Freitag, 21. Juli 2017

Von elementaren Boten

Die letzten Tage bis zum Erhalt des Schlüssels für die neue Wohnung empfinde ich als zähe. Das mag daran liegen, dass ich noch einiges erledigen muss. Und eigentlich schon erledigt hätte, würden sich gewisse Dinge, und wie wir sie uns eingerichtet haben in dieser Welt, einfacher erledigen lassen. So vermute ich mittlerweile, dass es leichter ist ein Klavier mit Dick & Doof umzuziehen, als mit dem eigenen Geld. Was ja doch nur eine Zahl auf einem Konto meint. Fiktional, entmaterialisiert, algorithmisch. Habe auch nie ganz verstanden wie es zu der Redewendung flüssig / liquide sein kommen konnte.

Elementares trifft auf monetäres Denken. Oder auf meine Telefonstimme und linke Ohrmuschel. Orales Netz. Zerflossene Tat. Und alle Nymphen lachen sich scheckig. Lachflecken sind mindestens so schön wie Arschbackengrübchen. Mein Abgeschwiffen-und-Wusch-Impuls rettet mich auch hier wieder.

Auf einem Dach aus einer Rinne voll Blut trinken Herr Fittich und Frau Gurre, wäre eine, vor meinem inneren Auge entstandene, visuelle Übersetzung davon. Eine, die den Ernst beibehält. Ihn einfach nur auf anderer Ebene verstoffwechselt.

Dieses Bild wiederum mag daher kommen, dass Carl heute Morgen um halb Fünf, da er nicht mehr in den Schlaf finden konnte, sich in meinen hineinschmuste, und mir besorgt mitteilte, dass er noch überhaupt keine einzige Vogelstimme vernommen habe, was für diese Uhrzeit, wie er betonte, sehr ungewöhnlich ist. Tatsächlich! Es war nichts zu hören, nur hin und wieder ein Auto, das den Berg hinauf, in den Tagesschlund der Betriebsamkeit hinein fuhr. Doch dann hörten wir sie. Raben und Krähen. Die hiesigen Künder der noch steigenden Eos. Unser Gold im Mund war der frühe Kaffee, den wir uns gönnten, während wir uns angeregt über die Krähen- und Rabenpopulation hier in Kempten unterhielten. Wir fanden sogar heraus, dass Kempten die Stadt in Deutschland ist, die die größte Population zählt. Mich würde sehr interessieren, nach welchen Bedürfnissen solche Tiere ihr Habitat wählen. Welche Attraktivitäten dafür ganz generell gegeben sein müssen. Außerdem ist uns aufgefallen, dass sie sich in den letzten Tagen, wie wir vom Balkon aus beobachten konnten, häufig auf dem Dach der alten Spinnerei einfinden und tagen. Kleinere Bünde wiederum wählen umliegende Bäume, in der Nähe von dieser. Das ist wahnsinnig spannend zu verfolgen, besonders wenn sie sich aus allen Richtungen kommend versammeln. Hitchcock hätte seine Freude gehabt. Und ich kann nicht leugnen, dass sie mir durchaus, besonders in dieser auftretenden Masse, auch wie Endzeitboten erscheinen, die von Untergang und Aufgang künden, den Wettern und den Wettermachern. Das Parlament der Rabenvögel. Boten zwischen Himmel und Erde.


Jedoch zu solchen Vertreibungsversuchen von uns Menschen, wie sie die Stadt Kempten unternommen hat, würde John Marzluff, ein US-amerikanischer Ornithologe und Ökologe, wohl sagen: Menschen und ihre seltsamen Verhaltensweisen haben die Krähe schon immer fasziniert. 

Sehr feinsinnig. Echt witzig der Mann.

18:15 Es hagelt.

Kommentare:

  1. Es gibt sehr spannende Studien darüber, dass Raben und Krähen dazu tendieren, sich eigene Religionen und Götter zu schaffen, zu denen sie dann mittels Tanz und anderen Darbietungen für Gunst in der Futtersuche beten. Faszinierende Lebewesen.

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    1. Vor ein paar Tagen sah ich zufällig einen Bericht über sie, wie sie in Japan Nüsse vor die Autos fallen lassen, wenn diese an einer roten Ampel stehen, weil sie wissen, dass es bei "grün" knackt. Ich liebe Rabentiere und Krähen.

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    2. Es wird auch gemunkelt, dass sie Begräbnisse für ihre Kameraden abhalten. Vieles davon ist halt Deutungssache: http://news.nationalgeographic.com/2015/10/151003-animals-science-crows-birds-culture-brains/

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  2. @ Erik

    Leider kann ich im Netz nichts dazu finden (Gibt es eine einschlägige Seite?). Aber ich traue es ihnen zu. Neben ihrem sozialen Verhalten, ihrem Gespür für atmosphärische Vorgänge, ihrer Beobachtungsgabe, ihrem Vermögen auf physikalische Phänomene zu reagieren und sie zu nutzen, usw. ... halte ich es für absolut möglich. Sie spielen, sind frech, sie tricksen uns aus. Sie lachen und feixen.

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  3. Wenn ich wieder über das Thema stolpere, lasse ich es Dir zukommen. Es ging darum, dass Krähen, denen eine Maschine per Zufallsprinzip Futter aushändigt, damit beginnen nach dem Muster zu suchen und eigene Bewegungsabläufe, die sie zufälligerweise gerade vollführt hatten, als sie Futter bekamen, ritualisiert zu wiederholen, um damit die Futtermaschine dazu zu animieren, den Spender zu aktivieren.

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  4. Du Schlawiner! Diese Tatsache hast du aber mit deinem Eingangskommentar fein in ein ganz anderes Deutungshöfchen überführt. Da ist der Autor mit dir durchgegangen, was.

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    1. Ha ha, so ein Saukerl. Aber ich will dir mal was sagen, damit hast du dich geoutet. Einem was vom Pferd erzählen. Und genau so geht´s! Das machen alle Großen. Ich ziehe meinen Hut.

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    2. We´re all stories in the end :)

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  5. Ja, auch. Aber die Darlegungen dieser Tatsache wurde mit den Ursprüngen für Religion bei Menschen gleichgestellt. Also der ursprüngliche Grund, warum wir uns Natur-Götter erschufen und sie ritualisiert angebeten haben war (ist, in kaprizierter Form noch immer), so betrachtet ebenso wie die Raben und Krähen, um ihre Willkür besser lenken zu können und mehr Futter zu bekommen.

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    1. Der Tanz: eine Balz aufzuführen, um die Willkür der Götter zu bannen, das ist nicht nur sehr selbstbewusst, das nutzt auch eine Urform der Sprache als solches. Die Gebärde und ihr Ausdruck sind vielleicht das Unmittelbarste, was wir uns als Information geben konnten / können. Können nur insofern, so wir so wahrnehmungssensibel noch sind. Indem wir mehr als nur unsere Ohren spitzen.

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