Direkt zum Hauptbereich

Ein Ende plündern

Ich habe heute jemanden getroffen, der nicht mehr mit mir sprechen will. Das hört sich jetzt schlimmer an, als es ist. Wir begrüßen uns mit einem kurzen Nicken, wenn wir uns sehen. Soviel Höflichkeit muss sein. Ansonsten gib es wahrscheinlich sowieso einfach nichts mehr zu sagen. Das passiert einfach hin und wieder. Dann ist es auch gut, wenn man es dabei belässt. Diesen Abgrund nur mit Worten aufschütten zu wollen, wäre vergebene Liebesmüh, und ein brüchiges Fundament für alles, was man danach draufzustellen gedenkt. Dinge haben ein Ende, damit anderes einen Anfang haben kann. Je eher man das versteht, desto besser.

Weil wir gerade bei problembeladenen Worten sind: eines meiner Englisch-Deutsch Probleme verfolgt mich schon einige Tage. Scavenger – was wäre das eleganteste deutsche Gegenstück? Sich brauchbare Stücke aus Hinterlassenschaften zu besorgen. Aber nichts, was einem einfach zufällt. To scavenge bedeutet schon auch, dass man dafür arbeiten muss. Sogar hart mitunter. Man wühlt sich mühevoll durch die übriggebliebenen Dinge und sondiert sie nach brauchbarem Material. Gibt es das im Deutschen nicht als kompaktes Verb? Im ersten Hauruck wollte ich plündern verwenden. Aber das trifft es nicht. To scavenge trägt für mich auch den Beigeschmack von Verlorenem. Von etwas, das einmal war, das man sich vielleicht sogar wieder zurückwünscht. Aber alles, was man tun kann, ist über die letzten Dinge vergangener Zeiten zu kriechen, um sich mit deren Überresten in seinem neuen, beschwerlichen Leben zu arrangieren. Das hat auch nichts mit Aasfresserei zu tun. To scavenge – das ist ist eher ein Gebet im Schrein jener verlorenen Dinge, die man schmerzlich vermisst. Von denen man, weiß dass sie für immer vorbeigezogen sind.

Aber wie ich bereits sagte. Dinge haben ein Ende, damit anderes einen Anfang haben kann. Ich schreibe stattdessen einen anderen Satz. Benutze ein anderes Bild. Eines, das mit scavenging nichts zu tun hat. Ich organisiere mir brauchbares Material aus übriggebliebenen Gegenständen. Und Wunder, oh Wunder – schon ist er da, der Neubeginn. Mit geplündertem Ende.

Kommentare

  1. Joi, Tagebuch, das ist echt dein Ding. Ich lese die verdammt gerne. Dir gelingt darin ein sehr eigener Sound...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Meine kleingeschnittenen, ungeordneten Gedanken, die am Abend durch die trübe Suppe schwimmen, aus der einmal meine Geschichten werden sollen. Das Diarium ist demnach mein Kochbuch. Oder der Schöpflöffel? Swoosh-swoosh, danke sagt der Koch.

      Löschen
    2. Dann mag ich offenbar kleingeschnitten und ungeordnet. Schöpflöffel, ja, die sind gut. Man sollte einen selbstgeschnitzten haben, das habe ich sogar vorhin beim Essen noch zu Michael gesagt. Da glimmt neben der Rubrik I took books doch gleich eine neue auf, nämlich: I took cooks.

      Löschen
    3. Ich melde mich freiweillig für I took crooks!

      Löschen
    4. Gaunergeschichten als Flash Fiction. Immer gut :)

      Löschen
    5. ich hätte auch einige Drabbles auf Lager, die entsprechen würden (heutzutagee schreibe ich ja sowas nicht mehr)...

