Freitag, 18. August 2017

Im dunklen Trüb

Früher eine Schänke, Quellen aus Mondlicht, ein Splitter der Ver­gangenheit. Hier wurde weder Licht noch die Luft selbst gelüftet, die Gäste sprachen Double Dutch, flüsterten laut, hatten sich nichts zu sagen und sagten sich nichts zum tausendsten Mal. Das Strand­gut eines Sommerplatzes: den Elenden gab man gastfrei. Sie stand in der Ecke und sah mich früher als ich sie, stand in meinem Rücken, die­ser weiten Fläche, ein Fächer für Blicke, weder die Kleidung, die man trägt, noch die Haut widersteht dem Stechen eines in Gedanken arrangierten Blickes. Sie stand da und stand verborgen, karge Mauern hüllten sie ein, Gedanken ohne Gestalt, ohne ein Wort, ein Bild. In der Mitte flackerte ein entsetzlich fun­zeliges Licht, das sich für eine Sonne hielt. Im Keller siechte das Wasser eines Brun­nens, darin keimte die Erinnerung wie in einem Aquarium Escheri­cha Coli, geisterhaft tauchte aus der Tiefe all das empor, was man längst kannte: sich selbst zu fassen bekam man sich nicht.

Ascension & Co

Vor einem Jahr

Eigentlich müsste man ja mal Klartext reden, so geht es doch nicht weiter, oder komme ich etwa zurecht, komme ich etwa zurecht, kann ich mir vielleicht endlich eine Antwort geben? Ich weiß nicht, die Pflanzen haben Durst, Eric Dolphy, Lee Morgan, Horace Silver, Oliver Nelson und wieder und wieder Trane, der Train, der Tschu Tschu der spirituellen Ekstase, Ex-Tasse. Gestern zum ersten Mal sein Ascension gehört, das hat mir ordentlich den Helm verdreht, und weil der Helm gut und gerne völlig rotieren darf, Crescent und Meditations hinterher, so dass ich beim Götterwerk A Love Supreme fast schon wieder runterkomme. Das ist schon der absolute Irrwitz, Herrschaften. Man möchte fast wieder rauchen und einen Liter Wodka trinken, aber das verträgt sich nicht mit den scheiß Haferflocken, die ich tagein, tagaus fresse. Ich muss schon fast kotzen, wenn ich etwas anderes rieche, außer Waschpulver, Waschpulver geht. Fuentes' Hautwechsel ist endlich da, schiebe ich zwischen die Wiederlektüre des Der obszöne Vogel der Nacht ("des Der", das ist doch ungeheurlich!) und darf nicht vergessen, an meiner eigenen Nacht weiterzumachen. Und das wunderbare Cover von Bill Evans & Jim Hall vom Album Undercurrent:


Viel ruhiger quasi als diese Arschlochstraße, in der ich lebe, aber gibt es in Städten überhaupt irgendwo keine Arschlochstraßen, Lärmidioten,  die mir auf die Nerven gehen mit ihren bekloppten Blechkarren. Das gälte es zu fliehen. Nur wohin fliehen? Wo bliebe ich verschont von diesem Ekel, der mich überall umgibt? Wenn ich jetzt stürbe, wer würde meine Leiche auf den Müll werfen? Zu all den Blechdosen und Plastikwindeln, Astronomy von Blue Öyster Cult als Begleitmusik, mein Göttinner, bin ich drauf, ich komme selbst fast auf den Gedanken, ich hätte was Schlechtes im Sprudel gehabt. Schlaftablette und raus aus dem Tag.

Donnerstag, 17. August 2017

Unübersehn

O Umzug. O nein. (Es musste so kommen.)

So kam es. Und nun ist es soweit. Weiß ich doch seit Wochen. Mit der Tschu Tschu geht's in die Pfalz. Mit nem großen grünen Stegosaurier zurück. Den Stego vermute ich mal, da ich nur die 'kleinen' Busse kenne, von dem, der ihn mir zur Verfügung stellt und wohl auch fährt. Obwohl ich das auch machen würde. Ich fahre ja hin und wieder der Arbeit wegen einen Bus. Hey Busfahrerin! Aber eben einen 'kleinen', der maximal 10-15 Personen fasst. Das wollte ich mal zu meinem Beruf machen. Ist noch gar nicht so lange her, da stand das zur Debatte.

Hab' uns heute auf dem Viehmarkt nen 2-kg-Sack Zwetschgen gekauft. Zum Frühstück gab's Debreziner mit Kaisersemmeln und Senf. Die Zwetschgen brauchen noch, sind noch recht fest und sauer. Bis sie zart und süß sind, bin ich wieder da. Mit Fahrrad. Um in irgendeiner Weise wieder mobil zu sein. Das Fahrrad, mit dem ich, bevor ich zu dir kam, die letzten Tage zu meiner alten Arbeitsstelle geradelt bin, vorbei an Felder, Felder und noch mehr Felder. Du hast mich zu dir geholt. Bist Tschu Tschu gefahrn. Kamst an auf Gleis 2. Mich am Ohr.

Wir übernachteten im Mannheimer Maritim-Hotel, in dessen Korridore wir uns immer wieder verliefen, das uns stark an das Overlook-Hotel erinnerte. Es schien auch genauso leer, wir beide waren um kurz vor Mitternacht die einzigen, die noch die Bar aufsuchten. Es war uns ein Haus mit einem ganz eigenem Willen, das einen vergessen macht, in welcher Stadt man ist, zu welcher Jahreszeit, zu welcher Zeit überhaupt. Solche Häuser wirken auf mich wie Uterushäuser. Die Welt herum versinkt ins Dunkel, ist nicht mehr existent, wandelt man durch solche Gänge, schläft und isst in ihnen. Abnabelung durch eine totale In-sich-Aufnahme. Wir spürten, dass wir absorbiert wurden. Waren wie in einer dickwandig ausgekleideten Blase, die die Welt nur als ein Innen kennt. Keine Sinne der Gewohnheit. Es war mir als ob ich ständig meinen eigenen Puls schlagen hörte. Meine Ohren waren wie nach innen gestülpt. Die Farben teilten sich in einer ganz anderen somatischen Sprache mit. Die Klänge hatten etwas Gedämpftes. Ähnlich: sich in eine Badewanne zu legen und die Ohren unter Wasser zu halten. Noch immer hört man etwas, aber es scheint ein Klang, eine Akkustik einer anderen Welt zu sein. Und wie Wasser mir hierfür ein Medium ist, war es auch dieses Haus, das wir beide vielleicht irgendwann in der Zukunft noch einmal besuchen werden. Doch dann mit einer Kamera.

Hinter den Aufbauten der Welt

Das Leben eines Geschichtenerzählers ist voller Eingänge, Durchgänge, Abgänge, geschlossener Türen und offener. Fenster, durch die man einsteigen kann, wenn man sich nur ein Herz nimmt. Manchmal auch Schaufensterfronten, auf denen fingerdick der Dreck von Jahren klebt. Dahinter stieren, zerlegt und durcheinandergeworfen, Kleiderpuppen mit leeren Gesichtern, auf denen schon vor langer Zeit die Beschichtung gerissen und abgebröckelt ist, direkt durch einen durch. Sie waren einmal weiß, aber mittlerweile hat die Sonne sie gilb gemacht.

Es ist eine Passage, die man nur durchqueren kann, wenn man den verborgenen Zugang kennt. Oder durch Zufall entdeckt. Direkt neben der lebendigen Touristenhauptschlagader einer blühenden Weltstadt.  Wenn einem das Ambiente gefällt, kann man sich zu den ausrangierten Plastikkörpern in der Auslage gesellen und leer auf die Straße starren. So tun, als gehörte man dazu. Zu allem.

Das tausendstimmige Murmeln von draußen schwirrt durch die Stille dieses abgelegten Orts. Es kann etwas Befreiendes haben, ganz nahe an der Welt zu sein, und trotzdem unbemerkt. Man kann die Umgebung völlig ungeniert beobachten. Dabei den sommertäglich flirrenden Staub tief in den Brustkorb inhalieren und sich bewusst darüber sein, dass es die Reminiszenzen längst vergessener Tage sind, was einem da in der Lunge kratzt. Kleingerieben von unaufhaltsamen Äonen. Das anschließende Husten befreit. Macht den Moment nur umso wertvoller.

An Tagen wie diesen, auf Stimmungsjagd, beim Pflücken von Hintergründen für seine Geschichten, beim Fremdsein in Geborgenheit, weiß man, was man daran hat, ein Mitteiler sein zu dürfen. Man wandert auf leisen Sohlen durch die Aufbauten und Verstrebungen hinter den Alltagskulissen und sucht sich geeignete Gucklöcher, um die Dinge aus ungewohnten Perspektiven wahrnehmen zu können. Man trägt den farbenprächtigen Strauß an Eindrucksblumen, den man sich in liebevoller Kleinarbeit zusammensucht, stets mit sich herum, um ihn bei jedem gegebenen Anlass hervorzuholen und stolz der Welt zu präsentierten.

Nun gut, vielleicht nicht der ganzen Welt. Halt jedem, der ihn sehen will. Aber immerhin.

Uglier Joyce


Joyce: Alle meine Babys, sagte sie. Den Löffelvoll Brei in den Mund, bevor sie die kleinen Würmer fütterte. Ah, das ist aber njmmnjmm. Hat sich die Hand gequetscht beim alten Tom Wall seinem Sohn. Seine erste Verbeugung vor dem Publikum. Einen Kopf hatte der, wie ein Preiskürbis. -- Ulysses
Perkampus: Trippel trappel Mäuse klackern in den Ecken (Josefine, die Sängerin) hinterm Spülstein, Katzen wetzen schlanke Messer (vom Fressen auf den Schlachtfeldern: die Speisekarte - das blu­tigste Blatt das wir schreiben) schneller Marmortopf; Filme vom Fressen: der Projektor malt stümpernde Kochweisen an die Kü­chenwand. -- Sandsteinburg

Bruno Schulz

Bruno Schulz drückt die Sache so aus:
Das Unwirkliche ist das, was man untereinander nicht teilen kann. Was auch immer aus dieser Gemeinsamkeit herausfällt, das fällt aus dem Kreis menschlicher Angelegenheiten, geht über die Grenzen des menschlichen Theaters, über die Grenzen der Literatur hinaus. 

Das Problem mit Bruno Schulz ist: jeder weiß, dass er ein Genie ist, jeder spricht über seinen enormen Einfluss, kommt es aber hart auf hart, bleiben diese Aussagen auf Banalitäten beschränkt, als wäre das Maß dichterischer Größe abhängig von einer Gemeinschaft populärer Entscheidungen. Auf der anderen Seite ist das auch nicht sonderlich überraschend.

Schulz überfällt den Leser von der ersten Seite an und erlaubt ihm nicht, ein einziges Mal innezuhalten, erlaubt ihm nicht, seine Gedanken zu sammeln. Seine Niederträchtigkeit liegt in der Tatsache, dass er jeder Übersetzung widersteht, uns aber dazu ermutigt, zu imitieren, zu paraphrasieren und zu fälschen. Es ist einfacher in Schulz‘ Sprache zu sprechen als über Schulz zu sprechen. Lesen wir einen einzelnen Absatz, wissen wir sofort, das ist Schulz, obwohl wir nicht wissen, was wir über den gelesenen Absatz sonst noch sagen könnten.

