Donnerstag, 21. September 2017

Julio Cortázar - Erzählungen

Julio Cortázar war einer der Begründer dessen, was als Lateinamerikanischer Boom bekannt wurde. Ein Romanschriftsteller, Dichter, Dramatiker und Essayist war er, aber - und das ist das Wesentliche seiner Arbeit - vor allem ein fleißiger Erzähler von Kurzgeschichten. Er begann seine Arbeit unter dem Einfluß des Surrealismus. Seine phantastischen Erzählungen beginnen meistens mit einem gewöhnlichen Setting, in das unerwartet das Fremde, Seltsame einbricht. Seine Tätigkeit als Übersetzer, inklusive der Erzählungen Poes, beeinflussten sein Schaffen ebenfalls.
Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es scheint oft so, als stünden sie in Beziehung zueinander, wären verbrüdert und verbunden durch eine Röhre. Viele solcher Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H.P. Lovecraft, während andere unheimliche Elemente benutzen um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offenkundig, in anderen Fällen braucht es mehrmaliges Lesen, bevor sie verstanden werden. Das ist der Fall bei Julio Cortázar.
Nehmen wir das Beispiel 'Axolotl' und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:
"Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden in ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl."
Der Schlüssel an dieser Stelle ist nicht die ausgesprochene Transformation, sondern die Beobachtung und das andächtige  Schauen. Man kann die Geschichte als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische "uns" (Axolotl) mit dem menschlichen "ihn" (der Mensch) vertauscht.

Am Anfang der Geschichte geht der Erzähler angefangen von der Faszination dieser Amphibien im Larvenstadium dazu über, mehr und mehr Informationen über sie zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.
"Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte."
Hinter dem Gefühl der Obsession lauert etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremden. Im Laufe der Geschichte beginnt sie mit wiederholten Verweisen auf ihr Ursprungsland Mexiko, zurück zu den Azteken, die über das Land herrschten, bevor die Spanier kamen, Formen anzunehmen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Erzählung so deuten. Und doch könnte das alles auch eine Metapher sein für die Faszination für eine fremde Kultur, die soweit geht, komplett in sie eintauchen zu wollen, und zwar soweit, dass sie mit der ursprünglich eigenen Kultur getauscht wird. Dieses Gefühl fremder Akkulturation taucht in vielen Geschichten und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistsichen Geschichten, wie in seinem brillanten und epochemachenden Roman "Rayuela".

In seinen Geschichten verwendet Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu erforschen. In "Das besetzte Haus". Die alternden Geschwister, die in Abgeschiedenheit im Haus ihrer Großeltern leben, spüren, dass etwas in ihren abgeschlossenen Lebensraum eindringt und sie dazu zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das durch die Erzählung sickert.

"Südliche Autobahn" ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen Stau im kafkaesken Stil. Die im Stau steckenden versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich soweit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln "Axolotl", indem sie von eindeutiger Realität in seltsame, surreale Landschaften hineinrutschen. was real ist und was Ausgeburt der Phantasie, verschmilzt unentwirrbar miteinander, wird zu einer halluzinatorischen Einheit.

In den "Hüpf- und Sprungszenen" seines grandiosen Anti-Romans "Rayuela" zeichnet Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner einstigen Geliebten Maga. Auch hier kommt es zum Zusammenprall der Kulturen, zu einer verschwommenen Linie zwischen Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus "Axolotl". Sein Taumel durch Paris und Buenos Aires, auf der Suche nach Maga, kann ebenso für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Da gibt es Momente der stillen Bedrohung, ähnlich der des "besetzten Hauses"; und dann sind da die Momente, in denen Oliveiras Suche Quixotische Züge annimmt.

Im Laufe seiner 35 Jahre währenden Karriere als Schriftsteller hinterließ Cortázar eines der mächtigsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts unter Verwendung des Surrealismus, des Kulturkrachs, Selbstidentität und der Frage, wo Realität endet und Halluzination beginnt. Seine instabilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlaubten ihm, durch das Unerklärliche Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie es ein 'Realismus' niemals zu Wege bringen kann. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten und offenbart dadurch beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal wird das durch den Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit ausgedrückt wie in "Axolotl" oder "Das besetzte Haus".

Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist beinahe unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit bei einem ersten Lesedurchgang zu erfassen und er ist einer jener wenigen Autoren, die man wieder und wieder mit Genuss lesen wird.

Olga und der Ring



Olga öffnete die Tür und fand einen Ring. 'Natürlich', wird jetzt jeder sagen, 'natürlich fand sie einen Ring. Das ist ein Märchen, und da findet irgendjemand, der dann vielleicht auch noch die Hauptfigur ist (oder mit ihr in direktem Kontakt steht), ihr Gegenspieler sein mag, immer einen Ring oder ein anderes Artefakt.' Trotzdem hatte es etwas Besonderes mit diesem Ring auf sich: Er war nämlich gewöhnlich.


Mittwoch, 20. September 2017

Nymphentag 77

Die beiden Belegexemplare der Sonderausgabe IF sind heute angekommen, und ich muß sagen: das ist ein fettes, umfassendes Kompendium, das jetzt schon Kultfaktor besitzt. Tobias Reckermann, selbst Autor und kurzzeitig im Nymphenbad als Rumor zugange, hat hier hervorragende Arbeit geleistet. Natürlich unterscheidet sich das Nymphenbad von den Anforderungen des Magazins. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leser mit einer gehörigen Portion Unverständnis auf das reagieren, was sie im Weblog lesen, nur muß ich anmerken, daß ich, um mental dorthin zu gelangen, wo noch niemand gewesen ist, keine Grenzen der Sprache anerkenne. Überhaupt sind die Machenschaften einer Konsensliteratur für mich ein steter Quell des Zorns, der an Dummheit nicht mehr zu überbieten ist. Das phantastische Element, das wir in der gegenwärtigen Hochphilosophie vorfinden (wo es auch hingehört), darf nicht durch künstliche Grenzen des Sagbaren aufgehalten werden. Die Strukturen des Phantasmas begründen eine Wirklichkeit, die wesentlich ernster genommen werden muß als das grenzdebile Geschwätz von "Realität" oder "Realismus". Mensch lernt natürlich nichts im Laufe der Zeit, und Akademiker lernen in der Regel am wenigsten, sie gehören meist zu den "schlausten Deppen" des Planeten. Wir benutzen unsere Sprache falsch, wir benutzen eine falsche Sprache. Das ist der Ansatzpunkt. Unmögliches ist nicht zu beschreiben, dazu braucht es eine "unmögliche Sprache". Diesbezüglich bin ich natürlich ein Sprachpionier, ein notwendiger, geächteter Solitär der deutschen Sprache.
Aber ich habe hin und wieder auch etwas zu erzählen, und wenn das so ist, werde ich es mit Inbrunst tun. Jetzt aber werde ich mir die "Bibel des Horrors" durchlesen und mich daran erfreuen, etwas Wertschaffendes in Händen halten zu können, es kommt ja selten genug vor.

Kältekontainer



Sprecher: Michael Perkampus / Sarina Mira