Donnerstag, 27. Juli 2017

Von Kuhtrittmuscheln und einem Mondmilchloch

Vor zwei Tagen mit B. unter anderem im Alpinmuseum gewesen. Wollte sie ein wenig mit Kunst und Kultur locken. Kulturgeschichte von Mensch, Tier und Natur ist hier freilich machbar. Neben dem Alpinmuseum hätte sich der noch der Besuch in einer Sennerei angeboten, oder eine Wanderung auf eine der hiesigen Berghütten. Doch der anhaltende Regen, der die Iller schon seit Tagen in einen wilden Ockerstrom verwandelt hat, der Nachts, wenn es ruhig ist, in unseren Schlaf hinein an das Innere unserer Ohrmuscheln brandet, hat uns einen Strich durch die Milchrechnung gemacht. Mit der Kunst jedoch sieht es anders aus. Ich suche sie hier vergeblich. Wenn überhaupt etwas angeboten wird, ist es für mein Empfinden doch eher Dürftiges. Was daran liegen mag - wir beide unterhalten uns darüber sehr oft - dass es den Menschen hier nicht wirklich an etwas mangelt. Die Stadt hat Geld. Die politische Ausrichtung ist Schwarz. Rote Linksabzweigungen gibt es nicht wirklich. Wozu auch?! Es wird tagtäglich fleißig geshoppt, der Menschenstrom, auf den ich treffe, pflegt seine Lifestyle-Kultur. Lungerten Jugendliche früher auf Bahn- und Friedhöfen herum, sind es heute die Einkaufszentren. In Räumlichkeiten habe ich mich als Kind, war ich draußen, nur aufgehalten, wenn es Baustellen waren, offene Häuser, in denen ich herumturnen konnte. Das Stadtbild ist stets instand. Maroditäten gibt es andernorts. Oft ist es mir, durch die umliegende Natur und ihre Erzeugnisse, als lebte ich nun in einem Schlaraffenland. Nur, dass ich auch immer mal wieder das Gefühl habe unter einer Glocke zu leben. Zur einen Seite ist das schön, es hat etwas Heiles, eröffnet mir Müßiggänge. Zum andern aber fehlt uns beiden das progressive Gespräch der Künste, der Menschen. Und seien einfach nur streitbare Schnäbel, aus Stammtischen geschnitzte, die fordern, dass ihre Stimme gehört wird. Sicher, die Verkäuferin an der Käsetheke hört meine, wenn ich einen halben Baldauf fordere. Aber wo bitte geht's zur kosmischen Hardcore-Theke, an der ich dich und mich im Kreise aller durch dieses Multiversum per Anhalter Reisender mit Hilfe eines Babelfischs aufwerfen kann? Sich in Erinnerung rufen. Einen Total Recall wie ich ihn im Schlaf, meinen Träumen oft erlebe. Das Projekt Hypnos, in dem du meine Träume, die ich dir erzählte, zu Geschichten verwobst, erzählt auf eine wunderbare Weise davon. Sich zusammenwerfen. Ich und du. Das ist eine ganze Welt. Kollidieren und Fusionieren. Mann und Frau. Mutter und Sohn. Vater und Tochter. Junge und Mädchen. Frau und Junge. Mann und Mädchen. Wir spielen es durch, seit der Vertreibung aus dem Paradiese. Seit wir uns gewahr wurden, dass wir Nackte sind. Nackt im Sinne eines Geworfenseins. Geworfen in Nacht, ins Leben, in eine Welt, in die somit auch der Horror entflitschte. Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst..., wieder versuchen. Aber tun wir es, spielen wir uns duverantwortlich wirklich noch durch? Wir sollten. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Und natürlich ist dies kein Plädoyer für die Erfüllung von Straftatbeständen, die von der Verantwortung Schutzbefohlenen gegenüber ausgehen.

Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ist das, was ich annehme. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum martern unser Geschlecht.


Weswegen ich an einen Text von mir denken muss, den ich im August 2015 in Rage verfasste:

Auch ich

Was glaubst du, Mensch, ist dein Menschenleben, dein Geschlecht, noch wert, wenn du nicht wagst zu leben, Leben nicht wahrnimmst, wenn es ist?

Ich verrate es dir: Nichts. 

Ich weiß, dass ich es nicht mehr schützen wollen würde. Ich würde nicht mehr plädieren für dich, wenn man dich vor die Hunde gehen ließe. Ich würde zuschauen und denken: die Hunde immerhin wissen noch, was sie wollen, und erschrecke doch sehr darüber, dass das so für mich geworden ist.

Du tötest mich. Daher.
Keinen warmen Gedanken. Keinen einzigen Wortfunken habe ich noch für deine Gewalt. Man hat dich mir völlig aus meinem Blut gewaschen. Hat mich angefasst, auch ohne Hände. Denn ohne ist jede Gewalt noch gewaltiger. Niemals aber habe ich dir erlaubt mich so anzufassen. Denn Menschsein heißt nicht: Ich nehme mir.
Zu dürfen.
Einem Menschen begegnen dürfen, das ist das Einzige, was ich dir anbieten kann.
Die letzte Bastion ist tatsächlich mein Geist. Dir, deinen Hunden, entzogen.
Ich wünschte, ich könnte über diesen Gedanken hinauskommen. Aber ich kann es nicht. Weiß auch nicht, ob ich es noch werde.
So wittern sie auch mich.
Und so denke ich ebenso an die Kuhtrittmuscheln, die ich im Alpinmuseum bestaunen durfte. Wie auch ihr Alter. Und finde es faszinierend zu wissen, dass diese auch als Fundamentsteine für Almhütten dienten. Versteinerte Tierfüße, die Waldgeistern und Alben gehören könnten. Ein Abwehrzauber gegen das Böse. Besonders aber freue ich mich erfahren zu haben, dass es in den Schweizer Bergen ein Mondmilchloch gibt.

Kommentare:

  1. Weil wir die Wollenden sind, die mit unseren Stimmen Zauber weben. Ein Gebet zum großen Gott Monomythos. Wir singen unsere Psalmen im Chor.

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  2. Ja, jeder in seiner Sprache. Ob er sie nutzt oder sich von ihr benutzen lässt. Habe mal vor längerer Zeit John Cage: Bird Cage (1972), Bernd Alois Zimmermann: Metamorphose (1954) & SCHOENBERG | Pierrot Lunaire, op. 21 | Jane Manning, Simon Rattle simultan laufen lassen.

    Zeitdokumente, Vögel und Menschen. Jedes Werk für sich genommen gilt schon als großes. Und ich stellte fest: Es entsteht ein gewaltig waberndes Um-mich-Herum, in einer beeindruckenden Weise, wie es jedes Werk für sich genommen nicht schafft.

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    1. ... zumindest nicht in der Weise, die ich da hörte.

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