20.10.17

Holz

Daphne B. 



alias 


Papagena



Eine aus dem Comicversum Erschienene, die sich von mir auf einer Insel - zirka 3000 km von Kempten entfernt - ablichten ließ.

(Idee: Ein Comic nur aus Schattenbildern bestehend, ähnlich dem Chinesischen Schattentheater.)

18.10.17

Der Horcher



Die neuen Tage beginnen nicht so wie die alten enden.
Jemand hat das Interieur verändert, die Kabelage ist
Durch fremde Mauern gezogen, die Venuslampe scheint.
Über unzählige Stufen gepoltert trifft derjenige ein,
Den sie den Horcher nennen. Er steigt aus der Fassade,
Die ihn wie mit einem Fahrstuhl nach oben brachte.

Geweihe zeigen nach Norden, was die natürliche Ansicht unterstreicht.
Zu Boden, sondern in ein dafür installiertes Sicherungsgitter.
Geflohen sind wir längst, nur scheint uns jetzt
Zusätzlich die Sonne ins Gesicht, was die Arbeit sichtlich erschwert.

Die Sätze sind abhängig von den großen Laternen, pausenlos
Ausgespuckte Routine wäre ein Wort dafür, das der Horcher verwendet
                                                                                                  hätte.
Ohne Gefühl der Zweckbindung an den Türen vorbeigehen,
Die atmosphärischen Störungen von jenem Weizen zu trennen,
Das nicht in ein Brot fährt, die zarten Verwehungen anzuerkennen,

Ohne Gegenwehr, ohne einen Wimpernschlag in Anspruch zu nehmen.
Selten haben wir unsere Tage wie vorgesehen verbracht,
Ungesehen, Staubteufel auf einem Friedhof in der Nacht.


15.10.17

(SSB 01) Dort beim Hexenkraut

am end ists doch ein bloszes possenspiel, das nachtgespenster sich in unserm schädel machen. (Oberon)

Die Imago, die Erinnerung, das Phantasma – sind für den Menschen nicht nur nicht minder wirklich als die ›wirklichen Verhältnisse‹, sie sind zugleich beweglicher, transportabler, schneller und können ihn deshalb in der Zeit vor und zurück versetzen. Phantasie und Gedächtnis sind Vision und Erinnerung. Diese können die Wirklichkeit ersetzen.

Erst im Angesicht des Phantastischen, wenn die Vernunft ihre Kontrollmacht verliert, vermag sich die tiefste Empfindung des Seins zu äußern, eine Empfindung, die im Rahmen der ›wirklichen Welt‹ nicht hervortreten kann und die keinen anderen Ausweg findet, als den ewigen Reiz der Symbole und der Mythen zu erliegen.

Die Neigung, zu experimentieren, ist der Reiz, das Unbedeutende, Verkehrte und Richtige mit Aufmerksamkeit zu betrachten, darüber hin und her zu denken, wie es, anders gestellt, geändert, verkürzt und vermehrt etwas Besseres werden könnte.

: daß man in der Veränderung steht,
daß man in der Veränderung
sich selbst nicht verändert.
Gestreift wird vom Verfall,
andere verfallen und man selbst.
Aber es sind nur Kleider,
man hat eines ausgezogen, darüber hinaus ändert sich nichts. 
Aus einem Ballon
tranken wir Würze, wir tranken
das Leben in einem einzigen Zug, installierten
unsere Vergangenheit in dieser Gegenwart, für immer
ein Gemälde auf Erde,
Land, Zeit.

Dort beim Hexenkraut


...unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr faßt, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden – der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterläßt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang, ich kannte auch die Farbe meiner Augen, insofern sei gesagt, daß ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen und sie beträte mich durch meine Poren, doch –

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Sonne. Die Waldlaubsänger sib-sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Do lunch or be lunch.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns. Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will.

Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den explodierenden Farben. In dieser Zeit, einer Zeit, an die wir jetzt denken, tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schloßstraße und kehren lallend zurück. Achtet auf den Widder! Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flußbett, im Nebel schwanken Gliedmaßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore geschlossen. Achtet auf den Widder! Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Für die anderen ist es heute ohne Bedeutung, ich aber glaube, daß wir uns selbst dort lachen hörten. Vielleicht war einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, an den Anfang zu setzen, denn einmal mußten wir einen Abdruck hinterlassen haben, der sich zu einem Spuk manifestierte. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wie täuscht uns das Leben, wenn neben der strauchigen, süßen Himbeere der Kadaver eines Eichhörnchens liegt, wenn schnurrend die Katze im Stroh auf ihren Mäuseleichen thront. Wie täuscht uns das Leben, weil wir uns gerne täuschen lassen. Vergessen ist der große Sturm des letzten Winters, der doch so viel von der Ruhe der Ansässigen gefressen hat. Wenn sie sich daran erinnern, tun sie das mit einem Schaudern. Gerüchte werden zu beglaubigten Geschichten, die mit eigenen sonderbaren Erfahrungen ausgeschmückt den Abend retten können; und Sonderbares hat hier jeder schon erlebt.

Waldphantastisch eingebrünnt : die Lichtung, die in ihrer Mitte zaudert, wegen des Jagdsterns, bei dem im Verlauf mehrere Tage das Wild dem auf freier Fläche aufgebauten Laufft zugetrieben und mit neu gespannten Netzen und Feuern am Entweichen gehindert wird. Beim abschließenden Abjagen wird das Wild in den Laufft hinein getrieben, in dessen Mitte die fürstliche Jagdgesellschaft auf ihre Beute wartet. Von den Baumheeren keine Gefahr, wohl aber von dem, was zwischen den Schatten geht. Ein Reh, aus baldiger Nacht verirrt, mit Schnupperpranken, Durst im braunen Fell, will den Tau von Halmen lecken und sieht sich – schon erschossen – um. Das Blei zerfetzt den schönen Athletenhals und wirbelt warmes Blut auf die erlahmten Wimpern. Unter den Schuhen des heranquatschenden Hubertus wird es finster und naß und schwer und eulenklamm. Der Herbst hält seinen Atem an, kurz bleibt die Stille haften, bleibt verlockend tot.

Sefchen, altes, geiles, rotes, dreckiges Sefchen; tanz du doch noch einmal um den Galgenbaum, tanz du doch noch einmal den Staub auf, Gewitter deiner Knöchelchen, Sohlen, Fersen, tanz du doch noch einmal ›Rock hoch‹, zeig, wo die Seife endete! Der Ruf durch den Nebel von Krähen beheizt, verschlungen führt der Weg vorbei an den knatschenden Eichen, an gekrüppelten Ästen, an der gesammelten Pest der Altstraße. Wind wurmt über die Teiche, die Flüsse – des Scharfrichters Tochter ist schön wie jede Gespielin des Verderbens. Wer sie tanzen sieht, wird je zurückkehren, rasten am gemiedenen Ort, seinen Blick über den Alraunenacker schicken. Es kommt mir so vor, als befände sich das Fegefeuer nicht weit, als ginge ich durch Niemandsland, als warte dahinter der Erdschlund, gurgelndes Magma!

11.10.17

Changiere das rechte Ding

Fortschritt ist zunehmende Entropie; Veränderung, die nicht eigentlich den Fortschritt bezeichnet, sowieso. Genau genommen gibt es einen Fortschritt nicht, er bezieht sich nur auf zwanghaftes Verhalten. Veränderung hingegen kann ein notwendiger Umstand sein. Mit ihr ist gemeint, die Dinge willentlich in einen anderen Zustand zu überführen, denn Veränderung ist sekündlich, demnach nicht der Rede wert. Zwei große Zeitparzellen verzeichne ich : Das Fichtelgebirge der Abkunft; Das Allgäu des Bauern. Unterbrochen sind diese Zeitparzellen durch unablässiges Reisen und Stolpern, sowie mein Leben in der Schweiz. Ein kurzes Aufbegehren, das mich nicht Fuß (und Knöchel) fassen ließ, so sehr ich es auch versuchte. Daß ich je nur meine Ruhe wollte, um schreiben zu können, ist dem Erringen um jeden Preis zuzurechnen, ein wahrer Wettkampf mit den Unbilden einer im Grunde menschenverachtenden und seelenvernichtenden Gesellschaftsform. Nun, ich nehme das zur Kenntnis und setze meinen Weg fort. Sinnlos, nonkonform, aber unablässig. Standin' at the crossroad, tried to flag a ride. Didn't nobody seem to know me, babe, everybody pass me by. Betwixt and Between.

10.10.17

Stehende Knospen


Albera Anders; Öl auf Papier, 2009

Fortan schlüpften unsere Blüten den Minnesängern gleich aus ihren durchsichtigen, einsichtigen Welten. Der bestäubte Garn vieler Stunden wies ihnen den Weg durch den Kräuterfarn am Teich der irritierenden Gespinste, die mit den Butterfliegen rangen. Von den sanften Teilen ein Teil : das war ihr Begehr; und so drängten sie sich um das Seeufer herum, öffneten ihre Menuette (selbstverständlich im Dreivierteltakt) und zeugten in den Lüften von sich selbst und ihrem artistischen Flappern, der nahen Spule verwandt, nicht aber zu verwechseln mit den Tropfen, die sich vom endlos brausenden Mühlrad trennen. Besagter See ist ein gewisses Heute; unsere Blüten aber sind zeitlos, ein Mantel aus Flügelschlägen sorgt hierfür, genährt von Wiesenträumen. Die Kapriolen der Zinnober-Bürsten erklimmen ihre Wandten, vertanzen mit den Blüten einen gewissen Sommernachmittag. Wir werden uns den Schirm etwas kosten lassen, der uns während des Schauspiels ermöglicht, geschützt und sahnig eingeölt, das Okular auf die richtige Schärfe einzustellen.

