Sonntag, 23. Juli 2017

Rumor VII

Ephedrin, Benzedrin, Coffein, selenotropes Metalin
ich renn mal um den Block ...

Bomben, Beat und Benzin
sind alles was wir brauchen
wenn wir um die Häuser ziehn

Blue Brid, Black Train, White Train, Blue Train, Black Bird
Coltrane - Trane!!!

Miles ahead, styles for miles, miles with boots on, made for rocking
am Ende der Straße umdrehn oder im Kreis weitergehn
komme immer wieder zurück wie eine Hookline
auf der Basslinie mit dem weißen Zug angefahren

ein Panzerzug, stahlgepanzert, raketentragend, abgefahren
durch das Sonnensystem, bis zum Kuiper Gürtel, umgedreht
und in die Sonne gestürzt mit einem BANG

weißer Lichtblitz
rote Augen
schwarzes Loch inmitten der Iris

unendliche Schwerkraft
tiefgeistig
bis zum letzten Grund

abstoßen, auftauchen, nach Luft schnappen, Schnaps trinken, von einem Bernhardiner geliehen
der mit einem Fässchen um den Hals ...
und wie der sabbert, bu ha!

Schnee schieben, bis zur Mitte der Straße, ein Iglu bauen
drin sitzen, Wasser auf den heißen Stein gießen, Schwitzhütte machen
mit Kräutern einreiben

abheben, losleben, den Vögeln im Vorbeiflug an den Flügeln zupfen
mit den Krähen krächzen

and I rattle with the snakes
and I howl with the wolves

like a dead man talking
riding on his coffin

I'm back again

aujourdhuimonsieurmonamie - la vida loca esta bieno
Wäsche muss aber auch noch gewaschen werden ...

IM HAUSE DES

NACHTTEUFEL FILMT TIER MIT ROTEN SCHUPPEN IM HAUS DES VERSTORBENEN SCHNEIDERLEINS ZOG DER HERR DIE GRETE AM HAAR SO SCHÖN BISS SIE IHM SEIN BLUT SAUGTE DAS STICKDECKCHEN AUF SEINEM RECHTEN STIEFEL HINTERLIESS EINE SCHNECKENFROUWE DIE SCHILLERNDSTEN FARBSPUREN DIE ICH JEMALS GESEHEN OHNE MEINE AUGEN ZU ÖFFNEN SAH ICH WIE DAS WEISSE FLAGGSCHIFF IM ROTWEIN DER WANNE VERSANK DAS BLUTJUNGE MÄDCHEN MIT EINEM CYBORG DER HIERONYMUS HIESS ZU LEBZEITEN EINER ANDERS ALS HANS CHRISTIAN HAT MAN IHM DAS SCHAFOTT MIT AIRBRUSH VERSCHÖNERT BEVOR MAN IHN WIEDER UNHELDENHAFT NACH HAUSE SCHICKTE SIE SICH NACHDEM SIE DEN TÜRSTEHER BEI DEN HÖRNERN PACKTE SIND VERABREDUNGEN EINZUHALTEN MIT DEM NACHTTEUFEL IM HAUS DES VERSTORBENEN HERRN FILMT EIN TIER MIT ROTEN SCHUPPEN DIE STIEFEL DES SCHNEIDERLEINS POLIERTE SIE NACKT DAS SILBER UND DECKTE DEN TISCH AUF IHRE WEISE SEHR FESTLICH FÜR DIE GELADENE GESELLSCHAFT DIE SIE AUF EINER FREMDEN HOCHZEIT KENNENGELERNT HATTE ER SIE AUF EINER BDSM MESSE SANG MAN DAS AVE MARIA FÜR DIE TAUBEN GURRTEN WAS VON DER LIEBE VERSTEHST DU MICH DENN NICHT ICH WEISS NICHT WIE MAN DIE LIEBE MACHT UNICA LIEBTE DEN HANS BELLMERS STUDY FOR GEORGES BATAILLES AUFNAHMEN DER TAUSEND SCHNITTE SAH ICH AN EINER FRAU DIE SICH AUSPEITSCHEN LIESS SIE SICH MAGNOLIEN AUF DIE HAUT MALEN KATHOLIKEN DEN EROTOMANEN ALS TEUFEL AN DIE WAND ZU STELLEN WÜRDE IHR GEFALLEN FINDEN AM BRUNNENPLÄTSCHERN IM ZENGARTEN DES HEXENBÜRGERMEISTERHAUSES STEHEN PRÄPARIERT ZWEI JAPANISCHE RIESENKRABBEN JEWEILS EIN MÄNNCHEN UND EIN WEIBCHEN VERSCHLINGEN IHRE SEXUALPARTNER DOCH NUR WENN ES DIE NATUR AUS GRÜNDEN DES ÜBERLEBENS VERLANGT HATTE ER VON IHR NACH SEINEM TAKT UND NUR NACH SEINEM TAKT NACKT ZU MASTURBIEREN WÄHREND ER ERHÖHT AUF EINEM STUHL SASS DER MANN MIT DEM ROTEN ZIEGENBART NIE WENN ER KLEIDER FÜR DIE PUPPE SCHNEIDERTE DIE ER ZÄRTLICH GRETCHEN NANNTE MIR DEN NAMEN EINES MANNES DEM ARIADNE DEN RICHTIGEN GRUNDRISS DES LABYRINTHS DES MINOTAURUS AUF DEN OBERKÖRPER TÄTOWIERT HABEN SOLL ER NUR WENN ER SEINE BLOSSEN FÜSSE IN EINE SCHALE VOLL WASSER EINTAUCHEN KONNTE IN DEM SIE SICH ZUVOR DIE HÄNDE GEWASCHEN HATTE …