Bruno Schulz ist ein Magier, der mit der Exaktheit einer Traumsprache hantiert, ein geistiger Bruder Kafkas, mit dem er überraschende Lebensmomente teilt. Kafkas Texte sind Bleikristalle, während Schulz eine lyrische Phantastik schreibt, die dem Surrealismus und dem Expressionismus noch näher kommt. Die Vernichtung des Individuums aufgrund der Gleichschaltung durch die Massenindustrie sah er voraus. Ein Entkommen durch den Traum ist, wie wir heute wissen, unmöglich. Aber es gibt eine Schönheit des Zerfalls, die tröstlich ist. Scheitern, Vergeblichkeit – sind schließlich die Dinge, die wir haben.

Bruno Schulz wurde in Drohobycz, das heute in der Ukraine liegt, in eine jüdische Familie hineingeboren. Die Gegend war damals Teil des österreichischen Kaiserreichs. Sein Vater besaß ein Stoff- und Kleidergeschäft, überließ die Leitung aber seiner Frau, weil es mit seiner Gesundheit nicht zum Besten stand.

Schulz studierte Architektur an der Universität Lemberg und Bildende Kunst in Wien, spezialisiert auf Lithohraphie und Zeichnung. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt arbeitete er von 1924 bis 1939 als Kunstlehrer in der lokalen Turnhalle. Einer seiner Schüler erinnerte sich später daran, dass Schulz eine sehr merkwürdige Erscheinung besaß und man hinter seinem Rücken über ihn lachte. Er trug stets eine Flanell-Jacke und einen Schal um den Hals. Nachdem sein Freund Wladyslaw Riff an Tuberkulose starb, hörte er über Jahre hinaus auf, Prosa zu schreiben. Als die Kammer von Riff desinfiziert wurde, verbrannte man auch gleich alle Manuskripte und Briefe von Schulz, die dort gelagert waren.

Schulz startete seine literarische Karriere erst in den 1930ern. Seine Rezensionen erschienen in der Literaturzeitschrift „Wiadomosci Literackie“ und er korrespondierte mit den polnischen Avantgardisten Witold Gombrowicz und Stanislaw Ignacy Witkiewicz, begab sich aber nie in literarische Kreise. Mitte der 30er verbrachte er Zeit in Warschau und Paris, stand in regem Kontakt mit der Dichterin Deboah Vogel und anderen Frauen, heiratete aber nie. 1939 erhielt er den Goldenen Lorbeer der polnischen Akademie für Literatur. Als 1939 Deutschland Polen überfiel und der Rest des Landes von der Sowjetunion besetzt wurde, lebte Schulz im von der Roten Armee okkupierten Gebiet, bis die Nazis auch die UdSSR angriffen und der braune Fäzes Drohobycz besetzte.

1942 wurde Schulz auf offener Straße von den Nazis erschossen.

Die Kurzgeschichtensammlung „Die Zimtläden“ (1934), gefolgt von „Das Sanatorium zur Sanduhr“ (1937) begründeten den Ruhm, den Schulz bis heute weltweit genießt.

In seinen Geschichten entwirft Schulz eine mystische Kindheit, gepaart mit autobiographischen und fantastischen Elementen. Das Artifizielle dieser Prosa ist außerordentlich und spielt mit dem Ungesagten. Eine herkömmliche Entwicklung von Handlung und dergleichen gibt es nicht. Die Welt des Bruno Schulz folgt ihrer eigenen Logik, die Metamorphose ist ihr großes Thema.

Mittwoch, 16. August 2017

Erstes surreales Märchen (als Dialog)

M: Würdest du von goldnem Mottenstaub mich umringt wissen - wie wäre dann dein Vorschlag, unter rettende Trauben zu eilen? Oh, und start müsste es außerdem sein.

A: Du würdest nicht wissen, wie dir geschieht! Es wär' dir, als bekämst du die Motten.

M: Die mir, wie gehabt, unter den Biberpelz fahren, um die Kissen zu kitzeln, die ich einst unter meiner Haut versteckte? Aber kannst du mir nichts Bessres raten, als tatenlos die Falle zuschnappen zu lassen?

A: Nein, von solchen Motten kann die Rede nicht sein! Ich sag dir, wenn ich's täte, du schnapptest nach mir, schnapptest mit den Händen hier und dort, schnapptest als wolltest du sie, die Motten, fangen, die dich streifen mit wimpernem Aug', hie und da, hie und da dich kitzeln, denn du sähest mich nicht. Doch ich nähme von dir das goldene Puder und knetete draus dir zwei Schuh, die dich windgeschwind ins Tal der Zwölfmittagsuhr bringen, zu den Wölflingswiesen und Käfermarien. Dort, wo der Schleierbaum steht. Denn nur unter diesem kann ich dir erscheinen.

M: Dann ist Windeseile geboten, das Mopezoid aus dem Kerker zu holen und mit ihm - fusch - hinweg gerast, durchs Tal der drei Glocken (wo man einst eine Jungfrau hat Jungfrau sein lassen, bis sie dann als Jungfer starb), über die Hügel der glorreichen Witzschänke (die heute keinen Wirt mehr findet, des maroden Kellers wegen), und hin zum Schleierbaum, den ich mit dir zusammen doch in meiner Kindheit ersann (als ich noch nicht der Körper war, sondern nur ein Raunen unter Liebesfenstern.). Du wartest, ja?

A: Ja hört's denn nicht zu?! Was will es faul die Räder mühen, der Stadt eine Küss-meinen-Staub-Wolke zu hinterlassen. Nein, der Staub muss zu Teig, der Teig zu deinen Schuhen werden, die dich zu mir bringen. Von meiner Hand zu deinen Füßen. Denn ohne das, bleibt Staub nur immer Staub. Und sei er noch so golden. Es vermengt sich nichts.

M: Aber ich hatte doch nur geschwinde Winde im Sinn. Da muss ich gleich gestehen, wie mir die Sockpocken erst jüngst kuriert wurden, so dass ich vielleicht ignoriert habe, was da Gutes unter mich zu bringen sei. Aber ich will es noch einmal versuchen: trompete die Füße an und bewedel' sie dann mit Eukalyptuslikör. Und dann eile ich. Per pedes, versteht sich, so nämlich, wie mir geheißen! Ja.

Nacht und Hegemon

das letzte Licht geht aus
die Stadt entkleidet sich
trägt nur den Staub der dürren Tage
Nylon reibt an Stein ein Stöhnen
blinde Fenster blinzeln
irritiert
Hitze hält die dunklen Kreaturen
in den finstren Ecken
isoliert

(2009)

Nymphentag 42

Noch habe ich den Katarrh und bin im Verzug mit den Sandsteinburg-Lesungen, das Manusprickt bearbeite ich jedoch ausgiebig. Der Beiname "Possenspiel" ist jetzt das offizielle Element dieser multiplen Dampframme. Ich muss gestehen, dass ich die Sandsteinburg nie fertig zu machen beabsichtigt hätte, wenn nicht Albera seit einem Jahr die Weichen stellte. Oft hatte ich den Text in seine nahezu 1000 Einzelteile zerlegt, selbst überzeugt von der Unmöglichkeit dieses "absoluten Buches", manchmal ertappte ich mich dabei, dass ich an einen idealen Leser dachte, überhaut an Leser, was ich mir jedoch erfolgreich wieder austreiben konnte. Es geht um Kunst und nicht um Leser. Zwei Begriffe also, die sich beißen. Man darf nicht feige sein, wenn man sein Leben ausschließlich der Literatur widmet, wenn man selbst ein Kunstwerk ist und man jegliche Grenzen schon vor Jahrzehnten überschritten hat. Aber es ist die Eger mein Rubikon. Und es ist die Sandsteinburg meine Nemesis.

Vor uns der Kickertisch

hinten im Eck beim Kickertisch –

1 Spiel in der Spiel=Lunke, rotierende Stangen mit ›Manneken Pis‹ hinter dem Kachelofen, Geruch nach friedlich ausgelaufenem Bier, schlecht weggelappt, das Licht im Spiegel oder im Fensterglas humpelt, die Wirtin Erna uns zu Diensten, stapft uns Geld zu wechseln, humpelt uns Flasche um Flasche in den Nebenraum (Schaumbart x Schaumbart : laut juveniles Gedorf); pengt der Ball an die Kant Kantaten Kanten. Jetzt tickt die Tür, geht auf und es läuten alle Korken, jetzt sitzen wir bey Tisch, jetzt jetzt und sprechen : nichts Gehörtes. Im Erdenwall dort nebenan, dem Graben, den wir schufen (Nacht für Nacht) mit Spaten Schaufeln Kufen. Erdschlitten & der Ostermann (fanden die Leiche einer Kickermaschine neben 1 leeren Haus, neben puzzelierten Scheiben). Sekunden triefen von den Bäumen, aber wo sie auf die Erde fallen –

1 trübes Bild : Stangen & Federn, 1 zugehäuftes Äschchen, 1 Münz­ monument, zwölf Bälle (für jeden Mond) : Halb=Ball, Voll=Ball, Neu=Ball, gingen wieder rein, verplemperten die Zeit der Wirtin im Keller, die 1 Fass zapft, wir in der Stube Fußzapfen sammelten, Fußzapfen vorzeigten und aus der Flasche tranken, auf gespannt die Gesichter an den Scheiben, die wir mieden / rieben (die es in den Träumen trieben mit Spucke als Ersatz), festgepint am Schaukelpferdchen, hübsch und vor=zurück verschwammen. Mal Mond mal nicht mal Mond mal Licht mal völlig ist die Dunkelheit. Wirtin piepst aus einem Wangenloch, schlägt den Schaum mit einem Schläger westwärts wo schon Kacheln quadern, Netz um Netz sich dadurch spinnt, dass sie nie trifft den Siphon. Eines Tages war der Kickertisch verschwunden–

Atlantis


Dienstag, 15. August 2017

Von der fellmantelblauen Blume

Als Müdin flink durch die Nacht gegrundelt, durch den Schlauch des Hauses der zu Bett Gebrachten. Als gähnende Abgründin wieder heimgekehrt. Schwarzes Käppi, schwarze Jogginghose, schwarze Turnschuhe (Turmschuhe allerdings wären eine Offensive für sich), Fledermausjacke. Nur die Socken waren blau. Zustand: zwischen Baum und Borke. Bereits früher Mittag. Mich mitnehmen lassen von Einem in Lederhose. Hochgesessen, die Abfahrt verpasst, I. noch nen wundervollen Tag gewünscht, mich wieder vom Sitz gelassen und den Rest des Sonnenscheinweges zu Fuß getan. Den Berg hinan. Eine Riege älterer Frauen mit Stöcken vorweg walken sehen. Walküren, die sich verabredet hatten, den Tag früh zu kapern (vielleicht gen Schnackenburg). Will ich auch immer. Früh kapern. Aus den Blattachsen der Zweige wachsen erbsengroße Blütenknospen an Stielen von morgens bis mittags. Nur IMMER ist nicht vermählbar. Obwohl ich mich gerade fühle als hätte ich meine Hoch:zeit hinter mir.

Oblasn hat mich auf die letzten Meta ja nix. Hab mich nur selbst inspiriad.

