagein tagaus, zum Memorieren von Weite, über deine Puttenbeine streiftest? An der du zogst und zupftest, bis sie dir wie ein zweites Schlangenhäutlein passte?

M: Es war doch eher die Violettisierte, die sich manchmal wie von selbst durch unsere Kemenate bewegt, als wären tausend Geister drin, die über den Rücken dann, nachdem sie das Ärschelein passiert, ins Stammhirn vordringen. Ja, ich bin mir sicher: diese war's!

A: Ach ... so war das! Du hast wieder zu tief in meine Schublade geschaut, dich vom Spuk der Stöffchen bezirzen lassen. Da siehst du's! Software is tight. Wahrscheinlich waren's deine Blutgeister. Die heilig sanguinischen, die dir durch die Kompression deiner Venen, beschleunigt ins Stammhirn schossen, um dort ihr Unwesen zu treiben. Denn ziehs…

Kunsthaus ohne Künstler

Als ich weiland der Eröffnung des Künstlerhauses beiwohnte, floss der Schampus derart in Strömen, dass ich die Installationen im Oberstock nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden konnte. Ich war der Meinung, die Gliedmaßen in Ketten, die begipsten Luftballons oder der 'gemartete Stuhl in
der Zelle 808' wären just das Ergebnis meiner Existenz. Es waren dies Zeiten des Aufbruchs, ich als Dichter freilich ein phonetischer Freigeist, der vielleicht noch zu den Musikern passte. Bildende Künstler stolperten über meine sagenhafte Zunge, die bereits nass genug war, um selbst nicht über die Mörtelanlagen zu fallen. Das Gehäuse befindet sich - wie passend - in der Beethovenstraße und blickt auf eine 140jährige Geschichte zurück, Stadtvilla und Villenäußeres, war leider auch mal Sitz einer Verbrecherbande, sprich: einer Bank. Aber diesen Schmutz vergessen wir schnell, das ist mit 1929 lange her. 2003 lud mich besagte Eröffnung mit dem Thema "Abbruchkunst im Abbruchhaus" …

Der Schrank in eine andere Welt

Schlangenbauchsprung

Heute in einer fremden Stadt. Dieser Gedanke begleitet mich bereits frühmorgens zum Sport. Aber es ist ein geruhsam vor sich hintröpfelnder Tag und es gehen sich keine zwei Kilometer im ungewohnten Becken aus. Vor allem, weil ich keine Lust dazu habe, mich über die Motivation hinaus zu schinden. Das ist sowieso ein Spiel, das man nur mit Bedacht treiben sollte.
Mittags wende ich der Welt auf dem Sofa meine verletzliche Vorderseite zu und besuche den erhebenden Ort zwischen den Träumen, an dem man überall zugleich sein kann. An dem sich die Wirklichkeiten treffen. Von wo ich auch Material für meine Geschichten mitbringe.
Nachmittags dann in einem unbekannten Café mit Begleitung. Meine Blicke schlängeln sich unwillig durch das graue Gegenlicht, begleitet vom einschläfernden Klingeln Dutzender Löffel, die gleichmäßig über Keramik kratzen. Dem Gespräch, das eigentlich an mich gerichtet ist, folge ich nur mit einem halben Ohr. Alles, was ich daraus mitnehme ist die Erzählung über jemanden,…

Nymphentag 45 & Vashti Bunyan / Train Song

Tatsächlich ist die Frühe ein Schauspiel eiter-entzündlicher Wolken, tiefliegender Bewässerung, die gestern begann und mit einem rasanten Trommelfeuer eisiger Kleinbrocken die Straße kurz in einen Bach verwandelte. Nichts gegenüber den überschwemmten Tälern, die es im Sommer in anderen Regionen gab, aber ich dachte kurz an meine Bücher im Keller. Der ist über der Waschküche jedoch höher gelegen, ungefährlich, so lange nicht das völlige Szenario einer Kapitalisten=(statt "Sint=")Flut ausbricht. Der Sommer, der dieses Jahr ekelhaft war, neigt sich dem Ende, das ist bereits anhand von Kleinigkeiten zu spüren. Kein Freund der klimatischen Massenunterhaltung bin ich. Wollte mir um 6 nur das Wasser abschlagen, da war Albera schon auf die Gleise konzentriert -gen Klondike in der Falz - Goldmeuble abzuholen. Blieb dann aber wach, nachdem ich gestern vor lauter Hitzemigräne nicht an die Sandsteinburg konnte. Nun, es wird spät in den letzten Wochen, spät wie jahrelang nicht (ich bin d…