Odeur einer waldgewordenen Stiefelvilla

Starten will ich heute das, was mir zu Ruhm und Ehre gereicht: Das real gesprochene Wort. Beginnen möchte ich mit dem ersten Stück zu den drei (noch) vorhandenen Gemälden, die Albera in Mischtechnik hergestellt - und nicht vernichtet hat.
 

Masten reckten sich über die Mauern ohne Zahl, ihre Augen harrten dem Licht, widersetzten sich den Antworten, die aus den tosenden Schläuchen auf der anderen Seite drängten. Die Schatten produzierten Längen, die nicht weiter trieben, als es die Hitzeschollen zuließen.

Wo blieben die Keimzellen? Wo bleibt der gestrige Blick?

Die Masten fahren fort, ihre Augen ins Unermessliche zu vergrößern. Der Blick, der ihnen gehört, deckt sich mit der Zahl all dessen, was sie sehen. Das Wasser bricht sich an Ausschnitten. Die Fertigkeiten in Laternen. Licht soll es werden, doch Licht im Innern einer Schliere.

Blicke sollen es werden, doch Blicke reichen nicht weiter als die Begrenzung der Schliere es zulässt.

Odeur einer waldgewordenen Stiefelvilla, oder:

Knaben rutschen von den Masseleibern,

fallen, dort wo es dräut, über Rückenbänke und Widerhaken, fahren jenseitigen Blickes fort, sich Gegenseitigkeiten anzutun ohne Zahl.

Der Forstherr aus Deinem Hause des erstiefelt sich gute Launen, bepeitscht, verpeitscht die Sohlen der Mooskuhlenüberläufer vor den Masten, die noch immer Licht geblieben sind, die noch immer über Hütten ranken, die zahllosen Mauern, die Knaben davor, bereits untergegangen wie der Dustermond, der die Streifen der Pechhörnchen anlockt.

Licht soll es werden, aber Licht nicht mehr. Blicke sollen es werden, aber (but) die Scheiben sind finster.

Albera Anders, Mischtechnik, Acryl und Öl, 2009

Pentagruel im Wasser

Das leichte Gewand eines quälenden Schattens umzürnt meine Haut, als ich das Wasser verlasse, um halbiert im Zwielicht zu schaukeln, die Grenzfälle beim Rauschen störe, den Fluss am fortschnellen hindere. Ungeahnt die Nähe nichtanwesender Personen, unverstanden vom Tageslicht, geblendet vom Reflex bonbonfarbener Quellgeister; Symbole, konturlose Skulpturen, einer Firnis der Berührungslosigkeit entlaufen.