 : Dich vorgefunden : Schwer mit Nacht behangen. Gehst jedes Mal mit mir in die Borke, habe ich diese Schäferinstunden. Muss dann stets an das Großmutterhäubchen denken, das der Wolf sich aufzog, bevor er sich, nachdem er sie verschlungen hatte, in ihr Bett legte. Müdigkeit behäubt mich. Das ist ganz schön, ist es mir möglich die Gelegenheit wahrzunehmen, direkt in die Federn zu gehen, um in den Schlaf zu steigen: rise, rose, risen: besonders dann, wenn die Glutrose den Himmel durchprankt. Zuvor ging es für mich aber noch unter unsere Edenfalls, die Borke abzuwaschen. Und dann: endlich eingedrungen, spazierte ich mit dir durch eine mitternachtsblaue Mondlandschaft mit Bergen, die uns umgaben. Wir liefen an weiten Weizenfeldern vorbei, die Schritte später dem Meer gewichen waren, das, liegend zu unserer Linken, kaum, aufgrund des Lichts, von der restlichen Mondlandschaft zu unterscheiden war.

Was soll ich auch scheiden?!

Ich entdeckte eine blaue Blume am Wegesrand. Erkannte sie sofort als eine mir bekannte. Ich zeigte sie dir. Sie war heller als das dunkle Blau der Mondlandschaft. Ich dachte fast an Aquamarin, du aber meintest: Preußenblau. Ihre vielen kleinen Blüten, die Augen glichen, waren von einem feinfelligen Mantelblatt umgeben.

Wir sprachen beide viel miteinander. Liefen und liefen. Ich drehte mich um 180 Grad, spazierte weiter mit dir, lief nun aber rückwärts. Ließ mich langsam in der Manier einer sterbenden Schwänin mit geschlossenen Augen in Zeitlupe nach hinten. Schwerkraftlos, bis ich fast den Boden berührte. Ich sah, wie es dich verängstigte, du standest daraufhin diagonal im Raum, berührtest den Boden nicht mehr, ein Ausdruck des Erschreckens hielt sich in deinen Gesichtszügen. Auch du warst nun in Zeitlupe. Ich hob mich schnell wieder auf, dich zu beruhigen. Ich hatte dir wohl spielerisch etwas gezeigt, das dir Angst machte. Und so verstand ich selbst erst in diesem Moment, was für eine Gebärde ich da vollzog. Eine, die ich auch nur durch den Vollzug selbst als eine Übersetzung des Sich-gewahr-Werdens der Endlichkeit eines Lebens mit dir begriff. Denn an einem anderen Ort, jenseits des Schlafs, würden wir in dieser vielleicht doch nicht viel mehr als eine Akrobatin entdecken.

Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir ein Gespräch, in dem wir uns über das Sterben unterhielten. Wir beide sind der Ansicht, ich sollte nicht vor dir sterben. Du wünschst dir, vor mir gehen zu können.

Die Mondmacher

Promethisches Geschöpf (ich) Feuer=Mit=Stehler (auch) hermetischer Mit=Rinderdieb, Originalsünder, fleischlustiger Innen­schenkel-Zwicker Ziffer nicht Zahl (sifr) die Form einer geschlos­senen Muschel bei den Maya, Sunya der Inder Zephirum die Null (universelle Gebärmutter) meine Einkaufszeit die ich immer sehr fürchte lege ich sehr früh in den Morgen, stürze ins Geschäft hetz­te durch die Straßen der Verpackungen der frisch zu kaufenden Müllhalde mit wohldosierten Industrieabfällen zumbeispiel men­schenzurechtgemachte Milch ihr gekalbten Kälber kalbt (yo) Kälber kalbt (schon Kuh noch Kalb?) spurte schleunigst wieder hin­aus in einer Seitengasse verschnaufen / Au reboirs : würde mit ei­ner Kutsche anfahren wollen Flaubert besuchen (oder Emma) ma­laise mystérieux in einer Kutsche mit Bang & Olufson CD=Wechs­ler darin Scriabin-Sonaten ein roter Zylinder der auf den Kopf passt Handschuhe schneeweiß wie manche Schwäne singen Fleischkugeln in einer Muskat=Brandy Beize (Liebe & Traum : die beiden bedeutendsten ästhetischen Phänomene) noch zu besor­gen : Dahlien Typ Mystery Day, einen Olivenbaum. Jene runden Türme sind entdeckt in welchen der Vollmond Mondnatt für Mondnatt gegossen wird mit einem großen Katapult in den Him­mel geschossen (geworfen) die Mondmacher am Werk, ihre chy­mische (Hochzeit) Mixtur der Mond erkaltet unter der Erde wird fest in den Tiefen Basalt und Eisen. Wollt ihr, ja oder nein, alles aufs Spiel setzen, einzig und allein um der Freude willen, tief unten am Grun­de des Schmelztiegels, in den wir unsere armselige bürgerliche Bequemlich­keit, den Rest unseres guten Rufs, unsere Zweifel, das radikale Bewusstsein unserer Ohnmacht, die Albernheiten unserer angeblichen Pflichten, kunterbunt mitsamt den feinen, zarten, zerbrechlichen Gläsern werfen wollen, jenes Licht aufleuchten zu sehen, das nie mehr verlöschen wird ? / Breton ich habe heute Nacht eine Muschel gefunden, in der Gespräche aufgezeichnet wurden, die man vor 17 Millionen Jahren in einer Höhle führte und festgestellt, dass dies nicht nur sehr verblüffend ist, sondern dass die Kommunikation auf Poesie beruht den Weg weiter runter legt sich zur rechten Seite eine Um­friedung in die Landschaft, in der sich ein öffentliches Bad befin­det, eine Installation die Mädchen hüpfen nach dem Volley sandig und Pärchen beugen sich übereinander da am Zaun die Menschen die aus dem Wasser stammen dort steckt die Erinnerung dort vi­sionierte ich.

Der Fall Sissi

Der Traum vieler Mädchen, eine Prinzessin zu sein, lässt sich leicht mit der von Romy Schneider selbst gehassten Rolle der jungen Kaiserin, die sie im gleichnamigen Gummi-Film von 1956 spielte, in Verbindung bringen. Ein strammes Korsett hat die leibhaftige Kaiserin ja tatsächlich bis zu ihrer Ohnmacht hin geschnürt.

Ob Elisabeth hingegen etwas mit Magenta und rosarotem Plüsch anfangen konnte, bezweifle ich. Dazu war ihr Leben viel zu tragisch. Wie das aber bei Tortenbauern und Zuckerschmieden so ist, liebt man das glitzernde Süß über alle Verhältnisse hinweg, und wenn dann in der Familie die cinemascopische Legendenbildung mit den vielleicht persönlichen Vorlieben, Puppen an- und auszukleiden, eine genetische Tatsache darstellt, hat man den Salat, beziehungsweise das prunken=trunkene Gebäck.
Ist nicht schlecht, sieht nur so aus, weil
der Wind weht

Das Töchterlein huscht dem Vater in den Hobbykeller nach und zwingt ihn, das kleine Modell eines Wirtshauses anzufertigen, rosarot bitte, denn wenn ich einmal groß bin, dann werde ich Kaiserin sein! Und wenn du's nicht tust, trage ich nur noch Bubenklamotten und spiele Fußball mit der versauten Dorfjugend, die gern Frösche anpinkelt.

Der Schock wird tief sitzen beim Papa, der sich fortan mit Herzog Max Joseph anreden lassen muss, vor allem, weil er es nicht fertigbringt, seiner Tochter zu sagen, dass er im Hobbykeller nicht mit Holz herumplauscht, sondern Zuckertürme spachtelt. Aber - Heißa! - da hat er die Idee! In Kempten wird bald eine Kneipe frei, die sich ja ganz leicht in ein Café verwandeln lässt. "Wir zerfetzen einfach deine Unterwäsche und hängen sie dort an die Decke, bekleistern die Theke damit und du wirst schon sehen! Die rosarote Scheißhausbrille nehmen wir von hier, Mutti kann das Ding ohnehin nicht leiden."

"Eines Tages werden wir einen Gast haben, der kommt von einem anderen Stern. Eigentlich ist er ja Dichter, aber seine Frisur ist auch nicht schlecht."
Dann plötzlich, eines Tages, möglicherweise schien der Mond, war es dann so weit. Man lief so über den Rathausplatz, man lief so über den St. Mang-Platz ... und hielt inne, ging wieder zum Rathausplatz zurück, um sich zu vergewissern: in der Tat: ein Magenta-Plüsch-Café hatte dort seine rosawattigen Pforten eröffnet. Es gab Rätselraunen, was denn mit "Sissi" gemeint sein könnte. Die junge Kaiserin etwa oder ein auf gleiche Weise bezeichneter Tuntenclown, der sich gerne auf den Knien sieht, in Strapsen, Nylons und Stöckelschuhen, während ihm seine, zugegeben, leicht dominante Partnerin einen Besenstiel ins Röselein schiebt? Der Fall findet seine Auflösung während eines Besuchs. Guten Kaffee gibt es dort, und auch den Joseph, die Elisabeth und eine Menge leckerer Torten.

Man darf nichts verschweigen: auch das "Gemusste" findet seinen liebreizenden Platz.

An nichts Böses denkend

fuhr ich nachmittags von München ab, obwohl mich A&A noch zum Bleiben zu verführen gesucht hatten.

Wäre ich doch …?

Aber nein. Abends noch Freund N beim Umzug innerhalb der kleinen Stadt geholfen, dabei, die Gasse zuparkend, von einem offenkundig entnervten Taxifahrer angehupt, bis das Be- und Entladen ein Endegut Allesgut gefunden hatte.

Hätte ich doch das Zeichen gesehen …?

Aber nein. Nach vollbrachtem Umzug das Gut eingeräumt. N schließt, wie es sich gehört, als erstes den Plattenspieler an. AC/DC, Elvis und Beatles sowie vier Bier später entschließe ich mich zum Aufbruch. „She’s got a ticket to ride“, raten mit John und Paul.

Hätte ich den fünfzig Jahre alten Hinweis doch übersetzen können …?