Darstellung No. 3 
Bild und Zauber: Albera Anders
Text und Traum: Michael Perkampus

09.10.17

Neunter Gilbhart, Viehmarkt

In erster Linie mochte ich es gar nicht glauben. So leicht wäre es über die Jahre bereits gewesen, die Reiseschreibmaschinen gegen eine zünftige Büromaschine (ein Arbeitspferd) einzutauschen. Ich hätte wohl nicht eine derartige Leidensstrecke zurücklegen müssen. Die Monikas waren mir aufgrund ihrer Robustheit bereits mehr an die Finger gewachsen als die anderen, dennoch gab es Makel, über die ich immer wieder berichtete. Jetzt ist der Koloss Olympia SG vor Ort, eingeritten und für tragfähig befunden. Zudem habe ich, sollte einmal etwas im Argen liegen, einen Mechaniker dazugewonnen, der auch mein zukünftiges Schreiben mit der Maschine gewährleisten kann. Drama beendet? Es sieht leicht danach aus.


Man mag sich fragen, was ich auf dem Allgäuer Viehmarkt zu suchen habe. Die Antwort ist sensationell einfach : mich nach dem Preis für eine 29-Liter-Kuh erkundigen. Der Preis liegt derzeit bei 1100 Euro, was natürlich dem niederträchtigen Milchpreis geschuldet ist. Man möchte fast sagen : jetzt Kuh oder nie Kuh ! Die Maße meiner Klause liegen bei rund 34 Quadratmeter, der Balkon ist zu schwach auf der Brust (aber ich könnte mit einem Rollwägelchen für Kfz-Mechaniker zum Melken rollen, wenn ich die Balkonschwelle wegreiße...) alles Überlegungen, die man sich machen muß.


08.10.17

NachtSichtGerät




ich könnte einen gebrauchen, der
          jetzt
die Strippe zieht
verschwunden ist dann das
und auch das
        Sondermodelle                                               ginge vorbei
ginge ganz einfach vorbei
Nacht.Sicht.Gerät.

   : so was von der Welt erfahren
   so was von ihr hören müssen,
         also daß die da draußen blödsinnig sind
   weiß man ja
         daß die hier einfach auf dem Planeten
damit können Sie                abgelegt wurden
einen Tag erleben (mal schau‘n was aus Ihnen wird)         Als Köche
wie er                                  verkleidete Polizisten
wirklich ist                          und die fickten dann sagen wir mal
die Viecher, die da rumstreunten
der Mensch sage ich ist aus Sodomie geworden

der Mensch sage ich


07.10.17

Ingrimm (Senkfell)




Information: Bis zum "Gesang des Knochenmanns" sind die Stereokanäle aufgespreizt.

Das Tribunal zu Wilem

So war es nicht erstaunlich, daß ein Riese mich vor die Tür setzen wollte. Energie war er, sonst nichts, unhaltbar groß, erschienen aus dem Nichts, durch Gedanken in die Materie gezwungen. Nun erbat ich mir aus, mich noch ankleiden zu dürfen, denn der Anstand gebietet Kleidung. Noch während ich mich bemühte, alle Kluft zusammenzurühren, um hineinsteigen zu können, erschien - ebenfalls aus dem Nichts - mein eigenes Energiespektrum, klingelte aber wohl an der Eingangstür, denn von dort aus hörte ich einigen Tumult. War es verwunderlich, daß zu meiner Verteidigung ausgerechnet ein Renommist erschienen war? Der freilich, denn er kam ja aus meinem eigenen Dunstkreis, man frage nicht, wie, war mir, obwohl ich ihn als relativ machtlos gegenüber der anderen Partei entlarvte, war mir kein bloßer Unsympath; abgesehen davon hatte ich nichts anderes aufzubieten. Durch sein Auftauchen war die Angelegenheit nicht mehr so einfach und schnell durchzusetzen, was meinem Energieverteidiger dann doch anzurechnen war. Es sollte zu einem Tribunal kommen, was mehr war, als ich erwarten konnte, und das mich gleichzeitig erstaunte. Zielort: Wilem; ein Zimmer dort, wie tausend andere Zimmer. Immer mehr Menschen drängten herein: Anwälte, Stenotypistinnen, solche und solche, deren Funktion gar nicht auszumachen war. Ich würde verlieren, mit Verzögerung zwar, aber verlieren würde ich. Oder auch nicht, denn ich hatte eine Verbündete, die zu erreichen das ganze Bestreben meiner Traumreise war.

06.10.17

Von der Lab zu Tale


Albera Anders; Mischtechnik, Acryl und Öl, 2009

So der schneeweiße Stier zu den Blättern aus Thule:

Ich sagte noch, ich singe nie die Lieder meiner Ahnen. Doch hören wollte keiner, und klamm in meiner Brust mein Donnerherz, ihr kennt es wohl - und flieht, wenn ihr es lauscht. Durch Berge breche, durch Täler ich, durch Steppen gleite, durch Weite ich, und hufe empor und stauche in Wut das Gebirg' zu einem Talisman. Es waren keine Tore mir verschlossen: ich rannte sie ein mit dem Lachen der Gespenster und eroberte mich selbst. Ich diktiere, in deine Kammer dringend, dir die Wege, die ich kam.

So die Handschrift aus Thule zu  dem schneeweißen Stier:

Du hast mich gefunden, nicht gesucht, du hast mich gerufen in feurigen Träumen. Ich nehme dein kostbares Blut in meine Seiten hinein, sickerst du in die ruhmvolle Reihe hinab, wird dich das Leben nie mehr durch die Welten jagen, verschwimmst du nur auf meiner Fläche, so fürchte meine Tiefe!

Darstellung No. 2
Bild und Zauber: Albera Anders
Text und Duktus: Michael Perkampus

05.10.17

From Hell

Jack the Ripper verfolgt mich seit Jahrzehnten und markierte eine Zeit lang den Schwerpunkt meiner Forschungen (kurz nachdem ich das Faust-Thema beiseite gelegt hatte). Warum ich nie beabsichtigte, einen Roman über das Thema zu schreiben, liegt auf der Hand: Das war bereits in mehreren Fällen mehr oder weniger erfolgreich geschehen, nie aber so, dass man von interessanter Literatur sprechen konnte. Die Spurensuche war da weitaus ergiebiger. So arbeitete ich mich im Laufe der Jahre durch nahezu alle erhältlichen medialen, wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Bücher. 2014 mündete meine Lust am Mythos in der Teilname an der Jack-the-Ripper-Tour in London. Die Londoner selbst betrachten das touristische Interesse eher als einen Makel, und zugegeben, es gibt eine Menge solcher Touren, die das Thema bis zum Letzten ausreizen. Für mich war der "Spaß" über den angenehmen Schauer hinaus durchaus erhellend.
Alan Moore ist als Engländer natürlich mit dem Mythos aufgewachsen, der gar keiner wäre, wenn die Morde nach den "kanonischen Fünf" nicht einfach aufgehört hätten, oder/und man den Täter irgendwann einmal geschnappt hätte. Doch der Fall war weitaus monströser, als man zunächst annahm, wie man heute weiß.

Wie dem auch sei, sparte ich das in dieser Richtung einzige literarische Meisterwerk (wohl aller Zeiten) bisher aus: From Hell, von Alan Moore und Eddie Campbell. Heute ist das 600-Seiten-Drama angekommen. Einen detaillierten Bericht werde ich nach Fertigstellung der Lektüre dem Phantastikon zur Verfügung stellen.

Der surreale Tombstone Blues

Bob Dylan als Meister der Sprache ist natürlich genau aus diesem Grunde auch ein Meister des Surrealen. Für viele seiner herausragenden Gedichte braucht er nur drei Grundakkorde, um zu tun, was ein Dichter zu tun hat: Sprache zum Klingen bringen. Sehen wir uns folgenden Satz an: “The reincarnation of Paul Revere’s horse”. (dt.: "Die Wiedergeburt von Paul Reverses Pferd"). Selbstverständlich benötigt man, um Dylans Texte einigermaßen richtig zu interpretieren, viele Grundkenntnisse, die eine gewöhnliche Wissensbasis oft bei Weitem verlassen. Für das Verständnis dieser Zeile z.B. ist es von Vorteil, zu wissen, daß Paul Revere ein Held des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges war. Seinen Ruhm erlangte er durch seinen legendären Ritt, der ihm ermöglichte, die Amerikanischen Streitkräfte von der Ankunft der Briten zu unterrichten. Longfellow schrieb das Gedicht "Paul Reverse's Ride" und in den Staaten gilt die Frage nach dem Namen von Reveres Pferd als ein Running Gag und wird gerne als Metapher für "keiner weiß es" herangezogen. Fest steht nur, daß das Pferd, das er ritt, nicht sein eigenes war. Die Geschichte ist selbstverständlich eine romantische und es gab eine Zeit, da war sie bei Kindern sehr beliebt, die naturgemäß auf spektakuläre Heldengeschichten reagieren. Dylan versucht hier die Atmosphäre dieser Geschichte mithilfe einer ausgelassenen, lebhaften musikalischen Begleitung zu bewahren. Wie viele gute Texte erscheint dieser hier wie Gaukelei - dem einfachen Verständnis unzugänglich.