Im dunklen Trüb

Früher eine Schänke, Quellen aus Mondlicht, ein Splitter der Ver­gangenheit. Hier wurde weder Licht noch die Luft selbst gelüftet, die Gäste sprachen Double Dutch, flüsterten laut, hatten sich nichts zu sagen und sagten sich nichts zum tausendsten Mal. Das Strand­gut eines Sommerplatzes: den Elenden gab man gastfrei. Sie stand in der Ecke und sah mich früher als ich sie, stand in meinem Rücken, die­ser weiten Fläche, ein Fächer für Blicke, weder die Kleidung, die man trägt, noch die Haut widersteht dem Stechen eines in Gedanken arrangierten Blickes. Sie stand da und stand verborgen, karge Mauern hüllten sie ein, Gedanken ohne Gestalt, ohne ein Wort, ein Bild. In der Mitte flackerte ein entsetzlich fun­zeliges Licht, das sich für eine Sonne hielt. Im Keller siechte das Wasser eines Brun­nens, darin keimte die Erinnerung wie in einem Aquarium Escheri­cha Coli, geisterhaft tauchte aus der Tiefe all das empor, was man längst kannte: sich selbst zu fassen bekam man sich nicht.

Ascension & Co

Vor einem Jahr

Eigentlich müsste man ja mal Klartext reden, so geht es doch nicht weiter, oder komme ich etwa zurecht, komme ich etwa zurecht, kann ich mir vielleicht endlich eine Antwort geben? Ich weiß nicht, die Pflanzen haben Durst, Eric Dolphy, Lee Morgan, Horace Silver, Oliver Nelson und wieder und wieder Trane, der Train, der Tschu Tschu der spirituellen Ekstase, Ex-Tasse. Gestern zum ersten Mal sein Ascension gehört, das hat mir ordentlich den Helm verdreht, und weil der Helm gut und gerne völlig rotieren darf, Crescent und Meditations hinterher, so dass ich beim Götterwerk A Love Supreme fast schon wieder runterkomme. Das ist schon der absolute Irrwitz, Herrschaften. Man möchte fast wieder rauchen und einen Liter Wodka trinken, aber das verträgt sich nicht mit den scheiß Haferflocken, die ich tagein, tagaus fresse. Ich muss schon fast kotzen, wenn ich etwas anderes rieche, außer Waschpulver, Waschpulver geht. Fuentes' Hautwechsel ist endlich da, schiebe ich zwischen die W…

Unübersehn

O Umzug. O nein. (Es musste so kommen.)

So kam es. Und nun ist es soweit. Weiß ich doch seit Wochen. Mit der Tschu Tschu geht's in die Pfalz. Mit nem großen grünen Stegosaurier zurück. Den Stego vermute ich mal, da ich nur die 'kleinen' Busse kenne, von dem, der ihn mir zur Verfügung stellt und wohl auch fährt. Obwohl ich das auch machen würde. Ich fahre ja hin und wieder der Arbeit wegen einen Bus. Hey Busfahrerin! Aber eben einen 'kleinen', der maximal 10-15 Personen fasst. Das wollte ich mal zu meinem Beruf machen. Ist noch gar nicht so lange her, da stand das zur Debatte.

Hab' uns heute auf dem Viehmarkt nen 2-kg-Sack Zwetschgen gekauft. Zum Frühstück gab's Debreziner mit Kaisersemmeln und Senf. Die Zwetschgen brauchen noch, sind noch recht fest und sauer. Bis sie zart und süß sind, bin ich wieder da. Mit Fahrrad. Um in irgendeiner Weise wieder mobil zu sein. Das Fahrrad, mit dem ich, bevor ich zu dir kam, die letzten Tage zu meiner alten Arbeitsstelle …

Hinter den Aufbauten der Welt

Das Leben eines Geschichtenerzählers ist voller Eingänge, Durchgänge, Abgänge, geschlossener Türen und offener. Fenster, durch die man einsteigen kann, wenn man sich nur ein Herz nimmt. Manchmal auch Schaufensterfronten, auf denen fingerdick der Dreck von Jahren klebt. Dahinter stieren, zerlegt und durcheinandergeworfen, Kleiderpuppen mit leeren Gesichtern, auf denen schon vor langer Zeit die Beschichtung gerissen und abgebröckelt ist, direkt durch einen durch. Sie waren einmal weiß, aber mittlerweile hat die Sonne sie gilb gemacht.
Es ist eine Passage, die man nur durchqueren kann, wenn man den verborgenen Zugang kennt. Oder durch Zufall entdeckt. Direkt neben der lebendigen Touristenhauptschlagader einer blühenden Weltstadt.  Wenn einem das Ambiente gefällt, kann man sich zu den ausrangierten Plastikkörpern in der Auslage gesellen und leer auf die Straße starren. So tun, als gehörte man dazu. Zu allem.
Das tausendstimmige Murmeln von draußen schwirrt durch die Stille dieses abgelegt…

Uglier Joyce

Bruno Schulz

Bruno Schulz drückt die Sache so aus:
Das Unwirkliche ist das, was man untereinander nicht teilen kann. Was auch immer aus dieser Gemeinsamkeit herausfällt, das fällt aus dem Kreis menschlicher Angelegenheiten, geht über die Grenzen des menschlichen Theaters, über die Grenzen der Literatur hinaus. 
Das Problem mit Bruno Schulz ist: jeder weiß, dass er ein Genie ist, jeder spricht über seinen enormen Einfluss, kommt es aber hart auf hart, bleiben diese Aussagen auf Banalitäten beschränkt, als wäre das Maß dichterischer Größe abhängig von einer Gemeinschaft populärer Entscheidungen. Auf der anderen Seite ist das auch nicht sonderlich überraschend.