Aber nein. Zwei Kreisel und eine Abbiege später sehe ich den blauweißen Daimler im Innenspiegel. Also Strich fünfzig fahren, innerhalb. Blaues Blinken und rotes, pointiliertes STOP belehren mich, dass solches nicht immer ausreicht. Wegen des verdammten blinden Scheinwerfers links halten die beiden mich an. Tausenzweihundert Kilometer war ich mit „Odin“, wie ich ihn seit dem Befall mit Scheinwerfer-Star scherzhaft nenne, gefahren, aber jetzt halten sie mich an! Er ungefähr in meinem Alter, mit meiner Frisur und meinen Dreitagebart, dafür mit Brille. Und einer der charmant-belehrenden Goschen, die dieser Landstrich mit unverwechselbarem Dialekt versieht. „Was hebbe Sie davoo, wenn a entgegekummdes Auto Sie firra Motorrad helt? – Nix.“ Wo er wahr hat, hat er recht.
Sie, Mitte zwanzig, blondgesträhnt, pferdegeschwänzt und im homerischen Sinne kuhäugig, will Papiere sehen. – Gern doch. – Woher wohin? … Alkohol? – „Ein paar Bier.“
 Wenn eine junge Frau einen alten Mann zum Blasen auffordert, ist die Welt verrückt geworden, schießt mir – völlig unpassend – durchs Hirn, während meine Lungen alles geben. 2,9 mal zwei, damit bin ich „drüber“, sehe ihm bedröppelt nach, wie er Odin wendet und einparkt, während sie nach Messgeräten „auf der Wache“ telephoniert. Zuvor: „Die Tasch packeSe in de Kofferraum, ich weiß ja net, was Sie so mitführe. Messer oder was.“ Da lache ich. Und Abtasten, von ihm allerdings, ist auch mit dabei, denn „Sie könnde der netteste Mensch sei oder a totaler Asi. Ich weiß es net, ich kennSe net.“ Soso. „Totaler Asi“ murmle ich missgestimmt, während Kuhauge mir zuraunt: „Mir sage ja nit, das Sie’S sind.“ –  Über den „Asi“ ruminiere ich noch, während die Ohren merken, dass sie kein Testgerät findet. Er erklärt natürlich: Werden alle drei Jahre geeicht, und zwar alle auf einmal. „Des könnde gut fir Sie sei, wenn wir weiter fahre misse. Oder schlechter, wenn’mer Blutabnahme mache misse. Dann zahleSe nemlich auch de Arzt.“ Puh, denke ich und antworte „Vor zwei Stunden.“ Auf ihre Frage nämlich, wann ich das letzte Bier getrunken hätte. Wie jeder gute Staatsbürger, der alkoholkontrolliert wird, verschweige ich die drei Pflaumenwein, die der Blitzjunge N mir noch eingeschenkt hat vor dem „ticket to ride“, das ich so missachtet habe. Und sie lächelt schmal: Dann könnte ich, bis sie zum nächsten Messgerät gefahren sind, noch ein paar Promille abbauen.
Tatsächlich geht es in die Nachbarstadt, auf ein Revier, wo er nach eigenem Bekunden noch nie gewesen ist. Zu finden mit der Daimler-Navigation, denn streckenkundig in die Fremde sind beide nicht. Und so befahren wir drei die Autobahn: die Strecke, die ich einst hundertmal gefahren bin, als ich noch in S***heim wohnte. Und auch das eine Mal, viel zu schnell, als Kollegen meines Pärchens mir das Vierteljahr Fahrverbot aufbrummten.

Ein böses Omen? Aber nein. Nicht dran denken.

Autobahnpolizei mitten im Nirgendwo, S***heim bei S***heim. „Ihr kriegt aach nie Besuch“, begrüßt er den Wachhabenden. Das über Funk avisierte, stationäre Messgerät hockt schon bereit in einem kahlen funktionsgebauten Zimmer, dessen Inventar seit den Siebzigern gut gepflegt wird. Werden muss, denn die Polizei hat’s auch nicht leicht. Umgebungsluft wird geprüft, Mundstück angewärmt, Nullpunkt ermittelt, an dem ich vielleicht in wenigen Minuten sein werde. Star Wars, schießt es mir – abermals unpassend – durchs Hirn, während die Lungen schon wieder, und nochmal, alles geben, um Sterne reihenweise wegzupusten. Beim zweiten Mal klappt’s perfekt. „Ich bin also noch steigerungsfähig.“ Er lacht meckernd, sie schmunzelt. –––– 2,3 mal zwei, also wieder „drunter“! „Sie kenne jetz gern tanze“, bemerkt er, während er den Bericht über die erfolglose Jagd auf den Trunkenbold tippt. Sie scheint plötzlich sehr gelangweil von den vierhundert Euro, die ich gerade eingespart habe. Der Steigerungsfähige hat also abgebaut. Ich freue mich innerlich, nur um den Aufwand tut es mir leid. Und ein langer Tag war es auch. Für die beiden wohl nicht minder. Also bringen sie mich wieder zu Odin. Obwohl sie das nicht müssten, wie er mich belehrt, denn ein polizeilicher Grund für meine Beförderung besteht ja nicht mehr. „Un die Wage sind net haftpflichtversichert fir sowas. Wenn jetz was passiert, wer zahlt des?“ Ich erkundige mich angelegentlich nach Beamtenverhältnis und Versicherungsmodalitäten. In der Tat: Die Polizei hat’s nicht leicht.

2:45 Uhr: „SchaldeSe Fernlicht aa.“ – „Da bin ich garnicht drauf gekommen.“ (1200 Kilometer lang nicht) – „Darum sin Sie ja Akademigger un kei praktischer Polizist.“

Den Erfolg gönne ich ihm, versichere beide meines ehrlichen Mitgefühls für ihre Mühen, aber sie nehmen’s sportlich. „Wenn Ihne des eine Lektion war …“ und „Aber nach L*** müsseSe noch durch zwee annere Reviere.“ – „Na, das wäre der Hauptgewinn!“ Papier, Schlüssel, Tasch aus dem Kofferraum, und der blauweiße Daimler ab.

Wer an nichts Böses denkt, der kann was erleben.

Montag, 14. August 2017

Die Geister im Keller

Ich weiß von einem Keller, den es nicht mehr gibt. Beziehungsweise existiert er wahrscheinlich zwar noch, aber er ist nicht mehr zugänglich. Er lag unter einem Lokal, in einer Straße, auf der ich schon lange nicht mehr gegangen bin. Bis heute. Obwohl ich eine ganze Weile in dieser Gegend gewohnt, gelebt und gearbeitet habe, kehrte ich ihr irgendwann – fast erleichtert – den Rücken. Aber das ist lange her. So lange, dass man fast schon vom Anfang sprechen kann. Der Beginn von was auch immer.

Ich sagte, ich wäre erleichtert gewesen. Das trifft es wohl am ehesten, wenn ich an meine Abkehr von diesem Ort denke. Dabei wirkte die Gegend, von der ich hier spreche, auf den ersten Blick eigentlich wirklich nett. Ruhige Gassen auf denen man im Abendgesäusel friedlich lächelnde Leute beim Flanieren zwischen golden beschienen Hausfassaden begegnen konnte. Oben. Aber unter den Häusern lagen die Keller. Rochen muffig und hatten meist nur mit baufälligen Stufen ohne Geländer und willkürlich funktionierenden Lampen aufzuwarten. Das kann man als Passant natürlich nicht ahnen. Aber wenn man dort wohnte, dann entdeckt man sie bald, in den Hinterhöfen und Séparées – die Türen, die in das untere Stockwerk führen, und aus denen einem schon beim Näherkommen die klamme Zugluft entgegenschlug.

Es waren steil abwärts führende Stufen, die man niemals betreten würde, hätte man die Wahl. Aber manchmal stellt sich einem diese Frage einfach nicht. Und ebenso wie an alles andere im Leben, gewöhnte man sich auch schnell an den Anblick da unten, wenn man ihn erst einmal oft genug gesehen hatte. Dann fielen einem die aufgebogenen Fußbodenbretter und die abgeschälten Tapeten nicht mehr auf. Man fühlte die Feuchtigkeit nicht mehr, die in allen Ritzen hauste, und einem das Atmen schwer erscheinen ließ. Und die Geister – die fahlen, durchlässigen Gestalten, die mit hängenden Köpfen zwischen den kleinen Pyramiden herumirrten und sich Gutenachtgeschichten gegen ihre Einsamkeit ausborgen wollten –  sie wurden zum Alltagsgeschäft, bei dem man sich schon bald abgewöhnte, ihm direkt in die Augen zu schauen.

Dieser eine, bestimmte Keller, dieser Limbus, von dem ich weiß, er wurde offenbar verschlossen. Dort, wo sein Zugang war, ragt heute die glatt verputze, weiße Hinterwand eines piekfeinen, jungen Architekturbüros auf. Drinnen sitzt gut gekleidetes, erfolgreich wirkendes Personal – Sorte High End Businessmaterial. Sie warfen mir heute Vormittag seltsame Blicke zu, als ich zu lange an ihrer spiegelnden Glasfront stand, und mit plattgedrückter Nase versuchte, einen Blick auf den vermeintlichen Kellerabgang zu erhaschen. Aber niemand kam heraus, um mich zurechtzuweisen. Vielleicht wussten sie ja, wonach ich Ausschau hielt. Vielleicht wollten sie daher jedes Tamtam vermeiden.

Irgendwann gab ich es auf und ging weiter die Straße hinab. Versuchte, mich wieder auf die netten Fassaden zu konzentrieren. Den Keller wieder Keller – oder bessergesagt – jetzt sauber verputze Hinterwand sein zu lassen. Dabei tat ich mir aber schwer, den Gedanken an die Geister beiseitezuschieben, die man vielleicht für immer im Keller eingemauert hatte. Ich fragte mich, ob es die kleinen, schiefen Pyramiden des Videoshops da unten noch gab.

Trolle & Barstukken

Die Erinnerung ist aus den Gegenständen herausgeblasen, ihre Be­deutung leer. Es scheint für alles einen Zwilling zu geben, jeder real existierende Gegenstand ist gleichzeitig das Requisit eines Traumes. Diese Regale hier unten sind müde Bretter, aus einem toten Forst gebrochen, verwandelt, unseren Knochen so ähnlich, wenn sie zerstoßen, zermahlen, genagelt oder verschraubt die Flaschen Wein umkrallen, im Kellerstaub auf Nachschub warten, denn es sind noch Plätze frei.

Der Mond leuchtet den Wichteln, Trollen, Barstukken, leuchtet je­nen, die selbst nicht glühen und in ihrer hölzernen Hand keine La­terne mitspazieren lassen. Stock und Stein, Wurzeln, Farne: leuch­tet der Prozession hinunter ins Dorf! Wölfe küssen feucht.

»Was ist mit den Räubern?« Sie lercht, lächelt nicht in ihren Gum­mistiefeln, die ihr bis knapp unter die Knie reichen; sie bie­gen sich noch kaum, starren um ihr schmales Gesöck herum, stempeln die halbtrockene (halbnasse) Erde, ritzen Dagewesenes hinein.

Und dann gibt die Erde nach; sie stampft noch etwas tiefer, blickt mit gemarterten Augen auf zu den Gesichtswipfeln, die vor einem aschfahlen Himmel wippen, Bärte daran gekauert.

In der Nacht wollte sie die Erinnerungen zähmen. Am Tage, sagte sie, gelänge ihr das nicht, weil sie ständig in die Einsamkeit hin­einsehen müsse, die sie zwischen zwei Menschen entdecke. Sie sagte, sie suche gern Dinge oder Orte, mit denen sie einen Pakt zur Animation ihres persönlichen Dramas geschlossen habe, wieder auf.

»Ich spiele Vergänglichkeit. Ich mache sie mir bewusst und ge­nieße ihren süßen Schmerz. Derselbe Bahnhof, immer wieder der gleiche Abschied. Oft sitze ich nur auf einer Bank und starre auf die Geleise, sauge die eigentümlich lauten Geräusche in mich. Ein Bahnhof könnte gar nicht ohne diese makaberen Hallen, ohne die zurückgeworfenen Echos auskommen. Ich rauche eine Zigarette, aus der sich auch zwei machen lassen. Ich schlendere die Wege noch einmal entlang, die ich mit jemand spazierte, der etwas in mir auslösen konnte. Ich bin ganz verschoben in der Zeit. Es stört mich, wenn etwas verändert wird, ein Haus nicht mehr steht oder in einer anderen Farbe angestrichen wurde; wenn es einen be­stimmten Laden nicht mehr gibt.«

Den Pakt mit den Dingen, von denen sie sprach, kennen wir alle. Gerüche, Lieder – diese unvergesslichen Begleiter.