The sweet pretty things are in bed now of course
The city fathers they’re trying to endorse
The reincarnation of Paul Revere’s horse
But the town has no need to be nervous

(All die hübschen Dinger befinden sich selbstverständlich schon im Bett
Die Stadtväter versuchen sich an der Unterstützung
der Wiedergeburt von Paul Reveres Pferd zu beteiligen
Aber die Stadt muß sich hiervon nicht beunruhigen lassen)

Das Symbol der Reinkarnation ist das der Wiederkehr, der Wiederholung, der Notwendigkeit, auf eine bewährte Quelle zurückzugreifen, aber warum die Stadt sich davon nicht beunruhigen lassen sollte, ist dunkel. Bezieht sich das auf die Kunde der Überlegenheit der Britischen Armee? Oder gelingt die Wiederbelebung etwa am Ende nicht?

The ghost of Belle Starr she hands down her wits
To Jezebel the nun she violently knits

(Belle Starrs Geist gibt ihren scharfen Verstand an Jezebel
die Nonne weiter, die sie dadurch gewaltsam an sich bindet)

Belle Starr war eine der berüchtigsten Banditinnen des Wilden Westens, die einen sehr exzentrischen Lebensstil pflegte. Jezebel war die Frau Ahabs, König von Nordisrael. Der Begriff "Jezebel" hat seine Bedeutung für "eine boshafte, heimtückische Frau" bis heute behalten. Die Bezeichnung als "Jezebel" zog man in den 60er Jahren auch gerne für sexuelle Promiskuität heran. Ihre Bezeichnung als Nonne ist ein Link auf das Frauenbild der 50er Jahre, in denen der Frau die Rolle der Bewahrerin aufgehalst wurde. Allein diese beiden Zeilen reißen Welten auf, die sehr präzise aufzeigen, wie sehr Dylan Symbole verknüpft, die in ihrer Tragweite gar nicht auf Anhieb erschlossen werden können.

A bald wig for Jack the Ripper who sits
At the head of the chamber of commerce

(Eine kahle Perücke für Jack the Ripper, der
in der Wirtschaftskammer ganz oben sitzt)

In dieser Strophe taucht der dritte "zweifelhafte" Charakter mit Jack the Ripper auf. Es ist nicht schwer zu interpretieren, daß es in der Wirtschaft immer schon um Opfer ging, die in der unteren Schicht zu finden sind, daß es aus Sicht der Wirtschaft keine Menschen gibt, sondern nur eine Art abstraktes Vieh mit Geldeuter. Verelendung und Verderbnis sind das Handwerkszeug der Unternehmen. Das ist heute, wo es um die totale Entmenschlichung in allen Belangen geht, sogar noch viel besser zu deuten als damals. Nur ist heute jeglicher Protest niedergeworfen, die 60er hatten zumindest diesbezüglich Charakter. Das Vieh steht bereit, es will und es wird geschlachtet werden. Mörder sind sie alle, aber nur der König der Mörder kann in der Wirtschaft ganz oben sitzen.

Mama’s in the factory, she ain’t got no shoes
Daddy’s in the alley, he’s looking for the fuse
I’m in the kitchen with the tombstone blues

(Mama ist in der Fabrik, sie besitzt keine Schuhe
Papa ist in der Gasse unterwegs und sucht nach der Sicherung
Ich bin in der Küche mit dem Tombstone (Grabmal) Blues)

Das hört sich in der Übersetzung zugegebenermaßen recht bescheuert an, und das funktioniert auch nur im Englischen: Worte, die dem Rhythmus geschuldet sind, die sich aus ihm ergeben und darüber hinaus keine Bedeutung zu haben scheinen. Feiner gelöst müßte die Übersetzung natürlich auch ein wenig mehr dichterisches Element enthalten:

Mutter kraucht schuhlos in der Fabrik herum
und Vater sucht die Gosse nach der Sicherung ab
ich träume in der Küche mit dem Grabstein-Traum

Der ganze Song ist an sich grotesk-humorvoll, nur einen Schritt von der völligen Verrücktheit entfernt. Er ist surreal und ohne Bezug, es geht nur um Wortspiele. Gleichzeitig ist er tiefgreifend, aber bedeutungslos. Er ist schmissig, wirft historische Fragmente in die Luft, um zu sehen, was sich daraus ergibt, wenn alles wieder herunterkommt.

The hysterical bride in the penny arcade
Screaming, she moans, “I’ve just been made”
Then sends out for the doctor who pulls down the shade
Says, “My advice is do not let the boys in”

(Die hysterische Braut in der Spielhalle
schreit lamentierend: "Ich bin erledigt!"
und schickt nach dem Arzt, der die Jalousien herunterläßt
und sagt: "Ich rate dazu, die Jungs nicht hereinzulassen".)

Now, the medicine man comes and he shuffles inside
He walks with a swagger and he says to the bride
"Stop all this weeping, swallow your pride
You will not die, it's not poison"

(Der Medizinmann tritt auf und schlurft herein
Er richtet sich prahlerisch auf und sagt zu der Braut:
"Hör mit der Heulerei auf, schluck' deinen Stolz hinunter,
du wirst nicht sterben, es war kein Gift!")

Natürlich wird man sich fragen, wer diese Leute sind. Wir wissen es nicht. Nur hier und da (wie zu Beginn), bekommen wir Hinweise. Und selbst die Erläuterungen der offiziellen Bob-Dylan-Seite bleiben diesbezüglich dunkel.

Well, John the Baptist after torturing a thief
Looks up at his hero the Commander-in-Chief
Saying, “Tell me great hero, but please make it brief
Is there a hole for me to get sick in?”

(Johannes der Täufer schaut zu seinem Oberbefehlshaber
auf, nachdem er einen Dieb gefoltert hat, sagt:
"Sag mir, großer Held, aber mach es bitte kurz,
gibt es für mich eine Grube, in die ich mich erbrechen kann?")

The Commander-in-Chief answers him while chasing a fly
Saying, "Death to all those who would whimper and cry"
And, dropping a barbell, he points to the sky
Saying, "The sun's not yellow, it's chicken"

(Der Oberbefehlshaber antwortet ihm während er eine Fliege jagt,
sagt: "Tod all jenen, die wimmern und flennen!"
und, eine Hantel niederlegend, deutet er in den Himmel,
sagt. "Die Sonne ist nicht gelb, das ist Hühnchen.")

The king of the Philistines, his soldiers to save
Puts jawbones on their tombstones and flatters their graves
Puts the pied pipers in prison and fattens the slaves
Then sends them out to the jungle

(Der König der Philister bringt, um seine Soldaten zu retten,
Kiefernknochen an ihren Grabsteinen an und schmeichelt ihren Gräbern,
bringt die Rattenfänger ins Gefängnis und mästet die Sklaven,
bevor er sie in den Dschungel hinauschickt)

Gypsy Davey with a blowtorch, he burns out their camps
With his faithful slave Pedro behind him, he tramps
With a fantastic collection of stamps
To win friends and influence his uncle

(Gypsy Davey fackelt ihre Zeltlager mit einem Schweißbrenner ab,
sein treuer Sklave Pedro hält sich dicht hinter ihm, er streift
umher mit einer fantastischen Stempelsammlung,
um Freunde zu gewinnen und seinen Onkel zu beeinflussen)

Gypsy Davey bezieht sich auf das schottische Folkslied "The Raggle Taggle Gypsy" und ist eines der populärsten Kinderlieder des englischsprachigen Raums. Pedro steht für die Minderheiten, die Einwanderer, die Sklaven, die im Krieg zuerst verheizt werden. Meine Übersetzung funktioniert in der letzten Zeile kaum, denn mit den vorangehenden "Stamps" sind die Stempel in den Pässen, und der Onkel, der gemeint ist, ist "Uncle Sam"

Weiter oben haben wir jedoch eine Statement gegen den Vietnam-Krieg: Johannes der Täufer ist ein Symbol für den Amerikanischen Soldaten, der sich als Geburtshelfer für ein "größeres Gutes" sieht, so wie die biblische Gestalt des Johannes den Messias ankündigte.

The geometry of innocence, flesh on the bone
Causes Galileo's math book to get thrown
At Delilah, who's sitting worthlessly alone
But the tears on her cheeks are from laughter

(Die Geometrie der Unschuld, Fleisch auf den Knochen,
war der Auslöser dafür, dass Galileis Mathebuch
nach Delilah geworfen wurde, die nichtsnutzig alleine herumsitzt,
aber die Tränen auf ihren Wangen stammen vom Gelächter)

Dalilah ist wieder eine biblische Figur, die nämlich den als unbezwingbar geltenden Samson verriet.

I wish I could give Brother Bill his great thrill
I would set him in chains at the top of the hill
Then send out for some pillars and Cecil B. DeMille
He could die happily ever after

(Ich wünschte, ich könnte Bruder Bill seinen großen Nervenkitzel
verpassen, ich würde ihn oben auf dem Hügel in Ketten legen,
dann nach einigen Säulen und Cecil B. DeMille schicken lassen,
er könnte sogar heute noch friedlich sterben)

Brother Bill ist Billy the Kid, Cecil B. DeMille war unter anderem der Regisseur der "Zehn Gebote".