Technicolor der anderen Welt. Ein großes Gemälde unterworfener Momente, ein geiferndes Trugbild. Beschlagen von Zweifeln wabern die Sinne darin. Duktus der Augen, die dieses Bild entstehen lassen. Die Nacht mit ihrem Schlund, am Mark sonnenverbrannter Gedanken saugend, durch Tagpartikel aufgeladen.

An der Wand Blutspuren, ein zufälliges Gemälde, streng in Ocker lasiert. Den Hintergrund stellt ein dreckiges Weiß, einen Hügel, deine Scham. Ich befahre dich mit einer motorisierten Zunge. Ein Niemandsland bist du, in meiner Vision ein Landstrich eklektischer Provinzen. Doch du bist nicht da. Da sein bedeutet mehr als die Phantasterei zwischen Halbschlaf und Kontrollprogramm. Kalter Schaum webt dein Bildnis (die Kähne, das Papier Bazooka-Joe) in den Ausguss, durchdrungen vom Abfall meines Gesichts. Die Zunge liegt wie ein Rebus in meinem Mund, wie ein angekettetes Tier am Gaumen, Sprache nicht möglich.

Diese Zunge steckte schon überall in dir, gut aufgehoben, warm umschlossen. Dein Körper ist Gestalt, dein Körper ist Gericht in seiner Abwesenheit. Die Klänge deiner Vergangenheit vibrieren im Spalt unserer Lagerstatt, meiner Lagerstatt, deiner Lagerstatt. Ich spreche mit deinem Schaum, den du mir hinterlassen hast, spreche die Worte ohne sie zu berühren. Jetzt sage ich sie wie unter dem Zwang zu erbrechen. Ich sibiliere sie. Ich spreche und ich sage nichts dabei, sage nicht: Ich liebe; nicht, dass ich dich liebe, nicht, dass ich dich lieben könnte, sage nicht, dass ich mir wünsche, dich zu lieben, nicht, dass ich dich gern geliebt hätte. Ich sage deshalb nichts, spüre deinen Schaum aus nächster Nähe in die unbekannte Schlucht hinabtropfen. Ein zusammengefalteter Himmel liegt vor dem Fenster, ein Himmel voller Reklame für einen beginnenden Tag.

Die Erdachse hält auch heute dieser irrsinnigen Geschwindigkeit stand. Du lächelst. Zumindest deute ich, du könntest lächeln, wenn du jetzt hier wärst. Wir benutzen das gleiche Herz, sind das Ganze, sind nicht du, nicht ich. Ich hänge über dem Weltenrand, baumle an meinen langen Tagen, den Nächten im Sumpf, erkenne mich wieder in den nackten Träumen, den geschnitzten Masken zwischen der Sonne und mir, durch hölzerner Augen Licht, durch hölzerner Nasen Staub. Meine Leidenschaft ist ein Fluch der Götter. Wo frevelte ich sie, Göttin, dich?

Herausfallend sich wieder finden auf den Straßen, die nicht darüber entscheiden, wo ich ankommen werde, dennoch den Enthusiasmus wecken, in die Ferne zu ziehen, und sei es nur, um dort gewesen zu sein, um sich einmal fremd gefühlt zu haben. Dem Horizont entgegen schlängeln. Die Straße selbst kommt nie an. Ich bin es, der Einzug hält. Aber wo? An welchem Ort? Es sind nur Agglomerationen. Die Wege halten stets eine Stadt bereit, die wie ein Organismus funktionieren. Ihre Gesetzmäßigkeiten unterliegen dem Chaos.

Die Figuren umkreisen das Zentrum ihres Universums, in dem die Zeit aufgehoben ist; vordem hatten die Zeiger eines Weckers die Ränder aufgebracht, scharfklingig, mit erstaunlicher Lust, ein Gemetzel anzurichten, das jetzt noch nicht wahrzunehmen ist, ein Meer, Ebbe und biegsame Flut, ein Universum, randgefüllt mit Wasser. Aus einer unsagbaren Ferne wehen die Klänge dickbreiiger Musik heran, die Sprache eines Pentagruel im Wasser auf der Suche nach der Flasche, das Rätsel des Raumes. Ich könnte mich erinnern, aber ich erinnere mich nicht an den Tag, der aus einem fortschreitenden Abend bestand. Das Gras roch wie nächtliche Haut, Dosen schepperten gegen Steine und Hausbeine. Wir sind aufgeklappte Schilder, tugendhafte Gespenster, beanspruchen Sichtbarkeit nur für den mitternächtlichen Moment, wiederholen das Spiel der Jahrhunderte (die Taschen gefüllt mit Froschskeletten) mit Händen, die in eine Richtung deuten, die es längst nicht mehr gibt, entschwunden im Geröll unzähliger Geschichten, die alle dasselbe meinen, die Grenze möglicher Wanderschaft.