Schulz überfällt den Leser von der ersten Seite an und erlaubt ihm nicht, ein einziges Mal innezuhalten, erlaubt ihm nicht, seine Gedanken zu sammeln. Seine Niederträchtigkeit liegt in der Tatsache, dass er jeder Übersetzung widersteht, uns aber dazu ermutigt, zu imitieren, zu paraphrasieren und zu fälschen. Es ist einfacher in Schulz‘ Sprache…

Erstes surreales Märchen (als Dialog)

M: Würdest du von goldnem Mottenstaub mich umringt wissen - wie wäre dann dein Vorschlag, unter rettende Trauben zu eilen? Oh, und start müsste es außerdem sein.

A: Du würdest nicht wissen, wie dir geschieht! Es wär' dir, als bekämst du die Motten.

M: Die mir, wie gehabt, unter den Biberpelz fahren, um die Kissen zu kitzeln, die ich einst unter meiner Haut versteckte? Aber kannst du mir nichts Bessres raten, als tatenlos die Falle zuschnappen zu lassen?

A: Nein, von solchen Motten kann die Rede nicht sein! Ich sag dir, wenn ich's täte, du schnapptest nach mir, schnapptest mit den Händen hier und dort, schnapptest als wolltest du sie, die Motten, fangen, die dich streifen mit wimpernem Aug', hie und da, hie und da dich kitzeln, denn du sähest mich nicht. Doch ich nähme von dir das goldene Puder und knetete draus dir zwei Schuh, die dich windgeschwind ins Tal der Zwölfmittagsuhr bringen, zu den Wölflingswiesen und Käfermarien. Dort, wo der Schleierbaum steht. Denn nur unter die…

Nymphentag 42

Noch habe ich den Katarrh und bin im Verzug mit den Sandsteinburg-Lesungen, das Manusprickt bearbeite ich jedoch ausgiebig. Der Beiname "Possenspiel" ist jetzt das offizielle Element dieser multiplen Dampframme. Ich muss gestehen, dass ich die Sandsteinburg nie fertig zu machen beabsichtigt hätte, wenn nicht Albera seit einem Jahr die Weichen stellte. Oft hatte ich den Text in seine nahezu 1000 Einzelteile zerlegt, selbst überzeugt von der Unmöglichkeit dieses "absoluten Buches", manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich an einen idealen Leser dachte, überhaut an Leser, was ich mir jedoch erfolgreich wieder austreiben konnte. Es geht um Kunst und nicht um Leser. Zwei Begriffe also, die sich beißen. Man darf nicht feige sein, wenn man sein Leben ausschließlich der Literatur widmet, wenn man selbst ein Kunstwerk ist und man jegliche Grenzen schon vor Jahrzehnten überschritten hat. Aber es ist die Eger mein Rubikon. Und es ist die Sandsteinburg meine Nemesis.

Vor uns der Kickertisch

hinten im Eck beim Kickertisch –

1 Spiel in der Spiel=Lunke, rotierende Stangen mit ›Manneken Pis‹ hinter dem Kachelofen, Geruch nach friedlich ausgelaufenem Bier, schlecht weggelappt, das Licht im Spiegel oder im Fensterglas humpelt, die Wirtin Erna uns zu Diensten, stapft uns Geld zu wechseln, humpelt uns Flasche um Flasche in den Nebenraum (Schaumbart x Schaumbart : laut juveniles Gedorf); pengt der Ball an die Kant Kantaten Kanten. Jetzt tickt die Tür, geht auf und es läuten alle Korken, jetzt sitzen wir bey Tisch, jetzt jetzt und sprechen : nichts Gehörtes. Im Erdenwall dort nebenan, dem Graben, den wir schufen (Nacht für Nacht) mit Spaten Schaufeln Kufen. Erdschlitten & der Ostermann (fanden die Leiche einer Kickermaschine neben 1 leeren Haus, neben puzzelierten Scheiben). Sekunden triefen von den Bäumen, aber wo sie auf die Erde fallen –

1 trübes Bild : Stangen & Federn, 1 zugehäuftes Äschchen, 1 Münz­ monument, zwölf Bälle (für jeden Mond) : Halb=Ball, Vol…