Where Ma Rainey and Beethoven once unwrapped their bedroll
Tuba players now rehearse around the flagpole
And the National Bank at a profit sells road maps for the soul
To the old folks' home and the college

(Wo einst Ma Rainey und Beethoven gemeinsam ihren Schlafsack entrollten,
jetzt Tubabläser um den Fahnenmast herum proben
und die Staatsbank mit Gewinn Sraßenkarten für die Seele
an Altersheime und Schulen verkauft)

Ma Rainey, als Mutter des Blues (1868 -  1939) bekannt, war die erste professionelle Sängerin, die den Blues in seiner traditionellen Form bewahrte und gleichzeitig bekannt machte. Ihre hier dargestellte Verbindung mit Beethoven an einem Platz, der jetzt von Tubaspielern belagert wir, ist im Grunde ein Seitenhieb auf die zunehmende Kommerzialisierung der Musik. Interessanterweise hat man das Dylan Mitte der 60er Jahre selbst vorgeworfen, als er sich vom Folk distanzierte, um seinen eigenen künstlerischen Ausdruck zu vervollkommnen.

Now I wish I could write you a melody so plain
That could hold you dear lady from going insane
That could ease you and cool you and cease the pain
Of your useless and pointless knowledge

(Ich hoffe, ich kann dir eine einfache Melodie bieten
die dich, meine liebe, davon abhält, verrückt zu werden,
die dich erleichtert, dich beruhigt und den Schmerz beendet
der durch unser nutz- und sinnloses Wissen entsteht)

04.10.17

Zweifell


Wir haben verwahrt, aufgebahrt und hergerichtet. 
Die Tische. Die Stühle. Auf den Tellern 
die Masken. Die gelösten 
Zungen im Glas. Nun ist dieser Raum 
offenen Mundes 
für immer zu schließen. 

Das Rätsel der Frau 
Herkunft oder Umwelt 

Vor einer roten Wand 
entkleidet sich die Sphinx zweier Felle, kommt näher 
und streift die Haut auf 

Die Tiefe

Schnittmengen


Die Kommunikation ist ein interstellares Lächeln;
Zungenzeichen treiben die Boten in die Irre. Es
Verschwinden die großen Trübsale, die mit
Schweren Trauben behalftert auf der Gegenseite
Eine rechtsdrehende Ausfahrt nutzen. Die Blässe

Wird vom ausstehenden Teint verursacht, einer
Marter, die zu überstehen ist im Gegensatz zur
Syphilis, gegen die man an Schulen geimpft
Wird, die das Leben als etwas kennen, das
Rein zufällig durch den Gärprozeß

Ausgelöst wird, den man in Erlenmeyerkolben
Nach=brodelt. Man häuft etwas Katzengold
An, wenn die Stille überhand zu nehmen
Droht, steckt in die Zigarette einen Nagel,
Der gegen Mangelerscheinungen hilft, spuckt auf den

Boden wie ein Professor, und masturbiert auf
Einem Fahrrad während der Sommermonate.
Alles in allem ist der Wahnsinn ein abgekartetes
Spiel, wo immer die Ampel eine weitere
Möglichkeit bereit hält, den Verkehr zu schockieren.

Truthahnfett rinnt über schlanke Wege, die Fallen
Erhöhen den Einsatz, an Menschenfleisch zu
Gelangen. In der Sänfte ein versteckter Dolch.
Außerhalb der Sonne tropft ein Vulkan in das
Paradies mit den symmetrischen Hörnern unter

Dem Haupthaar. Unter einer verbrannten Amsel
Entsteht ein neues Einkaufszentrum mit Tiefpreisen
Unter Null. Bienen werden beim schwarz=Honigmachen
Erwischt. Ihre Strafe soll sein die unbekannte
Königin. Allerdings hatte die Strecke auch ihr

Gutes, bestand nicht nur aus Kurven und Geraden,
Sondern ebenfalls aus einer Hypotenuse, die sich
Wie eine Krawatte binden ließ. Als du mich vor
Der Kommode entdecktest, war dir anzusehen, daß
Du es auf diese Art tun wolltest, die mich zur

Legende machen würde. Doch bräuchten wir hierfür nicht
Eine Menge Benzin? Meine Taschen waren längst 
Zugenäht und deine hielten dem stürmischen Beifall
Kaum stand. Nur deshalb sprangen wir gemeinsam aus
Dem Fenster auf die Markise des Drachentöters.

Im Nachhinein hätten wir uns die Schuhe binden 
Sollen, vielleicht wären wir dann woanders heraus-
Gekommen. So aber blieb uns der Trost
Des Sommergewitters auf einer Schallplatte.

03.10.17

Eine alte Dame geht aus



Sprecher: Michael Perkampus / Claudia Maulwurf

Manchmal stellte sie das Radio an. Es kam ihr dann so vor, als wäre jemand bei ihr im Raum und spräche sie an. Antworten müßte sie ja nicht, aber sie tat es trotzdem. Oft sagte sie: "Ihnen auch!" Oder: "Das haben Sie wieder einmal fein ausgedrückt!" Sie ging in der ganzen Wohnung umher und betrachtete die Wände, die Figuren auf manchen Regalen, die Teller in der Vitrine. Manchmal gab es im Radio ein Lied, das sie kannte. Das akustische Fenster, das sie davon überzeugte, daß es eine Welt außerhalb ihrer Küche gab. Lange war sie nicht mehr raus gekommen, woher sollte sie also wissen, ob die Straße vor ihrer Haustüre überhaupt noch existierte? Vielleicht war da schon längst eine Autobahn entstanden. Sie hätte televisionieren können, damit kannte sie sich allerdings nicht besonders gut aus; sie wußte nicht, wie man zuschaut, und deshalb gab es für sie nie ein Bild, dem sie hätte folgen können.
Das Radio war die Lebhaftigkeit in Person, darin war die ganze Welt vertreten, sogar das ›Weiße Rauschen‹, das sie sich manchmal ebenfalls einstellte. Und heute - heute wollte sie wieder einmal ausgehen. Dafür hatte sie ihr einziges bestes Kleid im Bügelofen bügeln lassen. Manchmal aber wollte sie Stille. Es kam ihr dann so vor, als sei sie die letzte Überlebende eines großen Irrtums. Dann sagte sie in die Stille hinein: »Ich habe es schließlich gewußt!« Oder: »Es ist schon merkwürdig!« In der Stille hörte sie den Boden an manchen Stellen knarzen. Ab und zu, wenn ihr danach war, küßte sie eine der Wände, anstatt sie nur anzusehen, die Figuren in manchen Regalen. Jetzt aber nahm sie ihr Kleid, zog es an - und auch ihre einzigen besten Schuhe vergaß sie nicht, bevor sie sich ins Bett legte. Im Radio lief ein altes Lied.


02.10.17

Schellack



Sprecher: Michael Perkampus / Claudia Maulwurf / Fafnir Fiedler

»Auch ich möchte wissen, wer Sie sind« sagte sie. Ich ließ sie stehen und ging nach nebenan. Kurz darauf kam sie herein, erschüttert ob meines Verschwindens, aber ich zuckte mit den Schultern, als ich sie so schüchtern stehen sah, das Licht aus dem Nebenraum über ihre Schultern geworfen. Dieses Licht beleuchtete nichts und nahm ihr für einen Augenblick die Ziselierung aus dem Gesicht. »Was tun wir nun? Was fangen wir an?«
»Wir hören uns ein paar Aufnahmen an - Tonband, oder besser: das gute alte Schellack!«
»Die Läuse?« Ihre Augen traten ins Dunkel.
»Ja. Gibt es nicht mehr. Die Platten sind schwer, schmerzen aber wundervoll, wenn man sie auflegt.«
»Sie tun so, als würde ausgerechnet ich Ihnen zuhören.«
»Ich weiß.« Ich fühlte mich ertappt, doch dem durfte man keine Träne nachweinen. Sie stand noch immer im Türfutter. »Schließen Sie doch die Tür, wenn Sie noch etwas bleiben wollen!«
Sie schloß und schloß. "Dann ist die Tür aber für immer geschlossen!"
»Sorgen Sie sich nicht, wir nehmen das Fenster! Allein, dass wir beide diese Atmosphäre teilen - das sehe ich doch richtig? - läßt eine geschlossene Tür alt aussehen.«
»Warum sind Sie vor mir geflüchtet?«
»Sie wollten etwas anderes fragen! Zwingen Sie sich nicht, zu lügen - sagen Sie lieber etwas falsches!«
»Sie meinen, daß ich Sie liebe?«
»Das wäre nicht das erste Mal.«
»Und ich käme auch noch damit zurecht.« Sie lachte kurz auf und setzte sich aufs Bett. Was sie trug, trug sie nur zum Spaß. Es war nicht ihr Stil. Den verbarg sie unter ihrem Mieder. Ich ging zum Grammophon und legte Donegan Lonnie Skiffle unter die Nadel. Rauch stieg auf und sorgte für den Vanillegeruch.
»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir das Licht einschalten? Ich kann Sie gar nicht sehen« sagte sie.
»Sie wagen sehr viel - tanzen Sie mit mir!«
Sie erhob sich raschelnd und lief im Zimmer hin und her, um mich zu finden. Ich blieb still und wartete, bis sie nach all den Gegenständen, die sie umwarf, endlich gegen mich rempelte. Ich griff schnell zu und walkte ihre Arschbacken, preßte ihren Unterleib an meinen. Ihr Atem veränderte sich. Sie beherrschte das Morsen.
Lang, kurz - kurz, kurz - lang, lang - lang, kurz, kurz - lang, kurz, lang - kurz - kurz, kurz, kurz, kurz: nimm mich!
»Sie atmen vorzüglich« flüsterte ich. »Sie kultivieren Ihren eigenen Slang!« Erst jetzt bemerkte ich, daß sie ihre Zunge verschluckt haben mußte, denn es befand sich keine in ihrem Mund. Sie begann, lasch zu werden, brach unter meinen knetenden Händen zusammen. Es mußte jetzt schnell gehen. Ich sprang zur Tür, riß sie auf und rief: »Ein Notfall!«
Skiffle, der auch auf dem Plattenteller lag, war der erste, der reagierte. Mit wenigen Blicken hatte er sich im Zimmer umgesehen und die Situation erkannt, kniete nun vor ihrem blauen Gesicht und schüttelte den Kopf. Nach und nach strömten auch die anderen herein.
»Sie ist tot« sagte Skiffle mit seinem Kratzen und Rauschen in der Stimme.
»Sie sollten sich auf CD pressen lassen« riet ich ihm.
»Da haben Sie recht. Das werde ich.«