Samstag, 22. Juli 2017

Rumor VI

Nachtangst Es ist nur ein böser Traum, sagen sie. Nichts wovor man sich fürchten muss. Ich ging an einem Sonnentag Durch die Straßen meiner Stadt Ging auf den Plätzen über Kopfstein, Zwischen Menschen und in Parks, Unter Bäumen voll mit Laub Und überall war weißes Licht, Doch auch noch etwas anderes. Ich erinnere mich wie ich als Kind in einem Wald in der alten Heimat an einen tief gelegenen Ort geriet. Tief in Wäldern ist ein dunkler Ort, Eng umstanden von uralten Bäumen, Ein Ort den jeder Träumer kennt, Das Herz der ersten Finsternis, Durch dessen Tor wir niemals treten, Bis wir letzten Endes davor stehen Und in des Todes kalte Leere gehen. Nur ein Ort des Traums. Hier gibt es keine Realität. Und doch war ich dort, so tief in diesem Wald, dass kein Licht mehr mit mir ging. Einst waren alle Wälder tief genug, um diesen Ort zu bergen. Heute nicht mehr. Die Gesichter glänzten hell, Die Worte um mich ließen hoffen, Dass alles heil und lebend sei, Die Gespinste aus den Träumen Nur Nebel aus dem Geiste seien, Dass Leben wirklich Leben sei Und stark wie grüne Triebe. Doch der Schein der Sonne trügt. Die Stadt verrottet unter dem Putz, ihre Menschen verfaulen unter der Haut und das Blau des Himmels ist nur … Ich kann jetzt die Maske sehen, Nacht hat sich in den Tag gekleidet, Wie ein Wolf im Schafspelz steckt. Nur ist der Tag der Nacht zu klein, Die im Innern ungebunden wächst, Darum bricht sie aus den Nähten, Du kannst sie in den Schatten sehen. Sie bricht heraus wie schwarze Tiger aus Karton mit Schwefelaugen. Die Nacht kleidet sich in alle Dinge, Wenn auch form- und lichtlos schwarz, So hat sie doch Gestalt und Macht Im blauen Lichtgewand des Tages, Das nur ein Tuch aus Träumen ist, Vor Schatten und bösen Gesichtern, Aus nichts als trügerischem Licht. Wie kam ich aus dem Wald? Wie aus der Stadt heraus? Auch Städte haben tiefe Orte. Städte sind die großen Wälder geworden. Noch einmal wiederhole ich: In allen Dingen steckt die Nacht, Aus allem Hellen bricht die Macht, Die auch zwischen Sternen kauert, Zum Sprung bereit wie Panther Schwarz und schwarz und schwarz, So tief und schwarz wie der Tod. Es ist der Tod. Er ist es wirklich, jener Ort, der so finster in den Träumen liegt und wacht. Drohung sickert durch die Ritzen, Wie dunkles Blut aus toten Körpern, Reichert meine kalten Träume an Und bei Licht mein wildes Denken. Hier ein Gesicht voll dunkler Gruben, Dort ein Dickicht voll von Pein, Ein hässlicher Gedanke am Himmel. Die Stadt, der Wald, mein Traum, der Tag. Alles nur in meinem Kopf. Ein Hier in dem es keine Realität gibt. Es gibt nichts Schlimmeres als das!