      -----------------------------------------

      „Was habe ich gerade gesagt?“
      „Das andere, verdammt nochmal!“
      …….
      „Und, Louie, tu dir selber einen Gefallen und denk nicht darüber nach!. Du bist nicht geschaffen zum Denken! Mann, ehrlich jetzt, du kannst froh sein, dass du dir deine Schuhe binden kannst.“
      ….
      „Das Ende, genau!“
      „Gut, nun heb es langsam an.“
      „Langsamer, du dummes Stück Hundescheiße!“
      ….
      „Durch die Tür da…“
      „Rückwärts, du Vollidiot, du musst rückwärts gehen!“

      „Du, Boss….?“
      „Jetzt nicht, Louie…“
      „Aber Boss…..“
      „Du hast mir den gleichen Scheiß jetzt hundert Mal erzählt Louie!“
      ….
      „Aber ich trage das erste Mal einen Teppich ohne Leiche darin!“

      Löschen
  2. "Scavenges" können auch "Verbindungen" sein, durch die ein Austausch möglich ist. Je nachdem, wie du das Wort im Gefüge verwendest, ändert es seine martialische Bedeutung in etwas technisches, lässt sich aber auch als "Übernahme" ausdeutschen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist schön. Scavengers sind demnach jene, die Verbindung zu denen suchen, die sich Übernommen haben.

      Löschen
    2. Wobei wir wieder beim Plündern wären: Jeder, der seinen Besitz nicht schützen kann, wird befallen.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Schellack

Sprecher: Michael Perkampus / Claudia Maulwurf / Fafnir Fiedler

»Auch ich möchte wissen, wer Sie sind« sagte sie. Ich ließ sie stehen und ging nach nebenan. Kurz darauf kam sie herein, erschüttert ob meines Verschwindens, aber ich zuckte mit den Schultern, als ich sie so schüchtern stehen sah, das Licht aus dem Nebenraum über ihre Schultern geworfen. Dieses Licht beleuchtete nichts und nahm ihr für einen Augenblick die Ziselierung aus dem Gesicht. »Was tun wir nun? Was fangen wir an?«
»Wir hören uns ein paar Aufnahmen an - Tonband, oder besser: das gute alte Schellack!«
»Die Läuse?« Ihre Augen traten ins Dunkel.
»Ja. Gibt es nicht mehr. Die Platten sind schwer, schmerzen aber wundervoll, wenn man sie auflegt.«
»Sie tun so, als würde ausgerechnet ich Ihnen zuhören.«
»Ich weiß.« Ich fühlte mich ertappt, doch dem durfte man keine Träne nachweinen. Sie stand noch immer im Türfutter. »Schließen Sie doch die Tür, wenn Sie noch etwas bleiben wollen!«
Sie schloß und schloß. "Dann ist di…

Wir hatten ja nur ein Pausenbrot...

während wir losmampften, weil wir wussten, es würde eine Weile dauern, bis wir uns an die neuen Umstände gewöhnt hatten. Da waren zu viele Dinge zu tun, eine Krise zu überstehen, das Phantastikon nicht absaufen lassen, die Miskatonic Avenue in Bahnen lenken.
Doch jetzt sind wir wieder nach Haus gekehrt und fürderhin auch dort wieder präsent.

Schneidering - Die Veranda im Schatten moribunder Texte.

Pure Freude

Um kurz vor Zehn hat es geklingelt. Wie immer ist Carl wie ein gescheuchter Hahn aufgesprungen. Seele pur, wie sie sich unmittelbar zeigt, ist ihr niemals ein Fell gewachsen. Es war die Post, die uns eine Rolle mit Schätzen aus Österreich übergab. Anbei lag ein lieber Brief von Erik, der von Liberatore Illustrator als Bote auserkoren wurde mir eine Zeichnung und zwei ASH Comic-Ausgaben zukommen zu lassen, da wir es nicht zu dem Wiener Treffen geschafft haben. Er selbst hat auch ein Bild und zwei Ausgaben, die er mit Text und Bild gestaltet hat, dazugelegt. Ein Geschenk von ihm an uns beide. Und so haben wir uns auch verhalten, wie Kinder unterm Weihnachtsbaum.




Liberatore und Erik sind absolut starke Zeichner. Und wir können es immer wieder kaum fassen, dass diese beiden nun mit uns zusammenarbeiten und wir mit ihnen. Dafür haben wir besonders Doc Nachtstrom zu danken, dem Captain Fantastic des Äthers.


Für beide Zeichnungen werden wir Rahmen kaufen. Sie erhalten ihren Platz in unserem…