30.09.17

Rote Arbeit

Viehmarkt

Der Viehmarkt ist eröffnet, ich hinterher einem Arbeitspferd, das in 5 Tagen das meine sein könnte, die Ganaschen aufgefüttert, die Zähne wie marmorne Skulpturen, langgewachsne Kronen, die Fladen freundlichster Psilocybin=Nährstoff. Für wenig Mark hat es viel Mark in den Knochen. Es geht langsam, freilich, aber mit der End=Fasan(ung) muß gerechnet werden, am Abakus Rechenpfennige, die hin und her geschoben werden, das Maul klamm, die Augen den extremen Lichtverhältnissen angepaßt. Meine Unruhe ist eine CoffeinBare; Formel : C8H10N4O2. Die Bettgeschwindigkeit erhöht.

29.09.17

Cocktail



Sprecher: Fafnir Fiedler / Michael Perkampus

»Es tut mir leid, es Ihnen auf diesem Wege mitteilen zu müssen ...« sagte der Butler, und stand da, wie ein Stock eben dasteht »aber Ihre Frau läßt ausrichten, ich solle Ihnen eine in die Fresse hauen und sie ließe sich scheiden. Da ich zu ersterem nicht erzogen bin, muß ich leider Fehl gehen, und kann Ihnen nur die zweite Botschaft sachgetreu übermitteln.«
Da standen sie, gaben an, und tranken Cocktails, die sie noch nie in ihrem Leben getrunken hatten. Eine Gesellschaft voller Pärchen, die sich scheiden ließen. Wenn man es treiben wollte, ging man nach oben; dort war alles mit blödem Plüsch ausgarniert, aber die Betten quietschten nicht. Handschellen gab es für zwanzig Mäuse zum ausleihen.
»Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm einen Geldschein in die hohle Hand. »Das haben Sie gut gemacht!«
Ohne das Geschehen mit den eigenen Augen zu begleiten, verschwand der Schein in einer der unzähligen Taschen, die alle beschriftet waren. Ich konnte nicht lesen, was darauf stand, und hätte mich vorbeugen müssen, um es dennoch zu tun.
»Sir! Außerdem wartet jemand auf Sie, ebenfalls eine Miß. Diese aber will nun, daß ich Sie zu ihr führe. Sie läßt ausrichten, sie sei nackt, und darüberhinaus überglücklich, daß Sie das mit Ihrer Scheidung nun endlich regeln wollen. Sie sagt, Sie sollen sich beeilen, sie friere entsetzlich.« »Danke, Bernie. Das ist nett!« Ich schob ihm den nächsten Geldschein in die hohle Hand. Das mechanische Getriebe begann erneut leise zu schnurren, und das Geld verschwand, jedoch in einer anderen Tasche.
»Was steht da eigentlich auf Ihren Taschen?« Ich hatte lange genug gewartet, und wollte mich noch immer nicht vorbeugen.


28.09.17

Robert Johnson - Crossroads


Die größte Mythe der Musikgeschichte stammt aus dem Blues. Unter den Delta-Blues-Musikern der 30er und 40er Jahre sind einige der wichtigsten und doch schwer faßbaren Figuren aufzufinden. Unabhängig davon, ob man jemals Robert Johnsons musikalisches Vermächtnis gehört hat, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, daß man zumindest diejenigen kennt, auf die er einen gewaltigen Einfluß ausübte: Led Zeppelin, The Doors, Eric Clapton und unzählige andere.

Er starb mit 27 und begründete damit eine andere Legende: den Club der 27er, dem so illustre Persönlichkeiten wie Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse angehören. Die Ursache seines Todes sowie die Lage seines Grabes sind unbekannt, über sein Leben ist so gut wie nichts bekannt – es gibt allenfalls einige Anekdoten von Musikern, die mit ihm spielten, als er das Land durchstriff – aber es existieren zumindest drei Fotografien von ihm. Es kommt also einem Wunder gleich, daß gerade Robert Johnson den Mittelpunkt des größten Mythos der gesamten musikalischen Landschaft bildet.

Die Legende besagt, daß der junge und verarmte Robert, der auf einer Mississippi-Plantage wohnte, seine eine wahre Sehnsucht entdeckte: ein Meister des Blues zu sein. Leider war er damals ein mittelmäßiger Musiker. Eine dunkle Gestalt, die von seine Notlage hörte, empfahl ihm, mit seiner Gitarre um Mitternacht zu den Dockery Plantation Crossroads zu gehen. Allerdings mußte es eine mondlose Nacht sein. Dort traf Johnson an der Kreuzung den Teufel in Gestalt eines großen schwarzen Mannes, dem er die Gitarre gab und der ihm damit eine wahre Spukmusik um die Ohren blies. Als der Mann die Gitarre an Robert zurückgab, fand dieser heraus, daß er die volle Beherrschung über das Instruments hatte. Natürlich zum allseits bekannten Preis, denn den Teufel bezahlt man stets mit seiner Seele.

Bei solchen Legenden ist es ungemein schwierig, eine Quelle auszumachen, aber es ist wahrscheinlich, daß sich die Geschichte bildete, als Roberts Talent und Musikalität innerhalb kürzester Zeit zu einer Meisterschaft avancierte, die sich niemand erklären konnte. Von seinem plötzlichen und scheinbar unerklärlichen Fortschritt verstört, begannen die Einheimischen zu behaupten, er müsse seine Seele an den Teufel verkauft haben. Es ist aber möglich, daß Robert Johnson von den Einheimischen bereits als eine verdammte Seele mit einer Tendenz zum Makaberen angesehen wurde. Außerdem ist bekannt, dass Johnson und seine Freunde häufig spät in der Nacht auf Friedhöfen spielten, vermutlich weil es dort still war und sie wußten, daß sie dort von niemandem belästigt wurden. Die geheimnisvollen Umstände von Roberts Tod spielen natürlich ebenfalls jenen in die Hände, die an den Crossroads-Mythos glauben.

In der "Sandsteinburg" nehmen die Lines des Textes eines der vielen Grundmotive ein

Der achtspurige Gehsteig



Es ist nicht ausgeschlossen, daß die 
Wahrheit im Einkaufskorb dieser Frau 
Zu finden ist. Gerne erlaubt sich das Produkt
Einen Spaß, indem es fleißig winkt, ohne
Einen Blinker zu setzen. Das ist die falsche 

Richtung, denkt man und steigt nicht wieder ein. 
Wozu auch? Der Lebenslauf führt etwas anderes im 
Schilde, mit mehr Enthusiasmus, versteht sich.
Da es manche ohne ihr Zutun wissen, als stecke es 
In den Genen einer jeden publizierten Arbeit,

Schlagen wir es nicht in einem Lexikon nach.
Der Tanz stoppt wegen der viel zu schlechten 
Schuhe. Gestern waren sie noch schwarz.
Auch die Fotos von früher haben Hängetitten, manche
Sind sogar barfuß. Auffällig ist der rechte Rand, 

Der einem Schafott gleicht, die Klinge mit Sojamilch 
Gereinigt. Wenn die Linse das gesehen hat, was 
Hindert uns daran, alles zu wiederholen?

Der Fahrtwind kommt von oben – 

                                                         Aber kann das sein?

Die Rache steckt noch im Kühlschrank, der 
Verdichterspirale, fest, neben der Butterdose 
Ein Zelt aus Polymeren. Mit einem Mal löste die
Schrift ihre Knoten und hinterließ einen sehr 
Langen Regenwurm, der sich durch ein Komma stülpte.

