Donnerstag, 23. Februar 2017

Thorstag Dreiundzwanzigster Hornung Siebzehn

Ich liege dann eines Tages da, und mit mir vergangen ist das, was ich geschrieben habe. Man kann seine Seele nicht mehr nachträglich korrigieren, und die eigenen Sätze sind dann ohne Geist, unterschrieben von einem bloßen Namen, der keine Bedeutung hat. So muss es dem Demiurgen ergangen sein, als er die Welt schrieb und dann starb, bevor er sein Werk so gestalten konnte, dass es als erträglich angenommen werden kann. Meine angenommene Hinterlassenschaft ist mir eigentlich gar nicht recht, denn die Gedanken, die ich einst pflegte, sind doch sehr von mir abhängig; mein Sehen besteht für sich. Gehe ich auf die Straße, beginnt ein frivoles Spiel: Ich nehme meine Besorgungen, lege sie auf das Band und sehe, wie die Hülle - etwa der Butter - von der Kassiererin berührt wird. Ich nehme Fingerabdrücke fremder Menschen mit nach Hause. Früher schnitt man sich Locken von den Liebsten, rahmte einen Brief (wie ich einen von Friederike Mayröcker) und trat mit den Dichtern wirklich guter Bücher, die heute niemand mehr schreibt, in ein Zwiegespräch, indem man deren Gedanken lesend wiederholte. Vielleicht gerät man während einer Abschweifung in dieselben Gründe. Man liest die Dichter nicht, weil sie außergewöhnlich waren, sondern sucht nach dem Gleichnis, dem Bruder.

Freitag, 17. Februar 2017

Sonnabend Siebzehnter Hornung Siebzehn

In uns scheint immer auch der Andere gespeichert zu sein (so seine Form, so seine Gesänge), dem wir kaum zuerkennen können, nichts mit uns zu tun zu haben als die condicio humana, eine Ähnlichkeit, die ständig variiert, sich aber niemals gleich gestalten wird, sollte die Sehnsucht danach auch noch so groß sein. So trügt uns stets das Bild, weil wir uns über uns selbst schon irren. Wir irren uns jedoch nicht, wenn wir an allem Zweifeln - und vor allem an unserem Verstand.

Das Außergewöhnliche ist das Ideal.

Ich denke an einen Menschen und bilde mir ein, wie er in mir in einer bestimmten Form tätig ist. So nämlich sehe ich ihn, wie er leidet an meiner Unzulänglichkeit, einer von mir ausgelösten Welle; mich gekannt zu haben, bedeutet, einer dunklen Stelle nahe gewesen zu sein, von der man nichts wusste.

Samstag, 11. Februar 2017

Gut Tisch will Weile haben

Gut Tisch will Weile haben. In meiner Klause gibt es zwar einen Tisch, aber den benötige ich für die Büroschreibmaschine, meine Zettel, Ablagen, Typoskripte. Anfangs ging ich dazu über, zum Essen alles wieder abzuräumen, aber das brachte mir entsetzliche Gemütszustände bei. Und irgendwann ging das dann nicht mehr, es wurde auf dem Boden gegessen. Näher am Ursprung vielleicht, die Erde fühlen; aber ich befinde mich nicht auf festgetanztem Lehm, sondern auf einem Plastikbelag, der durch seine Muster Holz simuliert. Überhaupt wird heutzutage alles simuliert, wir leben mit Kopien von Kopien, kaufen lackierten Müll, genähten Müll, essen Müll aus Dosen oder Biomüll. Und wenn nicht Müll, dann wie gesagt, Simulation. Auf dem Flohmarkt, der in der Halle auf dem Viehmarkt alle zwei Samstage im Monat vonstatten geht, blickte ich zumindest hier und da auf einen Stand, der fragmentarisch echtes Equipment anbot, aus einer Zeit zusammengetragen, die nicht auf Simulation basierte. Ich aber benötigte einen Klapptisch, etwas, das manche Menschen vor ihrem Wohnwagen postieren - oder eben in der Viehhalle, um Nippes abzulegen. Angeboten wurden solche Gestelle ja nicht, ich aber hatte das Glück, dass mir ein Trödler begegnete, der mir seine Unterlage nur zu bereitwillig verscherbelte. Man fühlt sich mehr als Mensch, wenn man nicht wie ein Käfer auf dem Boden herumkrabbeln muss, während Tonnen von Büchern links und rechts wahre Schluchten bilden.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Automate

Es ist keineswegs so, dass die Zeit schneller vergeht; beschleunigt sind nur die Informationen, die in den verstreichenden Sekunden lauern; sie teilen sich mit dem Unrat den Platz und wirbeln sinnlose Masse neu auf.
Gestern rief mich ein Automat an. Da ich nie ans Telefon gehe, sagte mein Automat etwas zum anderen Automaten. Mein Automat sagte: Der Dichter geht nie ans Telefon, aber wenn es sich um etwas handelt, das ihn interessiert, meldet er sich, gesetzt natürlich, es wird eine Nachricht hinterlassen. Der andere Automat sagte dann, dass irgendwas mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen wolle. Vielleicht, so denke ich, war es ein Huhn, das ich seit langer Zeit schon verdaut habe. Die modere Technik gibt ihm eine Stimme, denn die Stimme des Huhns habe ich nicht verdaut. Sie ist also noch da.  Ich habe die Nachricht gelöscht (sonst hätte ich die Nummer veröffentlichen können).