Landfluchten, Fassaden, manchmal auch nur das Licht in ei­nem bestimmten Winkel. Das ist die Liebe zur Kulisse. Man stellt sich gerne ein zweites Mal auf die Bühne und blickt auf den leeren Zuschauersaal. Hier kann man sich einige Aussetzer leisten, zum Beispiel die Hälfte des Textes vergessen, sich ungehobelt kratzen. Hier kann man Sätze halblaut nachsprechen – und niemand hält einen für zu lang an der Sonne spaziert.

Ich komme aus den Städten der Menschen. Alles brennt, sie sind verrückt geworden in ihrer globalen Entwurzelung, Techno­kraten sie alle. Ich frage euch: wohin können wir fliehen? Die Zivi­lisation fällt, und sie fällt weit. Ihr Schatten bedroht bereits die ganze Welt. Kein Geist ist mehr unter ihnen zu finden. Sie sterben le­bend, und was wir alle gemeinsam wussten verödet in den Hirn­kammern. Ihr Herz ist eine Ölpumpe.

als Schakal; Geboren

* als Albera ihre Zähne putzte

Aber ja, wir sind in die Köpfe eingedrungen, wir fanden die Klamotten
Unserer Vorgänger unter den schwarzen Trauben, ihrer Kultur längst beraubt.
Dennoch warten sie geduldig auf die Pflücker, die eines Tages fratzenhaft
Aus dem Gebüsch schreiten, schief, aus Gründen eines Opfers für Chac Mool,
Liegt erwartungsvoll in Schale. Und sie harren dem Ende der Zeit. Und er
Liegt und harrt dem Neubeginn. Die steinerne Finsternis verheißt ein Leben
In Ewigkeit, in den Erinnerungen, in den unbedachten Gedanken, die
Abschmieren wie ein Seifenkahn. Die gestiefelte Keramikschüssel, aller
Dämpfe beraubt, allem Unglück ein Zeuge. Woher stammst du, Jungfernrebe?
So wild schüttelst du deine Gifte und stolzierst rankend hinauf zu den
Erschütterten Vulkanen, zu den Schakalen, die mich stolz bewachen.

Sonntag, 13. August 2017

Kühleborn, ein Quantenpoet und eine Ogerin im Elfenkostüm

Obwohl ich nun abgrundtief müde bin, bin ich wohl für den Rest des Tages glücksselig. Hatte meine Freude euch beide zu beobachten, dich und Schwarzertd, wie ihr von Anfang an, ohne große Scheu und allzu vorsichtiges Tasten nach dem Anderen, in den Diskurs miteinander gegangen seid. Zum Schluss saßt ihr gar dicht beieinander. Zwei am Tisch auf einer Gerade. Und habt mich stets angegrinst. Erreichtet den Höhepunkt als ihr gemeinsam vor deinem Bücherregal standet und beide einen Arm ausstrecktet, nach einem Werk Arno Schmidts zu greifen. Hätte ich heimlich eine Kamera laufen lassen, hätte ich nun einen Mitschnitt eines literarischen Duetts wie ich es allenfalls noch erlebe, habe ich eines mit dir oder mit ihm. Etwas, das bei den ollen Qua(r)kquartetten in der Flimmerkiste unter ferner liefen läuft. Denn liefe das, müsste man sich eingestehen, this, was da heute gesendet wird: goes not! Geht aber doch: Etwas, das, bin ich gerade lull und lall, und auch nur dann, höchstens noch schabernackig auf mich wirkt. Doof und halbseiden. Grotesk aufgrund der ernsthaften Miene, mit der man vorträgt, was man von sich und dem Leseerlebnis zu berichten hat.

Ich hatte Schwarzertd seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, nur hin und wieder mit ihm telefoniert. Und nun, da er sich gerade aus beruflichen Gründen in München aufhielt, hat er die Gelegenheit genutzt, uns zu besuchen. Seine Stimme hörte sich zum ersten Mal anders für mich an, was nur daran lag, dass er die letzten Tage beim Schreiben viel geraucht hat. Wie ein Schlot wohl. Was in früheren Zeiten doch eher mein Part war. Früher. Denn ich rauche ja nicht mehr. Brenne nur noch. Früher. Das meint Heidelberg, als wir uns kennengelernt haben. Ich erinnere mich, wir nahmen beide den selben Bus. Ich saß hinten. Er stand am Fenster in der Mitte. Schaute mich länger an, lächelte. Ich hingegen, ich war aus irgendeinem Grund, den ich nicht mehr erinnere, bräsig, schaute böse zurück. Dumme Nuss! Aber zum Glück gab das Schicksal mir eine zweite Chance. Denn kurze Zeit später stellte sich heraus, wir besuchten die gleiche Gastvorlesung. Und so sprach er mich noch einmal an, als wir im Anschluss mit anderen noch eine qualmten. Andere. Das meint eine kleine Gruppe, die wir später den harten Kern nannten. Sonstige habe ich vergessen. Was wohl sehr daran liegen mag, wie ich mein Studium verfolgt habe. Heidelberg. Das erinnert mich an diese Freundschaft, die eine tiefe ist. An lange Tage und Nächte mit Schwarzertd. Verbrachte Zeit: nicht selten bis in den morgendlichen Duft der Bäckerstuben hinein.

Und so waren wir heute für ein paar Stunden zu dritt.

Nymphentag 39

Der dritte Tag meiner Supergrippe (die es für mich ist, weil ich an so etwas nicht gewöhnt bin) lässt mich einerseits wieder etwas atmen, andererseits kann ich die Arbeit an der Sandsteinburg noch nicht wieder aufnehmen, weil meine Kräfte noch nicht ganz ausreichen. Allerdings habe ich mit einem neuen "Language"-Zyklus begonnen, der hier noch nicht als solcher etikettiert wurde.

Ich bin nun nicht derjenige, der viel besucht oder Besuch empfängt (meine Einsiedelei ist notwendiger Bestandteil meiner Existenz), auf Schwarzertd war ich allerdings mehr als gespannt, schließlich hat mir Albera von Beginn an eine Menge von ihm erzählt. In der Vergangenheit hatte ich mit Germanisten meine liebe Mühe, aber Schwarzertd ist alles andere als ein gewöhnliches Exemplar dieser Spezies. Und ich selbst bin alles andere als ein gewöhnlicher Dichter. Die Arbeitsklause in Keselround ist zudem vollgestopft mit Büchern, Pflanzen und Manuskripten (Manusprikte nannte Frau Goethe das ihrerzeit). Zu sagen hatten wir uns vom Start weg eine Menge und ich konnte nach Herzenslust in allen literarischen Bildungsgewässern fischen.

Das Faustische der Immermenschen

Wollten wir uns lossagen von der Freiheit, belogen
Auf Balkonen existieren, ihr Hauptgrund in der Luft,
Zu manchen Stunden Garten, dann käme das dem Frevel gleich,
Uns nicht von Antlitz zu Antlitz gegenübertreten zu wollen,
Ein Bedenken, das in keiner Maschine haust. Die vielen Hinweise,
Die unsere Hände erschaffen, führen durchaus in luftige Höhen -
Und das Panorama kann genauso zugeschaltet wie auch
Andere Farben ausgewählt werden können, nur ist dann ein Filter erforderlich,
Der wie Essig schmeckt. Verlassen wir die Stadt, erkennen wir
Die wirkliche Rundung unserer aufgetakelten Erde, die mühsam versucht,
Uns in ihre Kimme zu schütteln, Flöhe, die am Rand des Sumpfes
Ihren Zirkus gründen und sich dabei die falschen Fragen stellen:
Wohin führt?, wie funktioniert?, warum habe ich? Es kann
Der Nebel kaum gelassener an uns vorüber ziehen,
Sein Innerstes ist sicher. Sicher.

Samstag, 12. August 2017

Leibspeisen

Du im Schleimkokon, mit schmerzschlappen Gliedern. Ich im mäßig angeschlagenen Modus, nur leicht vergrippt, jedoch mit einer schmerzenden rechten Ohrmuschel. Offenbar neuralgischen Ursprungs. Da der Schmerz kommt und geht und nur die Muschel betroffen ist. Gestern Schnitz gekocht und bis heute davon gelöffelt. Schnitz. Das ist eine Gemüse-Fleisch-Suppe, wie ich sie das ganze Jahr in mich hineingießen könnte, dörrte mich die Sonne nicht, wie sie es die letzten Monate immer mal wieder tat. Und begriffe ich sie nicht auch als Lebensspenderin, würde ich mich vielleicht wie eine Hänselin im Suppentopf der alten Blenderin fühlen. Dann gäbe es: Suppe Blond mit Weißfleisch und blauen Augen. Wie würde das schmecken? Wie, diese Frage stelle ich mir gerade ernsthaft, würde ich schmecken, äße ich mein eigenes Fleisch? Und denke gerade wieder an meinen sirenenroten Gesundheitspass aus Kindertagen, den meine Mutter mit einem Abziehbild von Gretel versah, die einen Lebkuchen isst und dabei krümelt. Was wiederum einen Raben zu ihr lockt, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. Über Stock und Stein, Gebein und Gebälk von Jahrtausenden. Lebkuchen. Dieses mir heute wunderbare Wort hatte mich als Kind geschockt. Darin war mir ein Horror verborgen, der mir, je älter ich wurde, einem Verständnis wich, von dem ich noch heute zehre.
Jedenfalls: Lebendigen Kuchen soll(t)e ich essen. Das erinnere ich noch. Es war mir grausam. Grausam, Lebendiges zu essen. Doch tun wir es. Tagtäglich. Entwickeln gar Vorlieben und Abneigungen. Kulturspezifische. Wir züchten, greifen ins Erbgut ein, halten, mästen, schlachten. Produzieren Rieseneuter, die vor Milchmengen schier platzen. Ein Horror ein Schmerzleben lang so auf Hufen zu stehen. Denke wieder an das Schwein, von dem ich träumte, dem man die eigene Haut ab- und überzog, es darin vernähte.

Sie riskieren. Tatsächlich und buchstäblich. Die eigene Haut. Wer tut das schon auf eine aktive, entschiedene Weise?! Wenige. Manchmal Künstler. Solche, die man daher auch als Marsyaner bezeichnen könnte.

Sich gegenseitig ansonsten Verzehrende sind entweder Kannibalen oder Liebende. Oder es sind Katatzen:

“Dann reit’ halt auf mir!” sagte die Katatze missmutig. Der Treklin hatte sie nämlich mit einem Gedicht betört und wer etwas über Katatzen wissen wollte, der müsste schon ein Dichter sein. Daher traf es sich gut, dass bei den Treklinen der Gesang neben den Festereien als eine sehr geachtete Kunst galt, die noch über dem Bäumeschütteln rangierte. Die Katatzen waren alles andere als zahm, ganz dem zugegen waren es wilde Geschöpfe und auch so verrückt in ihrem Liebesspiel, das ihnen als die höchste Freude galt, die es auf dieser Welt nur zu finden gab, dass sie sich einander aufaßen, was ihnen dann nachher leid tat, denn etwas, das man gerade aufgegessen hatte, konnte man nun nicht mehr weiterlieben. So setzte regelmäßig der Liebesschmerz ein und so voller Trauer glitten die schmerzvollsten Töne durch die Nacht, dass einem selbst ganz blümerant zu Mute wurde. Nach etwa zwei Wochen aber war der größte Kummer abgeklungen und man fand die Katatzen wieder beim gegenseitigen Betören, bevor einer der beiden Kandidaten dann erneut geliebt und selbst liebend, im Magen des anderen verschwand. Liebe hieß den Katatzen essen. (von Michael Perkampus)

Denn wirklich gefressen sind wir erst dann:

Kein Märchen heute, nur die Neige Nacht

Überrumpelt, die Hex',
ihr Körper taubengrau,
liegt unter einer Eibe.