Der Text war augenblicklich nicht mehr zu gebrauchen, 
Selbst das Papier hatte aufgehört, sich mit 
Gedanken zu beschäftigen. Durch ein Radio konnte man
Kontakt mit dem Zimmer nebenan bekommen. Peilsender
sind das Ziel einer Yagi=Antenne. Im Spiegel 

Wirken sie unnötig wiederholt. Nur achtet niemand auf 
Dieses zweite Lied. Ein Fehler, wie sich schon oft 
Herausstellen ließ. Die künstlichen Felle sind 
Wahrscheinlicher. Auf einer Leine sterben sie in ihrer Haut.
Eine Zehntelsekunde lang wird alles wieder wie früher sein, 

Oder aber die Täuschung ist mehr als gelungen. Auch 
Der blaue Fleck auf dem Stuhl kehrt wieder. Es handelt 
Sich um eine Wunde, mit Pfennigen geschlagen.
Ödland ist von der Terrasse aus zu sehen,
Gold wächst heran in eisernen Kisten, zerschossen,

Aber unbenutzt. Könnte je ein Hammer (Impuls und
Energie) so etwas anrichten? War es vielleicht
Etwas anderes? Nehmen wir den Wiesenfleck dort -
Er könnte das ganze Kapitel für sich beenden.
Der Philosoph arbeitet mit seinem Bart,

Stahlseile hängen von Kinn und Wangen,
Worte tropfen aus dem fiebrigen Mund,
hinterlassen einen Teller voll Buchstabensuppe.
Die Umkleidekabine ist angefüllt mit Wäsche,
Ein einsamer Badeanzug hängt an der

Klinke und stampft mit den Füßen auf. Später
Gesellt sich die Verwandtschaft hinzu.
Der Dorfkrug weint, weil er kein Geld mehr hat,
Die Reise zu bezahlen. Andere trachten ihm
Nach seiner Bleibe. Irgendwann wird er sie

Teilen oder sich verändern. Nur nicht heute.
Die Stadt heißt uns willkommen, auch wenn
Sie uns nicht einläßt. Noch schlafen die Menschen
Auf den Tischen, sorgen für einen Geräusch-
Pegel, der Insekten vertreibt. Der Ortswechsel 
Kommt mir vor, als wäre ich schon einmal da gewesen, 

Zwischen all den Kisten aus Glas, dem Taubenreigen, 
Der Präsenz ominöser Bilder an den eingekerbten Wänden,
Taschenbücher ohne Rückgrat. Eine Wiege schaukelt 
Im Foyer, hängt träge in einer unwirklichen 
Stellung fest, bis ich komme, eine Hand unter die 

Kufen klemme, die Dielen loslasse, sozusagen die 
Fangarme spreize, um zu fangen, was aus dem Anzug rinnt. 
Das Schaukelpferd ist nur ein Steckenpferd, das Kajak 
Eine Luftmatratze. Wer die Stimme hört, verschafft sich die
Argumentation. Dazu gehört ein lang anhaltender Atem, 

Ein Sirenenton, von Rippen erzeugt, durch das unbewegliche 
Ausmaß gepumpt. In Teilen bleibt der Eindruck bestehen,
Hier sei etwas heimisch. Originalität ist ein Pfeifen in den Ohren.

27.09.17

1, 2, 3, 4, 5 ...


Es stand Eine hinter mir. Ich saß auf einem Stuhl, mit nacktem Oberkörper, vor einem Spiegel und schaute, wie sie meine Brüste formte. Bis zu ihren Schultern sah ich sie. Empfand sie schön. Tat sie einen Schritt zurück, verschwand sie in samtiger Schwärze. Tat sie einen vor, war mein Gesicht für mich im Spiegel nicht erkennbar. Ich stand auf, tat einen Schritt nach vorn und drehte sie um.



Er (unbekannt) hat meinen Oberkörper abgetastet. Hielt am Rücken, auf Höhe der rechten Niere, und sagte: Teichbestandteile. 


Warum ihr ein Mann an seinem Pferd (braun) erklärt hat, wie sie es küssen soll, hat sie nicht verstanden. Dafür aber, warum sie die versammelte Gesellschaft in der Kirche sitzen ließ. Nicht zum ersten Mal. Dabei ist sie nie eingetreten. Atemnot, Herzrasen und körperlicher Widerwille im schnörkellos weißen, hochgeschlossenem Pompsteifkleid, mit auslaufenden Ärmeln. Das Haar unterm Schleier, der zu einem Dutt gebunden. Nur ihr Gesicht, starkfarben geschminkt, war, außer ihren Händen, einzig sichtbarer Teil ihres Körpers. Dir Davongeflogene.

Und ich fand sie schön.



Du hast mir Sauerstoffblasen unter Wasser gegeben. Ich wollte eine von ihnen in meinen Mund nehmen. Doch das Wasser drang immer zuerst hinein. Verdrängte sie. Ich versuchte es wieder und wieder. Es gelang mir nicht. So schaute ich ihnen nach. Sah sie aufsteigen: Scheuschnell, um an der Oberfläche aufzugehen. Silberringe. Wunderschön und nicht von Dauer.



Schmales Weibchen stand blaustrümpfig im gleißenden Sonnenfall: Die Mimik der Seele kann nur durch eine andere sichtbar gemacht und wahrgenommen werden: Ebenso schön, wie sich vorzustellen, was im klitzekleinen Hirn eines Schmetterlings vor sich geht, wenn er hört und sieht, dass Rahm in einem Kelch geschlagen wird. Sein Gesicht war nass. War zu einem geworden, das in Erde fiel, während sie ihn nahm, eines, das sich ihm wieder und wieder löste. Wurde und wurde. Das fiel und fiel in dieses nasse Bewusstsein zu sickern.

Dopplereffekt

Damals auf dem Schrank wähnte ich mich unsichtbar, denn auch den Staub hatte niemand bemerkt, seine Jahresschichten intakt. Es fehlte nicht viel zur geweißten Rauhputzdecke. Das Gesicht in Deckennähe, der Grund und Boden so weit unter mir. Wenn ich über den Holzrand spähte, überkam mich das Gefühl der Fremde, wenn ich fallen würde, fiele ich in eine Welt, die ich augenblicklich verlassen hatte, um Höhe zu spüren, die Stimmlage dieser Höhe, ein Käfer, der sich tarnt, an Ort und Stelle verharrt. Da hatte ich einen einen kurzen künftigen Blick erhaschen können, nichts daran war spektakulär, keine Posaune, keine Hydra, die ein Tor bewacht, kein epileptischer Anfall, nur die Wand mit ihren Poren, ein Wink aus der Zukunft. Das konnte nur bedeuten: es gab diese Zukunft, ich war bereits dort zugange, darauf wartend, daß ich aus dem Jetzt ankam. Dort angekommen widerfährt mir ein Déjà-Vu, ein Dopplereffekt im Hirn, jedoch keine 'Fausse reconnaissance', nichts, was da nicht sein dürfte. Die wichtigste Frage an die Vergangenheit lautet: Was ist in diesem Schrank? Die Einnerungsmoleküle müssen früh ausgestreut werden, sie bestehen aus Gerüchen und Symbolen, aus Standbildern (alles Fließen ist ein Trug).

26.09.17

Bei den groben Steinen

Mit einem Abbild der Welt auf meinen Lidern 
legte ich eine Weile zu den groben Steinen mich, 

mich einmal nicht mehr zu fragen: 

Wann, Mensch, bist du endlich deiner Stimme, einem anderen Menschen Wort? 
Wann, Mensch, bist du mit allen Sinnen Auge? 

und dachte: Wacker, was einfach beieinander liegt! 

So legte ich mich auch zu dir. 

Wacker auch die Arachnide auf meiner linken Brust, die ich dort hinsetzte, 
die blieb, ihre Zeit aus ihrem buntgemusterten Hinterleib zu seiden. 

Wacker bei den groben Steinen zu liegen 
umspinnt mit allen Sinnen Auge Sanftes Hartes für Weilen.

Unter dem Gras (Die Gesänge der Vril)




24.09.17

Die Reise SANDSTEINBURG

Wie sehr ein Werk an einem Menschen zehren kann, bis es ihn fast aufzehrt, da es notwendigerweise von ihm zehrt, ist demjenigen ins Gesicht, ins Gewebe geschrieben, der es, trotz der Gewaltigkeit, mit der es sich durchzusetzen fordert, die der Seele keine Ruhe lässt, schreibt.

12 Jahre : 7 Fassungen: die um die 10 Entwürfe brauchten. 7 Fassungen, die notwendig waren, um nun in zwei dickwandigen grauen Ordnern lose zu liegen, im Keselground, auf meiner Bettseite. Ich erinnere mich noch gut, wie ich die vorletzte Fassung in den Händen hielt, oder war es die vorvorletzte?, die ich zu lesen begann. Stück für Stück. Kapitel für Kapitel (: und wieder von Neuem beginnend, da du von vorne begannst, umstelltest, verwarfst: hadertest.). Dir meine Eindrücke schilderte, mich dir als Leserin vorstellte, die dir erzählte, wie es ihr erging. Spannend für beide Seiten. Zumal du zuvor gelobt hattest: Mit dir schreibe ich die SANDSTEINBURG fertig. Gesagt. Und tatsächlich getan. Ich ahnte, was für eine Kraft sie bisher gekostet hatte, erlebte in den letzten Etappen die Mühen, das Kreuz, die Zweifel, die Zerrissenheiten mit. Unzählige Gespräche folgten: über das "Absolute Buch", über Erzählformen und Strukturen, über den Roman als solches und was ein Roman eigentlich ist, über das Medium Schreibmaschine vs. PC, das zu wählende Format der Blätter, die Unterteilung der Kapitel und ihre nicht notwendigen Reihenfolgen, ... und noch vieles mehr. Das Auf und Ab. Das Für und Wi(e)der : Die von dir genommene Substanz, die sich in diesem Werk entfaltet, in jener Sprache, dem inhärenten Kosmos in ihr, der ersteht, sobald das erste Blatt von ersten Augen besehen wird, die sich auch einem der anderen Blätter hätten zuerst widmen können, wie es jederzeit und erneut möglich ist. Ganz gleich, ob ich sie in der Folge lese, wie sie nummeriert sind oder ob ich irgendwo eines herausnehme und dann ein nächstes. Oder ob ich sie in die Luft werfe, warte bis sie zu Boden gekommen sind und ich mir einen eigenen Reim machen darf: Ene mene Muh, und der schöne Schabernack mit der Bedeutung : Der Fingerzeig, das Schicksal, die Muster, der Zufall und die Wahl.

