Mittwoch, 26. Juli 2017

Ein Ende plündern

Ich habe heute jemanden getroffen, der nicht mehr mit mir sprechen will. Das hört sich jetzt schlimmer an, als es ist. Wir begrüßen uns mit einem kurzen Nicken, wenn wir uns sehen. Soviel Höflichkeit muss sein. Ansonsten gib es wahrscheinlich sowieso einfach nichts mehr zu sagen. Das passiert einfach hin und wieder. Dann ist es auch gut, wenn man es dabei belässt. Diesen Abgrund nur mit Worten aufschütten zu wollen, wäre vergebene Liebesmüh, und ein brüchiges Fundament für alles, was man danach draufzustellen gedenkt. Dinge haben ein Ende, damit anderes einen Anfang haben kann. Je eher man das versteht, desto besser.

Weil wir gerade bei problembeladenen Worten sind: eines meiner Englisch-Deutsch Probleme verfolgt mich schon einige Tage. Scavenger – was wäre das eleganteste deutsche Gegenstück? Sich brauchbare Stücke aus Hinterlassenschaften zu besorgen. Aber nichts, was einem einfach zufällt. To scavenge bedeutet schon auch, dass man dafür arbeiten muss. Sogar hart mitunter. Man wühlt sich mühevoll durch die übriggebliebenen Dinge und sondiert sie nach brauchbarem Material. Gibt es das im Deutschen nicht als kompaktes Verb? Im ersten Hauruck wollte ich plündern verwenden. Aber das trifft es nicht. To scavenge trägt für mich auch den Beigeschmack von Verlorenem. Von etwas, das einmal war, das man sich vielleicht sogar wieder zurückwünscht. Aber alles, was man tun kann, ist über die letzten Dinge vergangener Zeiten zu kriechen, um sich mit deren Überresten in seinem neuen, beschwerlichen Leben zu arrangieren. Das hat auch nichts mit Aasfresserei zu tun. To scavenge – das ist ist eher ein Gebet im Schrein jener verlorenen Dinge, die man schmerzlich vermisst. Von denen man, weiß dass sie für immer vorbeigezogen sind.

Aber wie ich bereits sagte. Dinge haben ein Ende, damit anderes einen Anfang haben kann. Ich schreibe stattdessen einen anderen Satz. Benutze ein anderes Bild. Eines, das mit scavenging nichts zu tun hat. Ich organisiere mir brauchbares Material aus übriggebliebenen Gegenständen. Und Wunder, oh Wunder – schon ist er da, der Neubeginn. Mit geplündertem Ende.

Kommentare:

  1. Joi, Tagebuch, das ist echt dein Ding. Ich lese die verdammt gerne. Dir gelingt darin ein sehr eigener Sound...

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    1. Meine kleingeschnittenen, ungeordneten Gedanken, die am Abend durch die trübe Suppe schwimmen, aus der einmal meine Geschichten werden sollen. Das Diarium ist demnach mein Kochbuch. Oder der Schöpflöffel? Swoosh-swoosh, danke sagt der Koch.

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    2. Dann mag ich offenbar kleingeschnitten und ungeordnet. Schöpflöffel, ja, die sind gut. Man sollte einen selbstgeschnitzten haben, das habe ich sogar vorhin beim Essen noch zu Michael gesagt. Da glimmt neben der Rubrik I took books doch gleich eine neue auf, nämlich: I took cooks.

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    3. Ich melde mich freiweillig für I took crooks!

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    4. Gaunergeschichten als Flash Fiction. Immer gut :)

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    5. ich hätte auch einige Drabbles auf Lager, die entsprechen würden (heutzutagee schreibe ich ja sowas nicht mehr)...

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      „Was habe ich gerade gesagt?“
      „Das andere, verdammt nochmal!“
      …….
      „Und, Louie, tu dir selber einen Gefallen und denk nicht darüber nach!. Du bist nicht geschaffen zum Denken! Mann, ehrlich jetzt, du kannst froh sein, dass du dir deine Schuhe binden kannst.“
      ….
      „Das Ende, genau!“
      „Gut, nun heb es langsam an.“
      „Langsamer, du dummes Stück Hundescheiße!“
      ….
      „Durch die Tür da…“
      „Rückwärts, du Vollidiot, du musst rückwärts gehen!“

      „Du, Boss….?“
      „Jetzt nicht, Louie…“
      „Aber Boss…..“
      „Du hast mir den gleichen Scheiß jetzt hundert Mal erzählt Louie!“
      ….
      „Aber ich trage das erste Mal einen Teppich ohne Leiche darin!“

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  2. "Scavenges" können auch "Verbindungen" sein, durch die ein Austausch möglich ist. Je nachdem, wie du das Wort im Gefüge verwendest, ändert es seine martialische Bedeutung in etwas technisches, lässt sich aber auch als "Übernahme" ausdeutschen.

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    1. Das ist schön. Scavengers sind demnach jene, die Verbindung zu denen suchen, die sich Übernommen haben.

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    2. Wobei wir wieder beim Plündern wären: Jeder, der seinen Besitz nicht schützen kann, wird befallen.

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