Der Hahn ist tot,
das Gras ist schwarz,
rückst keinem mehr zu Leibe,
jubelte Hänsel, jubelte Gretel.

Da war es dann ganz still im Walde,
so tranken beide bang noch Nacht.
Ihre Bürde war die Neige.

Indianerweisheit

Der Spaten fährt hinab, verfehlt nur um Haaresbreite den Maulwurf, der sich im letzten Augenblick unter der Erdscholle verkriechen konnte. Am Leben. Noch.

Die Tomaten an den Büschen faulen vor sich hin. Im Sommer waren sie süß, jetzt hängen nur noch Nachzügler an den Büschen. Grünbraun, Orange und gelblich Rot. Die Disteln in den Wiesen sind riesig, wie bedornte Kelche, die versuchen, vom Himmel zu trinken. Regen, tagelang Regen, Stunden wie Wasser, durch das man zu tauchen versucht. Nicht ein trockener Knochen mehr im Leib. Aber schön langsam, alles schön langsam. Wir wären wie Wolken dieser Tage, würden wir schweben, würden wir weinen. Still und grau und fern. Wir zerlaufen zu Schlamm, wie die Blätter am Boden, flüchten uns in die Erde und träumen vom Schlaf, der mit dem Frost kommt. Der Winter scheint unser Erlöser, die Sonne der Feind, der uns hinterging, und wir, wir sind die Versehrten aus dem letzten Krieg. Zerschlissen und einsam. Wir sind fertig mit kämpfen.

Der Erdhügel vor mir wächst und mit ihm mein Erregung. Ich teile den feuchten Grund mit dem Spaten, mit den Würmern, mit den Wurzeln, mit niemand anders als mir selbst. Ich denke an die bemooste Marie-Luise, die ich gesehen habe, als ich gerade mal acht war. Ich denke an ihre tiefen, schwarzen Augen, ihre fleischlosen Lippen und das breite Grinsen, das mit dem Tod gekommen ist. Die meisten der Cowboys sind weggelaufen, konnten den Anblick ihrer Zukunft nicht ertragen. Christian, Kurt und ich sind geblieben. Wir waren Indianer. Mit Taubenfedern im Haar und Kriegsbemalung aus überreifen Erdbeeren im Gesicht. Wir waren frei, an diesem Tag. Den ganzen Tag lang. Frei.

Marie-Luise lag im Wald, wo sie gefallen war, friedlich. Sie war der Wald. Oder bessergesagt, sie wurde Wald.  Über ihr rauschten die Blätter, neben ihr tummelten sich Käfer. Ein halber Hase verschwand hinter einer Kiefer, kam auf der anderen Seite nicht mehr hervor. Wir begrüßten Marie- Luise, und huldigten ihr mit offenstehenden Mündern und glänzenden Augen. Wir waren keine Kinder an diesem Tag, wir waren uralte Wesen, in unserem Verständnis um die Dinge, in unserem frei sein, mit unseren Stöcken, mit denen wir Marie-Luises Gliedern neues Leben schenkte, mit unserem Atem, der „Ah“ hieß, zuerst, und „Oh“. Wir waren was wir sein sollte, wozu wir bestimmt wären, wenn wir lange und tief genug in uns hinein hörten. Bis die Cowboys wiederkamen, mit  Männer mit Hunden und uns Marie-Luise nahmen. Sie zudeckten, als wäre sie furchtbar, als müsste sie sich schämen, für das, was sie war, wozu sie geworden ist. Wir waren traurig, traurige Indianer, als unsere Eltern uns holten.

Wenn der Wurm klug ist, sehnt er sich nach dem Spatenstich, sehnt sich nach dem kurzen Schmerz, der den langen ablöst, der der Einsamkeit ein Ende bereitet. Er wird mehr als die Summe seiner Teile, so wie Marie-Luise, mehr!

Den viereckigen Himmel betrachtend denke ich an Peter. Der Spaten, der in Marie Luise fuhr. Nur weil er es konnte, weil es in der Natur des Spaten liegt herabzufahren. Sonst wäre er zu nichts nütze. Während die Erde von den Kanten krümelt und ich knietief liege, warm und feucht, denke ich auch daran, wie Peter mich angesehen hat, als ich ihn letztlich sah. Nach all den Jahren, die ein Leben waren. Mit seinem Altmännergesicht und den stumpfen Augen. So ähnlich, wie ein Wurm gucken würde, wenn er Augen hätte. Wie er den Hals einzog, als er aus der Trafik kam und die Straße hinabwanderte. Als würde er auf Schläge warten. Als wenn es jeden Augenblick damit beginnen könnte, Steine zu regnen.

Der Himmel ist blau. An manchen Tagen lohnt es, solche Dinge festzustellen. Der Himmel ist blau und ich kralle meine Hände in die dunkle, klamme Erde, beobachte die Wolke, die zuerst nichts ist. Dann ein Berg, ein Baum, ein Haus mit Garten, ein Teich, eine ganze Stadt, ein Ballonfahrer auf dem Weg nach Westen. Und dann wieder nichts. Fetzen und Knäul, Nebel und Schwaden.

Peters gebeugter Rücken will mir nicht aus dem Kopf. Peter, der auch mein Spaten hätte sein können wenn ich damals nicht so schnell gewesen wäre, wenn ich die Lücke im Zaun nicht gekannt hätte, durch die ich mich geschlängelt habe, seine Hände hinter mir zurücklassend. Seine nikotingelben Finger nach mir grabschend, heischend, flehend. Ich floh mit meinem Herz in den Armen, und dann war alles vergessen, waren da wichtigere Dinge, als Peter, der vielleicht nur spielen wollte, weil er sonst keine Freunde hatte. Außerdem ist da noch immer Marie-Luise, die die Lücke im Zaun wahrscheinlich nicht gekannt hatte, Marie- Luise, die Heilige, die für einen kurzen Augenblick zu unserem Tempel geworden ist, zu unserem Schlachtfeld, auf dem wir glorreich siegten. Und wichtiger wurde als Pausenbrottausch und Sommerferien, bedeutender als die wahre Liebe zu finden und seine Träume leben. Schicksalsträchtiger, als sich zu verwirklichen, sich selber treu zu bleiben und niemals aufzugeben. Schwerwiegender als jede Schlacht. Endgültiger als jene Marie Luise, die sie gewesen ist, bevor sie zu dem wurde, was wir im Wald fanden.

Je unwichtiger die Dinge werden, die einem eigentlich immer so wichtig waren, desto klarer dämmert es mir. Das Wissen aus dem Wald kehrte irgendwann wieder, kämpft gegen die Langeweile, gegen die Abgestumpftheit und schlussendlich gegen diese ganzen anderen, verfeindeten Wichtigkeiten. Die Ahnung wandelte sich zu etwas Neuem. Zu altem Indianerwissen, das mich schon einmal verließ, nur um nun erstärkt wiederzukehren. Zur uralten Religion. Die Kenntnis darum, dass der Tomatenstrauch sich nicht darum sorgen muss, dass es keinen Sinn macht, jetzt noch Früchte zu treiben, die niemals reifen können. Es ist dem Strauch egal. Warum also sollte es mich kümmern?

Ich beginne zu singen, in dem Loch, in dem ich liege. Es klingt dumpf. Der Maulwurf, streckt überrascht seinen Kopf aus der Wand neben mir und stimmt ein, in das alte Lied, das keine Sprache kennt, das nicht nur mit dem Mund gesungen wird, sondern mit allem was man ist. Mit den Augen und den Ohren, mit Haut und Gliedmaßen und Eingeweiden. Sogar mit den Zähnen und dem Haar und den Nägeln. Das Lied, das von allem handelt. Von allem, was da ist. Und von mir. Selbstverständlich auch von mir.

(ERA 2009)

Fragen sie ruhig

Wenn wir es schaffen, unseren Kopf zu heben, uns auf unsere Umgebung zu konzentrieren, dann sehen wir die Wunder, die uns tagtäglich umgeben. Es ist durchaus lohnend, sich diese Tatsache regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen. Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld aus der Hand?*

Erinnerungen können trügerisch sein. Meistens wissen wir schon bald Erlebtes und Traum  nicht mehr zu unterscheiden. Der Schatten, der mich vorhin verfolgte, war er echt? Oder war es bloß die Zeit, die hinter mir ging und versuchte, mich nervös zu machen, mich schneller voranzutreiben? Der korpulente, bärtige Mann, der sich in der Umkleidekabine des städtischen Bads auf die Bank neben meinem Kästchen setzte und mehrmals beiläufig um Hilfe bettelte, war er mein schlechtes Gewissen? Warum hat er dann dankend abgelehnt, als ich ihn nach den Ursachen fragte? Er lächelte mir verschwörerisch zu, als wüsste er genauestens bescheid. Worüber wollte er aber partout nicht verraten. "Fagen Sie ruhig.", hat er verkündet. Ich bin mir nicht sicher, ob es mir gegolten hat. Dann ist er wieder aufgestanden und einfach gegangen.

Ich fühle Sehnsucht nach dem Fremden Land in mir keimen. Ich freue mich auf die Arbeit am nächsten Roman. Die Gestade, die ich darin anlaufen werde – war ich wirklich da? Wenn sich die Reiseberichte aus meinen Fingern schlängeln, über die Seiten krabbeln und zum euphorischen Marsch durch scheinbar vertraute Gefilde sammeln, kann ich dann sicher sein, woher sie stammen?
In Wirklichkeit spielt es keine Rolle. 

Ich versuche, meine Spaziergänge weiß und leer zu halten. Unberührt wie die Seiten, die ich mit meinen Geschichten zu füllen gedenke.

*„Die Jungfrau von Orleans“, Friedrich von Schiller

Rumor XVI

Es wird sich jetzt erweisen müssen, ob das Wachstum meines Kreativums während günstiger Phase weit genug vorangeschritten war, um nun die Dürre zu überstehen. Ein Baum braucht eine gewisse Stärke und dafür einige Jahre und zuletzt eine feste Struktur um (vorübergehende?)
Wüste zu überleben.