Montag, 6. Februar 2017

Mondtag Sechster Hornung Siebzehn

Zu keiner Zeit hat sich die schreibende Zunft und der allgemeine Glaube weniger an der wissenschaftlichen Erkenntnis orientiert, als das Heute der Fall ist. Man ist's zufrieden damit, dass Newton und Einstein ihnen die Welt erklärt hat, und dass Freud ein wenig Licht ins Bettnässertum gebracht hat, ist wohl auch nicht schlecht. Die Welt indes ist eine andere.

8.15

Zweite Stromschlag=Einheit für die immer noch elaborierende linke Schulter nicht wahrgenommen.

Gestern noch...

Etwas fremdartigeres wie Schumann habe ich nie vernommen, und das sogar noch für heutige Verhältnisse. Aber gleichzeitig scheint mir diese Fremdartigkeit durchaus vertraut. Es ist die Zerrissenheit, die ich verstehe, die harmonischen Kühnheiten, mit denen er alle Formgerüste sprengt. In Schumanns Klavierwerken fällt die Wirklichkeit auseinander, hier gibt es kein Gleichgewicht der Kräfte, hier wird das Komplexe des Traumhaften zum allesbeherrschenden Nachklang.

Sonntag, 5. Februar 2017

Sonnentag Fünfter Hornung Siebzehn

Ich glaube nicht an den Aberglauben, so also bin ich der Meinung, dass es ihn gar nicht gibt. Statt nämlich davon auszugehen, dass der A. wissenschaftlich unbegründet sei und nicht dem erreichten Kenntnisstand der Gesellschaft entspräche (was an und für sich stimmt, weil dieser "erreichte Kenntnisstand" Wissen eliminiert, das nie wieder gewonnen werden kann), ist aus dem A. sehr gut eine Landkarte zu erstellen, die uns alles über die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt sagen kann.

Der gestrige Nachmittagsschlaf, den ich dazu nutzte, mit meinem Eldervater im Traum zu sprechen, brachte mir das Walditalien ein. Das dritte Kapitel ohnedies.

Donnerstag, 2. Februar 2017

Thorstag Zweiter Hornung Siebzehn

07.39

Früh raus weil zum Medicus. Noch schnell die Ruinen von Athen, Kaffee, Haferflocken.
Das "Deutsche Buch" Tag 11. Über eine Gassenbestattungs-Szene.

09.11

Also ausgemacht, dass ich für die linke Schulter acht Reizstrom-Sitzungen erhalte. Katzenfenster : keine Katze.

15.43

Heute kann man sich nur schwer in eine Gönnerschaft hinein ziemen als "Dichter, der Ihnen vielleicht gefällt". Weil man eben kein Bild hat, das sich an die Wand flackt und auf Gehör und Geheiß bestaunt werden kann als eine Vision an Farbe. Nur eine besondere Form der Wahrnehmung, die sich auf dem Papier verdichtet. Und da kein Sterbenswort mehr für sich rühmt, unsterblich zu werden, bleibt der gehobene Geldrachen aus.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Gaunstag Erster Hornung Siebzehn

Noch gestern zur Nacht hinunter zur Iller, um ihr Rauschen fasslich zu machen. Da war auch gleichzeitig der Schauplatz des Brücken-Parts der Gespenstersuite noch einmal einzusehen, nachthimmelbeschienen.

Das "Deutsche Buch" Tag 10
Notate über Schiller und Schumann. Letzterer war nicht abzusehen und hat sich wie ein Geist in die Überlegungen geschoben.

09.32

Nun aber noch einen Amtsgang, ein Ding also, dass mich viel kostet, weil ich nicht weiß, wie mit solchen Leuten zu reden ist. Meist besitzen diese Menschen wenig bis gar keine Bildung, sind aber in der Position des Stromsparknopfes auf einer Steckdosenleiste. Man kommt also nicht umhin, auch ihnen eine gewisse Freundlichkeit zukommen zu lassen, solange das umgekehrt auch gilt. Meistens ist es hier in Kempten allerdings so. Man profitiert von einer Kuh-Mentalität, wandert durchs Immergrün.

11.01

Was Fliege ist wird endlich gut.