Rumor V

Drei türen Du kommst da an einen punkt, wo es nicht weitergeht. Du musst zwischen zwei türen wählen, die eine ist der versuch, dein altes weltverständnis beizubehalten, die andere ist wahnsinn. Und dann, wenn du nicht einfach kopflos losgerannt bist, bemerkst du die dritte tür, die in den hyperwahnsinn führt, oder in eine geistige gesundheit höherer art  

esomania Eine universität der besonderen art Alle professoren sind wahnsinnig Die universität ist also ein irrenhaus Und um hier zu studieren Muss man erst mal eingewiesen werden

am anfang sagte ich ein wort und dieses wort war werde am anfang schuf ich gott dann den himmel und die erde und die erde machte ich zur wüste und fegte sie leer und mein schatten lag finster auf der tiefe und mein geist schwebte auf dem wasser und gott sagte „es werde licht“ ich aber sagte „tu das besser nicht“ und gott sah ein, dass das gut war  

Herr meiner selbst der ich bin am leben ich spreche meinen namen auf das ich zu mir komme mein wille geschehe wie im geiste so auch auf erden mein tägliches brot verdiene ich heute und vergebe mir meine schuld auf das ich auch anderen vergeben kann und ergebe mich nicht der versuchung sondern erlöse mich von meinem übel denn mein ist das leben und die kraft und die verantwortung in wirklichkeit so soll es sein  

Im heim des grünen drachen Zu asche zerfallen Das gute leben Hinterm horizont Dem heim des grünen drachen Erwachen erwachen Die augen gelichtet Lege hand an stab und schwert Und Richte den blick Leere die schale Nimm sicheren stand Und Tue den flammenschritt  

Kehraus Der Rückbau der Weltbühne schreitet voran. Die Wälder und die Tiere sind längst heimgekehrt, Jetzt verschwinden die Meere, Lassen uns an sinnlosen Stränden zurück. Die Städte und Häuser, Straßen und Lichter, Die Menschen schließlich gehen zuletzt Und hinterlassen nur Wind und Leere und Stein, Bis dann am Ende noch der letzte Fels zu Sand zermahlen, Mit dem Wind sich aufmacht und verfliegt.  

dédié à C.baudelaire der dichter sagt’s – schon lange her und ich der tropf so lange suche sehr nach worten die dies sagen in meinen sinnlosen tagen sollt ich lesen anstatt schreiben nur um zu folgen meiner seele dunklen spur was licht aus andrer worten auf mein leben fällt mich fortweg im verwundern hält

Sturmwarnung

Blaulichtgewitter heute in allen Gassen. Der Sommer bricht, und die gellenden Sirenen der Einsatzfahrzeuge blasen unablässig Warnungen vor dem anrollenden Sturm. Die Straßen sind leerer als zuletzt. Ich vermute, die Menschen sitzen in ihren aufgeheizten Häusern und schwelgen in der süßen Melancholie vergangener Sommerabende, die einem von der unerträglichen Schwüle vorgegaukelt werden. Mein Hund und ich schleichen unterdessen bei unseren kurzen Wanderungen im kargen Schatten an den Mauern entlang und kämpfen uns tapfer von Klimagebläse zu Klimagebläse. Die Intervalle zwischen den Straßenbahnen sind enorm und kaum abzuwarten. Wir gehen erst später wieder raus, wenn hoffentlich der Orkan die Straßen der Stadt völlig leergefegt hat und die Menschen damit beschäftigt sind, sich trotz des infernalen Heulens vor der Haustür lächelnd an ihre atemlosen Leben zu klammern, und dabei ihre verbissene Hoffnung verschweigen, dass der Sturm ihnen nicht die Dächer direkt über den Köpfen abträgt. Diese Zeilen sind zuversichtlicher gemeint, als sie sich eventuell anhören mögen. Ich freue mich auf den Regen auch dann, wenn er erst morgen kommen sollte.

Rumor IV

Rumor ist eine Bassline

und so ritze ich
mit einer Feder aus Stahl
mit scharfer Spitze
dir Worte hinter die Stirn
und mit Saiten aus Stahl
Basslinien in dein Gebein

Die Unterwäsche der Vergangenheit

Ich weiß, ich soll hier in erster Linie Ratschläge verteilen, aus dem unerschöpflichen Fundus meiner apostolischen Berufung das Praktische herauskehren; aber ich denke, dort kommen wir hin, wenn ich Folgendes erzähle.