Bitte bringen Sie eine Kottüte mit

Cambodunum war bereits eine Weltstadt als es noch gar keine Welt, geschweige denn eine Stadt gab. Der ewige Streit mit Trier, welche Stadt denn nun wirklich die älteste Deutschlands ist, kann sich sehen lassen, ist aber unbegründet. Kempten macht selbstverständlich das Rennen. Auch wenn man sich, um den Streit zu schlichten, fragen muss, auf welche Quelle man sich bezieht, kann man doch ganz leicht Folgendes ins Feld führen: Ich lebe in der ältesten Stadt Deutschlands. Ich lebe in Kempten. Ergo ist Kempten die älteste Stadt Deutschlands. Wer das komisch findet, der versteht nichts von den alten Griechen; und wer nichts von den Griechen versteht, wird wohl auch nichts von den Römern wissen. Aber die gab es (nachzulesen in jedem Asterix-Heft). Und sie hatten echt Bad. Thermen nannten sie das; Hitzelinchen. Kaugummi hatten sie nicht, aber sie waren trotzdem Imperialisten. Wie oft steht man auf einem Hügel und denkt: "Mensch, hier!" Hier haben die Kelten 50 vor moderner Zeit herumgesiedelt, bis 14 vor moderner Zeit Tiberius anrauschte und das Allgäu römisch wurde. Man muß aber sagen, daß die keltischen (und alamannischen) Einflüsse heute noch recht umtriebig vorhanden sind, von den Römern sind nur noch überteerte Straßen und Steinwälle da. Und Bad, denn - yes - die Römer hatten echt Bad!


Der Archäologische Park ist für einen Erstkontakt mit der antiken Welt nicht uninteressant. Es gibt Gewürzwein, Steine, mehr Steine, und Toiletten, auch wenn man auf der Webseite gebeten wird, Kottüten mitzubringen. Es gibt vermutlich zwei Gründe dafür: erstens, man führt sein Hündchen mit und das kackt dann vor die Statue des Hercules, oder man hält es vor lauter Spannung selbst nicht aus, pillert und bollert für sich selbst, während man sich gar nicht von der Aussicht trennen kann, und hat dann was für die Vitrine daheim: eine Tüte voller besuchtem Cambodunum!

Freitag, 11. August 2017

Delokation

Dies sind die Tage der großen Korrektur. Ich muss zugeben, ich fühle mich derzeit hin und wieder etwas verloren. Daher tut es gut, mich selber in den Worten zu suchen. Und meistens auch zu finden. Es ist nicht zu unterschätzen, welcher Balsam die Überarbeitung seiner Geschichten auf die geschundene Autoren-Seele sein kann, die so knapp vor der anstehenden Veröffentlichung natürlich regelmäßig von Selbstzweifeln heimgesucht wird. Die Arbeit am Werk hilft dagegen definitiv. Auch wenn nach den langen, intensiven Sitzungen die Finger steif, der Rücken krumm und die Augen entzündet sind. Hauptsache die Seele jubiliert.

Es sind stille Tage, an denen ich es genieße, in den wenigen Minuten, die ich nicht dem Monitor entgegengebeugt verbringe, zu schweigen und für kurze Zeit nicht nach Worten suchen zu müssen. Vielleicht ist es auch gerade das, was man als Schreibender an seiner Arbeit so unheimlich zu schätzen lernt. Das alles, was man zu sagen hat, seine Zeit und seinen Ort hat. Der ausdruckslose Frieden dazwischen ist redlich verdient.

Der Sommer ist heute gebrochen. Wieder einmal. Der Regen fiel ab Mittag im seltsamen Stakkato. Er schien sich nicht richtig mit den Wolken abgesprochen zu haben. Zumindest ließ sich für mich die meiste Zeit über aus den Himmelsformationen keine genauen Rückschlüsse über sein Kommen und Gehen herbeiführen. Ich habe einen Regenbogen dabei beobachtet, wie er sich zwischendurch über die teilnahmslosen Köpfe der Passanten auf der Einkaufstrasse aufschwang. Sogar er selbst wirkte vom Timing etwas irritiert. So, als hätte er eigentlich gar nicht damit gerechnet, und dadurch prompt seinen Auftritt verpasst. Aber so fühle ich mich derzeit auch, wenn ich über die Straße wandere. Als wäre jede Häuserecke, jeder Straßenzug, jeder geschotterte Weg durch den Park, eine kleine, abgekapselte Welt für sich selbst, die es separat zu durchqueren gilt. Ich habe sogar sicherheitshalber meinen Pass eingesteckt, falls ich unterwegs in eine Kontrolle geraten sollte.

Irgendetwas ist ganz klar erkennbar in Bewegung. Ich fühle deutlich, wie sich das Bild um mich herum verschiebt und erwarte gespannt und auch ein bisschen entkräftet das Endresultat.

„…Oft begreifen wir das letzte Mal im jungen Alter, vor allem weil wir da noch über genügend Ruhe verfügen, dass die essentiellen Dinge meist im entsprechenden Licht betrachtet werden wollen. Die Jahreszeiten, zum Beispiel, sind nicht nur Begleiterscheinungen unseres, später einmal viel zu rasch vorbeiwehenden, Lebens. Nein, tatsächlich sind sie vielmehr große Portale, die uns alle gemeinsam durch eng aneinanderliegende Welten tragen. Es sind ja auch sämtliche Anzeichen dafür vorhanden, wenn man weiß, worauf man achten muss. Jede Menge Wasser zum Beispiel, in Form von Regen und Schnee, das uns durch die Übergänge zwischen den einzelnen, saisonalen Ebenen trägt. Oder auch unser Erstaunen, wenn wir erst einmal dort angekommen sind. Man denke nur daran, in welche trostlose Ebene uns immerwährende Dürre im Gegensatz dazu verbannen würde. Ein weiteres Indiz für eine allgemeine Delokation durch den Jahreszeitenwechsel ist auch die Verwirrung, die ein allzu schneller Übergang mit sich bringen kann. Alleine dadurch, dass wir diese unterschiedlich beschaffenen Abschnitte der Zeit durchlaufen, werden wir so zu Reisenden zwischen den verschiedenen Dimensionen der Erde, auch wenn wir das als Erwachsene oft belächeln und gerne als unsinnig abtun würden. Das Wetter, ein stetes Zusammenspiel der Elemente, ist und bleibt zeitlebens einer unserer wichtigsten Anker in der allgemein gültigen Gemeinschaftsrealität. Ob wir das nun wollen und glauben, oder eben auch nicht. Aber wehe denen, die beim Übergang ihren Weg verlieren….”

Aus meinen Phasen der Furcht, über die ich eigentlich nur schreiben kann, weil ich sie meistens bereits abgelegt habe. Wenn man älter wird, gewinnt ja oft ein gewisser Phlegmatismus die Oberhand.

Der Abend lockt mich heute bereits frühzeitig mit seinem Sonnenuntergang. Die Tage werden kürzer. Das ist ein Geschenk. Ich suche mein Tor nach morgen nun mit einem Buch auf dem Schoß und Melvin selig zusammengerollt an meiner Seite.

Mumpenzimmer (Mummenschanz in großen Hallen)

Könnte doch jemand wie ich dich tragen ins Allerlei-Gespinst,
So schwer die Träne haftet an den Antlitzen der Statuen,
Gewöhnlicher war ich nie; und fand Novemberkälte
Und fand den Winterschmerz in den großen Hallen der Masken,
Die von einem zum andern wechseln, von der Scham keine Spur
Zwischen Riffeln und Reue, zwischen Schaum und Kontrast,
Der die Niederungen hebt wie ein stolzes Gebirg. Geklopft wird
Lange nicht mehr an die Tore des Mumpenzimmers,
An den Holzstock, der die Friese ersetzt. Die Schwelle,
Durch Raunen zum Stillstand gebracht,
Die Gesellschaft in Bewegung erfrorn.
Könnte doch jemand wie ich durch die Lustwiege schreiten,
Es wäre mir all meine Gesichter wert.

Die Muschelgewölbe von Syrinx

In der geisterhaften Bläue fremder Welten fangen sich
Auch Ideen, die dem Lärm der Existenz kein Jawort gaben;
Nie hat der Staub der Galaxien gewagt, sich für immer niederzulegen,
Die Flut einer kosmischen Decke nur über einem einzigen Nullpunkt zu legen.
Eingedenk der Röhren, die sich nur dann mit anderen kreuzen,
Wenn der Zufall aus dem Allschlaf wuchert  und Platz beansprucht,
Wo die Mathematik der Urzellen sich in neuen Zellformen erschließt,
Die keine Dimensionen scheuen, bleibt über,
Was in den Muscheln haust, die dort mit dunkler Intelligenz
Und nicht ganz zu erschließendem Dasein tiefer rutschen.
Die Hocke ist ihre natürliche Haltung; der Kristall ist
Ihr einziger Wunsch, doch sie können sich kaum von den Wänden lösen.

Donnerstag, 10. August 2017

Der Falter des Zwielichts

* während Albera duscht

Vom Rauschen der geformten Schwingen, die sind wie Gaze und Schatten werfen,
Das Licht verlassen. Sie sind nur da wo wir sie nicht erkennen, eingetrübt
Ist die Schau über den Spalt des Tages. Hier wächst nichts ohne Bewegung der Umgebung,
Ohne das hastige Steigen und Fallen, ein feines Wirbeln, ein goldenes Feuer.
Das aerodynamische Überleben der Propeller,
Der Konkurrenz einer Wiedergeburt. An den Mustern
Haftet der Staub so lange, bis sich ein Bild daraus empört,
Zerfallen und von Zweifeln übervoll,
Von ignoranten Blicken unbesehen, was besser ist
Als in einen Plan gewoben zu werden, der Höheres zur Schau stellt;
Und wenn das gelingt, zerbröselt die Landschaft durch nur ein Wort.

Bilder von wir (mit mir)

mein Bild von dir
mit mir
mit mir
wir waren wie wir waren
im Rahmen
der goldene Spiegel
schrieb im Kerzenschein
unsere Liebe
an die Wand gefahren
und wie
wir waren was
wir eben waren 

(2008)

SSB - 2 - Seit wann schaukeln meine Schafe (Böhmwind)




Sandsteinburg, Kapitel 2: Der Böhmwind, Abteilung 1: Seit wann schaukeln meine Schafe

Vom Kochen

K: Du, ich habe Hunger. Kochst du mir was? 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Wollte Oliverio nicht für euch beide kochen? 

K: Doch. Schon. Das macht er auch gerade. Er kocht dick. Sagt: Ich koche dick! 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Er meint bestimmt deftig! 

K: Nein, er meint dick! Und viel Fleisch. 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Und das magst du nicht? 

K: Doch, mag ich. Aber in einer Küche muss es auch nach Raubtier riechen, sagt er. Das war schon immer so und so gehöre sich das auch für ihn. Verstehst du? 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Ha, ja natürlich verstehe ich! Du denkst also in seinen Töpfen köcheln … 

K: Ja! Tiger, Löwen und Leoparden. 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Tatsächlich? Und von wo sollte Oliverio die herhaben? 

K: Na vom Zirkus, der gerade in der Stadt ist. Die haben doch welche. Er kennt den Dompteur. Er mag ihn nicht. Mag sein dummes Verhalten nicht. Deswegen kocht er jetzt seine Katzen. 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Ja, schon möglich. Riecht es denn in seiner Küche nach Raubtier? 

K: Eigentlich nicht. Es riecht nur sehr nach ihm. Also schon ein bisschen, ja. Er sitzt ja auch die meiste Zeit in ihr herum. Die Küche ist das Zentrum, hat er mir erklärt. In ihr spielt sich das Leben ab. Ist nicht die „gute Stube“. 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Ja, das stimmt! Die Küche ist das Herz eines Hauses. Das wärmste Zimmer in ihm. Zumindest sollte es so sein. So war das früher. Deftiges gab es da nämlich nicht nur auf den Teller, sondern auch zu hören. Die alten und jungen Weiber tratschten über ihre Männer. Deswegen sind meine Ohren auch so spitz! Das haben die alles mit in die Töpfe gegeben. Haben gewürzt und umgerührt. Manchmal wütig. Manchmal liebevoll. Aber immer leidenschaftlich. Stundenlang. Tag für Tag. 