Es gibt keinen Anfang. Es gibt kein Ende. Kein Alpha. Kein Omega. Wie aufgeworfen so manches Wesen, das zu lesen imstande ist, sich vorfinden kann, wird so bereits in der Annäherung, dem Zur-Tat-Schreiten offenbar. Mit einer Wildvogelschleppe werde ich es tun. Mal auf diese, mal auf jene Weise, in Anordnung der Blätter, wie ich sie nummeriert in ihren Schlummer vorfinde, oder: wie es mir belieben wird. Phantastisch! Ich weiß es selbst noch nicht. Denn anders als es dem Hl. Sebastian geschah, der, an den Stamm eines Baumes gebunden, von den numidischen Bogenschützen ins Visier genommen wurde und als Zielscheibe diente, steht es mir als Leserin frei, wie ich mich diesem Werk nähere, mich darin bewege, es aufnehme. Da es zum einen, wie bereits erwähnt, keine vorgegebene Leserichtung gibt, und zum anderen, soweit ich bisher sagen kann, es kein Werk ist, das den Leser im Geschehen bei der Hand nimmt, ihn führt, ihm die Flüsse eines Kosmos als ununterbrochene, linear und kausal fließende präsentiert. Da es keinen Plot entwirft, der mich in beschreibender Weise von A nach B lotst, um ein ACHSO zu generieren, das der Realität und was sie eigentlich ist, einen Filter vorschaltet, als wäre es möglich der Gründe Gründe jemals erreichen zu können.

Ich stehe also wieder am Anfang. Höchst fraglich, was das eigentlich ist: ein Anfang. In meinem Fall ist es der Beginn einer Reise, von der ich erzählen möchte, da mich die Wucht dieses Werkes bannt, und ich zuvor nur kleine Textanteile, die von mir sog. Chimären, die zuvor noch Tableaus hießen, kannte. Chimären wie diese (die sich jedoch nunmehr in der vorliegenden Endfassung der SANDSTEINBURG durchaus anders präsentieren):

Ich erträumte mir das letztliebliche Tal neben Pfannenstiel und Nachtberg, das die Historienmacher aufgegeben haben wie jeden paphischen Hain der Fürsten in abgelegenen Regionen, das Geheimnis eines Geheimnisses, im Traum wird hingebosselt, was der erlebte Körperschmied gar nicht wissen kann, was der Wachzustand vergrämt und vergrätzt, was ihn eng an einer Schnur in der Zeit behält. Ich plündere mich in den Kellern, verpuppe den Plunder dort, der ohne Herzberührung selbst keinen Puls mehr spüren ließe, ein jedes Symbol ist mir Tür ins Weite, einer neuen Verlorenheit entgegen, die sich anhauchen läßt, Farbtöpfe vor einer gilbgewordenen Leinwand; nur: nein, ich male nicht, ich schreibe Bilder ein ins Leben, ein Bücherfutteral. Niemals schläft die Welt, die in der Erfindung zu finden ist. Niemals schläft. 
Wir müßten uns alle totmachen, um wie erfrischt und neu in unserer Einbildung nach einem Bilde zu leben, das wir uns vorbereitet in die Nachttischschublade oder einen verlegten Strumpf gestopft haben, der Entdeckung vorgreifend. Und: jetzt, ja, bin ich allein mit dem Bild, im Bild.
Ich greife vor und sehe bereits die ganze Erzählmaschine anrumpeln und abraspeln, was dann in diesen ledernen Teig fällt. Ich sehe dich gehen, ich sehe dich gegangen, ich weiß nicht wann, noch weiß ich wo. So suche ich, ohne mich augenscheinlich zu bewegen, vor (der) mir, hinter mir – gilt nicht – ich komme! 
Als hätte ich jemals einschlafen können, schlief ich ein, muß wieder eingeschlafen sein, denn ich kann mich an eine kurze Phase des Wachseins erinnern, die mir die Konturen näher brachte, große graue Brücken, von denen nur die Pfeiler zu erkennen waren, die mein Domizil stützten.


Aus bisheriger Leseerfahrung weiß ich: ganz gleich, wo ich wieder zu lesen beginne, ich weiß nie, wo ich mich gleich befinden werde, wie lange mir dieser oder jener Augenaufschlag sein wird, wie lange ich mir und all dessen, was mich umgibt, gewahr sein kann. Ich weiß nur, dass es so kommen wird, dass diese oder jene Landschaft, Dorfschenke oder Brücke gleich nicht mehr sein wird. Die Brücke, die nur ist, um mich in ein Anderes zu stürzen, immer tiefer hinab, damit ich Zeiten später doch erneut zu ihr gelange, sie in einer anderen Vegetation, in einem anderen Licht wieder passiere. Mit einem anderen Augenaufschlag. Ich bin dann nicht mehr dieselbe. Wo nur war ich? Wo bin ich gewesen? Alles ist Traum, ist Erinnerung, ist Gedachtes. Flora und Fauna, Landschaften, Dörfer, Städte und ihre Architekturen sind selbst gewaltige Akteure. Alles ist beseelt. Noch jedes Haus, jeder Stein stülpt mir farbpsychosomatisch sein Innerstes, sein Dasein entgegen.

Das Bloße in diesem Werk, soviel kann ich als Pionierin bereits verraten, ist der Leser.

Wir kommen nicht vom Dasein weg

Statt ein vollständiges Buch zu schreiben, von jenem vollkommenen Buch zu träumen, das bisher nur Schlegel und Mallarmé mißlang, und jedes Wort in seiner Verbindung zum nächsten als das anzuerkennen, was es folglich nur sein kann: Etappe, Fragment. Das geträumte Buch ist das vollkommene Buch und es ist ein Buch, in dem alles wandelbar bleibt, ein ewiger Strom gesagter und nichtgesagter Dinge. Alle Gegensätze heben sich folglich darin auf und trennen sich darum um so schärfer und klarer, zeichnen sich kristallklar ab für einen verschwindend kleinen Moment, der nicht zu messen ist.

Nein, wenn wir Bücher schreiben, schreiben wir keine vollständigen Bücher, wir reißen nur ein Stück aus der Ewigkeit heraus. Wir haben bereits erlebt, daß die Avantgarde in Form kleinerer und größerer Feuer die Ordnungshüter und Traditionalisten in helle Aufregung versetzte. Die Feuer verzehrten sich selbst oder wurden von den aufgeschreckten Bürgern erstickt. Vorher hatten sich jedoch manche an diesen Feuern gewärmt und am Spiel der Flammen erfreut, hatten miterlebt, daß verfestigte Strukturen aufgebrochen werden können, und hatten die zurückgebliebene Asche als Nährboden für Schreibweisen entdeckt, die sich immer weniger an literarische Traditionen gebunden fühlten. Künstler sein, das heißt ja nicht erst seit kurzem gegen jede Art von traditioneller Kunst zu Felde zu ziehen, weil es in der Welt, so wie sie ist, nichts Nachahmenswertes gibt.

Die Allmacht des Bewußtseins wird durch die Aufwertung des Traums und des Unbewußten in Frage gestellt, die religiösen, sozialen und sexuellen Tabus werden durch ein von den Instinkten gelenktes spontanes Handeln durchbrochen. Folgt der Schriftsteller dem magischen Diktat des Unterbewußten, so besteht Aussicht, den poetischen Urzustand des Menschen wiederzugewinnen. Der avantgardistische Dichter wird so zum Demiurgen, der aus dem Unbewußten neue Welten schafft. Es geht also weniger um die Übernahme bestimmter Inhalte und Ausdrucksformen als darum, daß der Drang nach völliger Erneuerung ansteckend wird in einer radikalen Abkehr von allem Überkommenen und dem bedingungslosen Einsatz für eine völlig neue Welt, einen völlig neuen Menschen und folglich eine völlig neue Kunst. Autoren und Leser sollen aus Worten neue Welten schaffen, und wer Welten schafft, nimmt dadurch göttliche Züge an. Von Huidobro stammt der Satz: Der Dichter ist ein kleiner Gott.