Dass wir unsere Körper alle sieben Jahre vollständig erneuern, hat sich ja längst herumgesprochen. Während ich heute am frühen Morgen so vor meinem Blumenfenster saß und in mein Milchhörnchen biss, um mich an seinem Geschmack zu erfreuen, den ich seit Kindheitstagen kenne, da überkam mich die Frage, mir zu überlegen, wer ich denn überhaupt bin, wenn ich alle sieben Jahre verdunste - und ob ich mit diesem Geschmack in der Frühe nicht einen Irrtum begehe. Kopiere ich hier nicht eine Person, die ich ja längst nicht mehr bin? Vielleicht - und ich hörte redlich in mich hinein - hätte ich viel lieber nach dem Aufstehen eine dampfende Schweinehaxe und einen Humpen Bier? Aus Trauer aber, weil ich mich ja einst kannte und gut mit mir auskam, als ich noch lebte, könnte ich doch etwas übernommen haben, das mich an die Freundin (wie sollte ich mein früheres Wesen sonst nennen?), die ich mir war, erinnert. So wie man Mais frisst, um seiner indianischen Vorfahren zu gedenken, nicht?

Nun, ich werde wohl keine große Philosophin mehr werden, aber ich sprang gleich auf und packte meine Unterwäsche und sonstige Kleidung, die sich länger als sieben Jahre in meinem Besitz befindet, in einen Müllsack, und in noch einen. Ach, und dann in noch einen. Ich würde ja nicht einmal die Wäsche meiner Schwester ohne Vorbehalt anziehen, so viel Not leide ich ja nun nicht.

Dabei stellte ich fest, dass ich mit dieser Aktion weit über die Hälfte meines Kleiderschranks eliminierte. Wir Mütterchen im besten Alter rutschen nicht mehr so kribbelig auf dem Hosenboden herum - uns hält der Zwirn deshalb ein wenig länger.

"Kurt!" sag' ich; "Kurt, willst du mich nicht endlich zu deiner Frau nehmen?"

Er sieht mich, ratlos neben den Wäschebergen stehend, verdutzt und auch etwas besorgt an. Und ich erkläre ihm, dass wir natürlich gar nicht verheiratet seien, weil ich ja die, die er geehelicht hat, gar nicht mehr bin, und ich unmöglich mit jemand in wilder Ehe zusammenleben könne. "Außerdem plädiere ich dafür, dass wir uns mal so richtig gut kennen lernen, und dass du die Klamotten, die dir nicht gehören nach meinem Vorbild entsorgst!"

"Renate", sagt er, "Renate, geht's dir gut?"

Urlust des Scheinens

Vor einem Jahr

Manchmal reicht der Tag für eine einzige Strophe, die man getrost auch Absatz nennen darf. Wie bei Schuhen. Urlust des Scheinens. Die Säfte wallen auf, jede Begegnung ist total, damit sie einen Abdruck hinterlässt. Sprachlosigkeit hingegen ist nicht der Tag, an dem man keine Worte mehr findet, sondern der Tag, an dem die Sprache nichts mehr nützt.

Freitag, 21. Juli 2017

Frontbericht

In aller Kürze mein Frontbericht: die Stimmen sprachen, es gäbe einen Krieg zu verhindern und ich glaubte ihnen. Sie haben mir den ganzen Nachmittag lang zugeflüstert, während ich ansonsten nur unter einem säuselnden Blätterdach saß und die Zukunft der Stadt entworfen habe. Kleine Roboter und große Gespräche über Politik. Die Geschichte über den vergessenen Spion in der Fremde ist jetzt, wo es Abend wird, tatsächlich schon beinahe fertig. Sie muss nur noch geschrieben werden. Dann darf er endlich heim.