K: Bist du auch viel im Herzzimmer? 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Ja, bin ich. Aber ich koche nur noch selten. Koche nicht gern für mich allein. Ich erinnere mich nur noch, wie es einmal in ihm war. Oliverio und ich sind zwar zu unterschiedlichen Zeiten aufgewachsen, in ganz unterschiedlichen Häusern, aber das war etwas, das wir gleich erlebt haben. Auch ich bin als kleines Mädchen immer in der Küche herumgesprungen oder auf einen Stuhl gestiegen, um meine Nase über die Töpfe zu halten. Oh, es gibt so viele Töpfe. Unglaublich viele auf dieser Welt. Und in jedem Land duftet es anders. Wenn du also ein Land kennenlernen willst, dann musst du auch in seine Töpfe schauen. Schauen, wie der Dampf aus ihnen emporsteigt. Den Duft ganz in dir aufnehmen. Und natürlich solltest du auch probieren. 

K: Wie es wohl duftet, wenn du kochst? 

Frau, mit der Oliverio fliegen kann: Los, geh´ wieder zu Oliverio! Die Raubtiere warten. Nimm diese Mohrrübe mit und sag´ ihm, du bringst ihm meine Nase. Und das nächste Mal, verspreche ich dir, darfst du deine Nase über meine Töpfe halten.

Rumor XV

Um eine Poetik des Schweigens zu entwickeln, wäre ein Vorrat an Stille nötig, den wir nicht besitzen. Ich selbst würde nicht lange schweigen können. Aber die Taktung stiller Sekunden wie den Regen lieben. Die silberne Zunge wiegt den Wert der Stille nicht auf.

Mittwoch, 9. August 2017

Die Ohrmilch der Insulanerin OLYMPIA

Ich liebe den Sound dieser Schreibmaschine und bemerke, wie sehr ich ihn doch vermisst habe. Ihre Ohrmilch. Seit Monaten höre ich sie wieder. OLYMPIA. Die auf deinen Schreibtisch, auf ihre Insel zurückgekehrte. Diese ausladende, schwere Trutzin, die sich, von allen, die du versucht hast, durchgesetzt hat. Sie wirkt auf mich wie ein Weib vom alten Schlag: pünktlich, zuverlässig, keine Spinnereien im Kopf, robust und loyal. Sie ist die Richtige! (Denke ich allein an die riesige SANDSTEINBURG. Dein Werk, an dem du schon seit 12 Jahren arbeitest. Von dem übgrigens auch nicht wenige Fassungen existieren.) Würde ich sie unter vielen heraushören können? Vielleicht. (Ich selbst bin ja nun im Besitz der legendären Olivetti Lettera 22, die ihren Grund und Boden auf meinem alten Herrenschreibtisch finden wird, mit der ich mich erst bekanntmachen muss.) Ihr Klang löst Erinnerungen in einer Stärke bei mir aus, wie ich es sonst nur durch Düfte erlebe, die einen weit, w  e  i  t in die Zeit zurückheben können. Es war mir als wäre ich da. Als wäre ich wieder in jener Zeit, in der du viel auf ihr geschrieben hast, in der ich diesen geschäftigen und heimeligen Klang als einen täglichen, schnell vertraut werdenden, mich umgebenden erfuhr. Und so ließ sie heute Morgen sogar Gerüche wieder erstehen. Es war mir wie eine Millisekundenerzählung von einem naseweisen Wesen im Bouquet sprießender Hände, dem, ich will es verkünden, im üppigen Odeur der Blume ein obszöner Rüssel wächst. Zeitreisen ohne Strecke. Das Einfluten vergangener Empfindungen, die vom Rand der Blüte strömen, in der es reist. Bedingt durch diesen Klang! Die Ohren trompeten vor Freude. Der Mund spitzt Stücke, flötet den Wind auf. Die Arme tirilieren, domptieren den Tag. Lieder fließen von den Lippen des glückseligen Passagiers, der ich bin und soeben war in diesen Initialsekunden, die die Luken meiner Sinne anhoben, aus denen Bilder flogen, sich gefiedrig wieder unter die Zweige der Zeit zu legen. Pulsend, atmend und dauernd. (Warum ich den Sinn des Hörens offenbar mit dem Olfaktorischen verbinde, ist mir in diesem Kontext völlig erklärbar.)

Die Maschine

Das schöne Klischee (und gleichzeitig der Mythos) : Der Autor beugt sich über die Maschine, daneben der überfüllte Aschenbecher. Das Stakkato der angeschlagenen Typen erfüllt den Raum. Ein Korb mit zerknülltem Papier (manche Bällchen daneben, auf dem Boden) fehlt nicht. Der heutige Betrieb fordert geschwätzige Schnellschrift - und bekommt sie auch; doch das Schreibzeug arbeitet an unseren Gedanken mit! - bescheinigte einer unserer Lieblings-Irren, Friedrich Nietzsche (der sich an einer Mallig Hansen probierte, einer der ersten in Serie produzierten Maschinen der Welt). Dass jedoch jeder Dichter auf den Computer umgestiegen sei, ist ein Gerücht. Ganz im Gegenteil liegt der Prozentsatz jener, die das Kultobjekt Schreibmaschine nicht aufgeben (oder sogar zu ihr zurückkehren) bei geschätzten 30% der gedruckten Berufsgenossen. Dabei wird von vielen der angebliche Vorteil des Computers - das Kopieren und Verschieben, das bequeme Bearbeiten des Textes - als Nachteil betrachtet. Mit Technologiefeindlichkeit hat das aber nichts zu tun, denn bis auf wenige Ausnahmen dürften sich alle mal an ein Textverarbeitungsprogramme gesetzt haben. Ich erinnere mich daran, dass ich 1991 nur den 386er im Kopf hatte (ein Fossil, das heute kaum noch jemand kennt), und dass mich das "Word Perfect" ungemein faszinierte. Zwar schreibe ich immer noch die Erstfassungen mit der Hand - davon werde ich auch niemals abweichen, und gebe zu, dass es eine ungeheure Erleichterung ist, die Manuskripte, die bei mir mittlerweile in die Hunderte gehen, abgespeichert zu wissen -, aber der Prozess des Schreibens selbst ist mir wichtiger als seine industrielle Herstellung. Wo ein Text keine Arbeit mehr macht, wird nichts Gutes entstehen können. So hat sich der Betrieb auch der Computerliteratur angepasst und bleibt in erschreckender Masse unteres Mittelmaß. Dabei ist durchaus auch eingetreten, was Alfred Polgar 1922 sagte:
"Für die Literatur als Kunst wird die Schreibmaschine freilich erst dann was Rechtes bedeuten, bis ihre wunderbaren Kräfte ungeschwächt durch das trübe Medium des angehängten Schriftstellers zur Auswirkung kommen werden. Die Entwicklung muß hier, wie bei jeder Maschine, dahin streben, die notwendige menschliche Mitarbeit immer mehr und mehr einzuschränken. Der Tag, an dem es gelungen sein wird, den Schriftsteller ganz auszuschalten und die Schreibmaschine unmittelbar in Tätigkeit zu setzen, wird das große Zeitalter neuer Dichtkunst einleiten."
Ob man sich nun der Erika, Modell 20 verschreibt, der Hermes Baby, oder dem Kultobjekt unter den Schreibmaschinen schlechthin: der lettera 22 aus dem Hause Olivetti, 1950 von Marcello Nizzoli ersonnen und 1954 als Designerstück auch gekürt, ist - neben funktionellen Gesichtspunkten - eine eher philosophische Frage. Rühmkorf schrieb bevorzugt auf der Olympia Monica, während ich mit meinen beiden Modellen erhebliche Schwierigkeiten hatte. Natürlich sind die verschiedenen Modelle aus dem Hause Remington oder Underwood usf. nicht weniger erwähnenswert. Meist aber nur für Sammler. Die lettera 22 ist für mich deshalb so interessant, weil sie schnell, robust und leise (und weich) im Anschlag ist. Während man funktiontüchtige Maschinen, denen an sich anvertrauen muss, bereits um die 20 Euro bekommen kann, schlägt eine lettera 22, die man für das tägliche Schaffen benutzen möchte, zwischen 200 - 400 Euro zu Buche, manchmal auch mehr. Cortázar suchte auf seiner Olivetti den Garten Eden, heraus kam Rayuela. Meine mächtige Olympia wird die Sandsteinburg unter ihre Lettern nehmen. Das sind Wege, die zurückgelegt werden, Wege, die ich bis heute immer wieder abgebrochen hatte.

Noch etwas zu Schreibmaschinen als sprechende Agenten : Ein berühmtes Buch, aus dem David Cronenberg einen nicht weniger berühmten Film machte, ist "Naked Lunch" von William S. Burroughs; mit folgender Kritik konfrontiert, die allein schon dazu auffordert, ohne wenn und aber zu lesen und zu sehen:
"Ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum."
Fantastisch, nicht?

Keselground, gegenwärtige Arbeitssituation

Kaffee bei Birnstiels

Kaffee gibt es in den unterschiedlichsten Höhenlagen, deshalb natürlich auch in Kempten. Wer es gerne hat, dass sein Kaffee nach alten Zeitungsrollen und Druckerschwärze schmeckt, der beehre den
Einem geschenkten Kaffee schaut man
nicht in den After
Herrn Birnstiel, seines Zeichens freilich kein Kaffeeausschenker wienerischer Couleur, sondern hoheitlicher Marketender für Druckartikel aller Art - und einer der letzten einer aussterbenden Zunft. Heute empfing er den Meister ganz im Blüschen, mit Schlips und ordentlicher Bommelei, festlich und fesch, gekämmt und adrett. Ein stattlicher Zeitungswaren-Vorzeiger (der sich auch mit Tabak, Haschischpfeifen und ... nur so zum Spaß ... einem Kaffeeautomaten brüsten kann. Man kann sich hier im Laden schlicht über alles unterhalten : Knötchen in der Brust, wo bekommt man ein bezahlbares Hirschgeweih, war die Fußpflegerin heute wieder schick?; bei Presse Birnstiel tobt der Figaro-Gedanke wie sonst nirgends mehr. Hätte Kempten eine Mutter, dann hieße sie Herr Birnstiel. Weiland kaufe ich meine wie auch immer gearteten Heftchen dort, die dann, Opfer jeder Sammlung, irgendwo im Keller lagern. Aber nicht diesmal. Diesmal bin ich auf der richtigen Spur, die da lautet : Hochphilosophie. Im Zeitungsschlabberladen? Oh ja, denn ich habe es auf die Buchrücken der LTBs abgesehen, Kater Karlo als intergalaktischer Schurke. Ist das nicht very well by the way? Tröstet euch : auch wenn der Kaffee für umme war, er schmeckte nicht besser als ein angebohrtes Leitungsloch und ich habe ihn dennoch getrunken. Wird das Auswirkungen auf meine Gesundheit haben? Ich glaube nicht, denn selbst die schlimmste Kloake verwandelt sich in Kempten in ein übersinnliches Tröpfchen aus dem Acheron.
Der Meister im Birnstiel-o-versum