An die Stelle einer logischen tritt eine magisch-assoziative Verknüpfung, die das Gesetz des Widerspruchs ebenso außer Kraft setzt wie das von Ursache und Wirkung, eine Verknüpfung, die räumlich und zeitlich Getrenntes, Elemente des Mikro- und Makrokosmos, Konkretes und Abstraktes, Natur und Technik in eins setzt. Wenn wir das tun, haben wir in der Vorstellung eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen gleichzeitig ein Flugzeugs und ein Kreuz. Wir können von dem Tier als biologisches Attribut, als Symbol (Amsel, Rabe, Nachtigall) oder als Nachfahre der Flugechsen sprechen, vom Flugzeug als Transportmittel, dem Traum des Menschen, fliegen zu können, vom Kreuz als religiöses Zeichen, als geometrische Figur, und schließlich wieder als Vogelscheuche.

Wenden wir uns vom abstrakten Vogel des Beispiels zum konkreten Raben, können wir gar eine Sprache schaffen, in der die Wörter ihren Status als arbiträre Zeichen zugunsten einer engeren Verbindung zwischen „Bezeichnendem“ und „Bezeichnetem“ aufgeben. Das funktioniert folgendermaßen: Für Morpheme gilt die Semantik der Arbitrarität, der zufälligen, aber konventionalisierten Verbindung von Lautvorstellung und Objektvorstellung. Daß man Hunde Hunde nennt und nicht etwa Globen oder Teppiche, hat keinen anderen Grund als den, daß sich Hund durchgesetzt hat. Das Wort Hund hat nichts Hundiges an sich. Daß man Jagdhunde Jagdhunde nennt, hat dagegen System: Das Wort erweitert die Bedeutung von Hund um die Bedeutung von Jagd. Hier greift das Prinzip der Kompositionalität.

Nehmen wir uns jetzt einmal den Raben vor. Jeder weiß, was ein Rabe ist, zumindest weiß jeder, daß dies irgendein Vogel ist. Wir können nun die jeweils bekannten Schöpfungen nehmen: Rabenschwarz, Rabennacht, Rabenmutter, und gehen über in die Kühnheiten: Rabhalla, Rabhaarig, Rabmystisch; warum nicht sogar Rabelais? Moderne Poesie hat mit dem Irrealen und der Magie in Verbindung zu stehen, mit Reinheit, Lust, Gewalt, Freiheit, Leben und Tod. Die eigentliche Bestimmung des Menschen ist das Unterbewußte, wo die Dichtung die Verbindung zwischen dem Leben und Phänomenen wie Traum, Hellsehen und Wahnsinn aufzeigen soll. Es ist nicht neu, daß sich manche avantgardistische Bewegungen hierzu bestimmter poetischer Mittel, wie des Delirium, des unkontrollierten Sprechens, der Liebe, des Zufalls oder des Verbrechens bedienten – also all dessen, woran juristische, medizinische oder religiöse Normen den Menschen zu hindern suchen. Wir dürfen niemals vergessen: Die Dichtung ist der höchste Ausdruck der Freiheit, da sie allein in der Lage ist, alle sozialen, moralischen und mentalen Fesseln zu sprengen.

Der Dichter kann sich seiner Überlegenheit gegenüber Politik, Philosophie und Geschichte gewiß sein, er repräsentiert die Menschheit, keine anderer ist Mensch wie er. Das Poetische gründet sich auf ein Spannungsgefüge aus Rhythmus, Bild und Analogie, das, im Gegensatz zum segmentierenden, rationalistischen Denken und der teleologischen Auffassung von Geschichte, prinzipiell subversiv ist. In der poetischen Inspiration manifestiert sich die Ontologie der Andersheit. Das erotische Begehren und die Grenzerfahrung werden mit dem Hier und Jetzt der körperlichen Erfahrung verbunden, wodurch sich die Selbstbehauptung des Poetischen gegen die Diskurse der Gesellschaft und der Politik artikulieren soll.

Die Antwort



Mir bleibt noch etwas Regen in diesem
aufgeräumten Gefäß, weggeschlossen zwar,
aber nicht unerreichbar, wenn ich einen
Stuhl auf den anderen stelle.

Die Trockenheit unter der Zunge ist
für ein besonderes Klima verantwortlich.
Als könnte man leise eine Treppe
hinab schweben, keine Spuren im Staub.

Mittags schälten sich die Passanten aus dem Laub,
die Straße aber blieb bestehen.
Die Folgen eines Bisses,
ein Fetzen Luft zwischen den Zähnen,
mit allen brillanten Brechungen vereint.

Jetzt endlich kaufte sie den Stuhl,
um den Ereignissen beizuwohnen.
Heute weiß ich es nicht,
aber morgen werde ich mich gefragt haben.


23.09.17

Crash (Cronenberg)

Fixateur externe
Der Druck auf meine rechte Körperseite,
auf diese Extremitäten,
die Knochen,
die äußeren Flächen.
Das Hervortreten der Schulterblätter.
Die Unterbindung des Blutflusses der Beine.
Das Gras berührt,
die Wange den Boden.
Das Klaffen der oberen Lippe.
Die Beckenschaufel wieder und wieder in Erde bewegt.
Die starkschnellen Schläge. Links, unter meiner Brust.
Unter den Rippenbögen, die flache Atmung.
Die Weite von vorn,
von hinten Wärme.
Die Haut deiner Hand.
Das Blut schmeckt eisern.

„Maybe the next one. Maybe the next one.“

Das mag wirklich alles gewesen sein

Zunächst drückte sie mir den nassen Spülschwamm ins Gesicht, den ich als gerechtfertigt betrachtete und nahm wie ein Mann. Ich hatte eine gewisse Art, die Dinge zu benennen, die man unmöglich durchgehen lassen konnte. Dann suchte sie der Reihe nach meine Sachen, die ich überall verstreut herumliegen hatte, machte die Wohnungstür auf und warf sie nacheinander die Treppe hinunter. Jedes mal mußte sie das Licht im Treppenhaus neu starten. Statt daß ich sie daran hinderte, eilte ich meinen Habseligkeiten nach und riskierte damit, daß mir weitere Dinge nicht nur um die Ohren flogen, sondern mich sogar trafen. Sie zu hindern wäre einfacher gewesen, aber ich wollte sie den Rausch auskosten lassen, mich samt und sonders vor die Tür zu setzen. Als sie nichts mehr fand, das sich mir entgegenwerfen ließ, fing sie an zu heulen und sagte, ich solle wieder nach oben kommen. Das ging natürlich nicht. Ich weiß, daß ihr Schriftsteller manchmal bescheuert seit, sagte sie, aber du bist ja noch keiner. Womit sie Recht hatte oder auch nicht, so genau ließ sich das nicht sagen. Dummerweise war ich auf dem Weg dorthin, ob ich wollte oder nicht. Dabei konnte ich noch nicht einmal richtig schreiben und versuchte mich in Gedichten, die sich entsetzlich reimten. Und ein Thema hatte ich ebenfalls nicht, Honigtopfmänner und Kloaken. Wäre H., den ich natürlich angerufen hatte, nicht gekommen, hätte ich wohl eine weitere Nacht in ihrem Bett und Opiumduft verbracht, aber H. kam und wir fuhren in seinem Ford Taunus in eine neue Überlegung hinein.

Schwerkraft zum halben Preis



Nebenan, beinahe in der Hinterstube, so aber doch noch im Wintergarten, verkaufte Frau Emsrente Schwerkraft zum halben Preis. Es ist da in den letzten Jahren gehörig etwas ins Wanken geraten, und da man zu keinem Zeitpunkt wußte, was Schwerkraft überhaupt ist, wußte freilich auch niemand, wie man ihr Fehlen kompensieren sollte. Aber Frau Emsrente hatte einen Schwerkraftmixer, eigentlich ein zylindrisches Haushaltsgerät, das von außenliegenden Solarringen umschlossen wurde, und auf dessen Innenseite eine mit Sauerstoff gefüllte Biosphäre angelegt war. Man kaufte Frau Emsrentes Schwerkraft, wenn man etwas im Umland spazierengehen wollte.


22.09.17

Die Mädchen wehen die Bäume

Sie sagten, die Mädchen wehen die Bäume. Schließen Sie die Augen und versuchen Sie sich zu erinnern. Um was ging es? Warum wehen die Bäume? Wir müssen wissen, warum die Bäume wehen.

Ich weiß nicht so genau. Erinnere mich nur an diese eine Patientin, über Fünfzig war sie. Sie hat mir davon erzählt. Es ging um irgendwelche Mädchen, die über ihr wohnten bzw. vorbeikamen, um dort eine Radiostation zu betreiben, mit der sie das Wetter beeinflussen konnten und durch die sie sich mit ihr unterhielten, sie aber auch beschimpften. Die Mädchen wehen die Bäume, hat sie immer wieder gesagt. Die lackieren sich die Nägel auf Russisch. Das wären nämlich Russinnen, die sie „fertig machen“ wollen. Sie wäre ihr Hund oder so. Hat auch recht viele Redewendungen benutzt, nur immer sehr eigensinnig abgewandelt. Das Interessante war, so abstrus das alles klang, nach einer Weile kamen immer mehr Informationen hinzu, die die Lebensgeschichte dieser Frau dahinter durchschimmern ließen. Sie hatte Germanistik studiert und war mal Lehrerin in einer reinen Mädchenklasse. Das hat auch viel über ihr Selbstbild als Frau und aus dieser Zeit erzählt. Sie sagte immer wieder: Die Mädchen. Die Mädchen wehen die Bäume. Ich weiß nicht, wieso. Was wollen Sie von mir?