Rumor III

hatte ein Springmesser aufgeschnappt im Bauch mitgetragen, dass sich jetzt schließen darf.
Scharfe Gedanken, die sich doch an der Spitze abstumpfen.
Müsste jetzt mal aus dem Kratzen ein Rollen machen, um heil über den Kanal zu segeln, nicht an der Kontrolle davor zu scheitern, weil Benzin im Gepäck vergessen und Feuer in der Hosentasche, was in Verbindung mit Flasche und Handtuch zum Stirnabtrocknen aussieht, wie ...
Da ist eine Tiefe dazwischen, wo es zweihundert Meter weit unter das Wasser geht. Ich bin schon einmal mit dem Schiff darüber gewesen. Und auf der anderen Seite, kurz vor Hy Brazil, auf Grund getreten, wo sich nichts als Steine aus dem Grün nach oben drängt und man so notgedrungen Mäuerchen baut in den Torf.
An der Westgrenze zum Graurunzel, dem alten Ozean und seinen Sharkwaves, die am Land herumbeißen, liegt eine Stadt. Da sind damals fast verhungerte Menschen gen Amerika ausgewandert, als das mit den Kartoffeln war.
So weit an der Oberfläche liegt die Steinzeit sonst nur im Odenwald. Danaans Völker kamen hier etwas nödlich an und setzten ihre Schiffe in Brand, hauten sich erst mit den Fir Bolg und dann mit Fomoren. Man kann davon Spuren sehen und eine Menge Hügel- und Hünengräber, wo die Wolken ganz niedrig drüberziehen und die Seeluft so nach Salz schmeckt, dass man den Fisch ungewürzt genießen kann. Torf, Steine, Grün - mehr gibt es nicht und das ist genau die Menge, die ich jetzt brauche, nämlich weniger, weniger, weniger und das Springmesser sich mal hinlegen lassen, von mir aus wegrosten, sich zu dem alten KRam gesellen.
Ein kleines Boot besteigen, zur noch kleineren Insel fahren, Wind blasen lassen.
In dem Buchladen am Hafen nach - natürlich - Büchern schauen und euch durch diese hindurch aus der lieben Ferne zuwinken.

Bis jetzt nur ein Rumoren, aber bald ...

Von elementaren Boten

Die letzten Tage bis zum Erhalt des Schlüssels für die neue Wohnung empfinde ich als zähe. Das mag daran liegen, dass ich noch einiges erledigen muss. Und eigentlich schon erledigt hätte, würden sich gewisse Dinge, und wie wir sie uns eingerichtet haben in dieser Welt, einfacher erledigen lassen. So vermute ich mittlerweile, dass es leichter ist ein Klavier mit Dick & Doof umzuziehen, als mit dem eigenen Geld. Was ja doch nur eine Zahl auf einem Konto meint. Fiktional, entmaterialisiert, algorithmisch. Habe auch nie ganz verstanden wie es zu der Redewendung flüssig / liquide sein kommen konnte.

Elementares trifft auf monetäres Denken. Oder auf meine Telefonstimme und linke Ohrmuschel. Orales Netz. Zerflossene Tat. Und alle Nymphen lachen sich scheckig. Lachflecken sind mindestens so schön wie Arschbackengrübchen. Mein Abgeschwiffen-und-Wusch-Impuls rettet mich auch hier wieder.

Auf einem Dach aus einer Rinne voll Blut trinken Herr Fittich und Frau Gurre, wäre eine, vor meinem inneren Auge entstandene, visuelle Übersetzung davon. Eine, die den Ernst beibehält. Ihn einfach nur auf anderer Ebene verstoffwechselt.

Dieses Bild wiederum mag daher kommen, dass Carl heute Morgen um halb Fünf, da er nicht mehr in den Schlaf finden konnte, sich in meinen hineinschmuste, und mir besorgt mitteilte, dass er noch überhaupt keine einzige Vogelstimme vernommen habe, was für diese Uhrzeit, wie er betonte, sehr ungewöhnlich ist. Tatsächlich! Es war nichts zu hören, nur hin und wieder ein Auto, das den Berg hinauf, in den Tagesschlund der Betriebsamkeit hinein fuhr. Doch dann hörten wir sie. Raben und Krähen. Die hiesigen Künder der noch steigenden Eos. Unser Gold im Mund war der frühe Kaffee, den wir uns gönnten, während wir uns angeregt über die Krähen- und Rabenpopulation hier in Kempten unterhielten. Wir fanden sogar heraus, dass Kempten die Stadt in Deutschland ist, die die größte Population zählt. Mich würde sehr interessieren, nach welchen Bedürfnissen solche Tiere ihr Habitat wählen. Welche Attraktivitäten dafür ganz generell gegeben sein müssen. Außerdem ist uns aufgefallen, dass sie sich in den letzten Tagen, wie wir vom Balkon aus beobachten konnten, häufig auf dem Dach der alten Spinnerei einfinden und tagen. Kleinere Bünde wiederum wählen umliegende Bäume, in der Nähe von dieser. Das ist wahnsinnig spannend zu verfolgen, besonders wenn sie sich aus allen Richtungen kommend versammeln. Hitchcock hätte seine Freude gehabt. Und ich kann nicht leugnen, dass sie mir durchaus, besonders in dieser auftretenden Masse, auch wie Endzeitboten erscheinen, die von Untergang und Aufgang künden, den Wettern und den Wettermachern. Das Parlament der Rabenvögel. Boten zwischen Himmel und Erde.


Jedoch zu solchen Vertreibungsversuchen von uns Menschen, wie sie die Stadt Kempten unternommen hat, würde John Marzluff, ein US-amerikanischer Ornithologe und Ökologe, wohl sagen: Menschen und ihre seltsamen Verhaltensweisen haben die Krähe schon immer fasziniert. 

Sehr feinsinnig. Echt witzig der Mann.

18:15 Es hagelt.

Nymphentag 16

Dass ausgerechnet heute um 4 Uhr in der Früh nicht etwa der Wecker anbimmelte, sondern die Blase, und ich danach nicht mehr in den Schlaf finden konnte, weil die Helligkeit schon spürbar in den Raum drang und noch immer keine Vogelstimmen zu hören waren, veranlasste auch die erwachte Albera, mit mir zusammen nach dem frühen Wurm zu suchen. Die Krähen tauchten dann doch auf, und in Kempten gibt es davon die größte Population ganz Deutschlands.

Die geschützten Vögel verunreinigen nicht nur Wege und Bänke, sondern auch geparkte Fahrzeuge. Doch die Stadt ist machtlos. Alle Vergrämungsversuche waren bisher erfolglos.
war in der Allgäuer Zeitung zu lesen.

Vor allem die vollgeschissenen Blechkarren freuen mich besonders.


Nun hielt unser neu erwachtes Früherwachen nicht lange stand und gen 5 Uhr verwickelten wir uns wieder in die eigentliche Realität des Schlafes, die dann bis halbzehn anhielt.

In Kürze wird Michael Liberatore bei uns mitschreiben, seines Zeichens Illustrator, wie ja jeder weiß, der hier liest.

Turmzimmer zu Karstenfels

Ich muss erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluss anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, dass jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Seasick Steve, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe: »Rauss mitt dirr, bevor man die Prinsessin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! Es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

Die agonale Kraft

Vor einem Jahr

Jetzt also kann ich mich in den sprachmächtigen u. detaillierten Roman von Alan Pauls - Die Vergangenheit - begeben, ein kleines Ausweichen von Roberto Bolaños Gesamtwerk; Casas Fabian und Eduardo Halfon sind bereits auf dem Weg (und mit etwas Verzögerung Carlos Busqueds Unter dieser furchterregenden Sonne). Sätze studieren, der Poesie auf die Schliche kommen, ohne sie in eine Theorie zu packen, was ja der Tod der Poesie selbst ist. Aus Lateinamerika war ich nie weg, auch wenn ich zwischenzeitlich interessiert daran war, was die Amerikaner so treiben, hier vornehmlich Ashberys Gedichte ("Mädchen auf der Flucht" - eine unfassbare Zusammenstellung des Unbegreiflichen). Europa? Nö. Wenn, dann Enrique Vila-Matas. Ansonsten bleibt hier nur das Alte, das man ja ohnehin kennt. Trotzdem nützt es nichts, zu sagen: so ist es eben. Ich frage mich also, woran liegt das? Das ist aber so unergründlich wie die Liebe selbst. Ich glaube, es ist der Nihilismus, gegen den man sich sträubt, und der mit Leben beantwortet werden muss.
Erfolg ist Verrat, Scheitern die agonale Kraft.
Las ich vor kurzem über Bolaños Wilde Detektive.